Als Erste aus der Familie studieren
Foto / Laura Marie Steinhaus

Als Erste aus der Familie studieren

Die bewusste Entscheidung für die Kulturanthropologie löste nicht nur durch den unklaren Inhalt des Studiums Verwirrung in meiner Familie aus – nein, denn ich war die Erste von uns, die überhaupt studieren würde.

Dass ich nach der Schule weder eine Ausbildung zur Dekorateurin in einem lokalen Kaufhaus, noch in einer Apotheke machen wollte, war mir schon immer bewusst. Ich weiß heute nicht mehr, ob und wie ich meine Familie über meine Pläne nach dem Abitur aufgeklärt habe. Nur noch, dass die ersten Rückfragen sich an den finanziellen Aspekt richteten: In einer Ausbildung könne ich bereits etwas verdienen, ein Studium hingegen sei teuer. Und sie hatten Recht, keine Frage. Studieren sollte für mich heißen, staatliche Unterstützung durch Bafög – und später einen Studienkredit – beantragen zu müssen. Und nebenher zu arbeiten. Auch dieser Umstand war mir sehr bewusst, aber um ehrlich zu sein, interessierte mich das herzlich wenig. Mit dieser fast schon Laissez Faire Einstellung sowie einem gewissen Maß an Mut und dem Willen, selbstständig Entscheidungen zu treffen, begann ich 2013 mein Bachelorstudium an der Universität Göttingen.

Turbulenter Start ins Studium voller Fragen

Die erste Zeit war…turbulent. Natürlich nicht nur, weil ich die Erste aus meiner Familie bin, die studiert. Viele kommen nach dem Abi an die Universität und wissen vielleicht nicht genau, was ECTS-Punkte, Prüfungsordnungen und Vorlesungsverzeichnisse sind, und fragen auch nicht so gerne nach. Die ersten Semester rauschen vorbei, weil so vieles neu ist. Nicht nur das Setting Universität, sondern vielleicht sogar die Stadt, die Region, das soziale Gefüge oder einfach: das Leben.

Um weiter ehrlich zu sein, fiel es mir nicht immer auf, dass viele meiner Kommiliton*innen aus einem anderen familiären Hintergrund kamen als ich. Fragen nach sozialen Milieus und Unterschieden stellte ich mir zu Beginn weniger, reflektierte aber über die Zeit hinweg in verschiedenen Situationen durchaus meinen Kontext. Für mich stellte es sich am schwierigsten heraus, mein Studienfach zu erklären und auch ein Stück weit zu rechtfertigen, was ich tat. Ich glaube, Prüfungsformen wie Seminararbeiten und den Aufwand, der hinter dieser Art der wissenschaftlichen Arbeit und Forschung steht, konnte meine Familie nie vollends einordnen. Dabei ging es nicht nur um die konkreten Studieninhalte der Kulturanthropologie, sondern vielmehr um den akademischen Kontext an sich. Ich konnte mit meiner Familie nur sehr begrenzt über das reden, was ich eigentlich machte. Viele Fragen, die ich in vielen Situationen hatte, konnten sie mir nicht beantworten. Wie zitiere ich denn jetzt richtig und reichen fünf Bücher als Sekundärliteratur? Ich sage nicht, dass das in Familien mit akademischem Hintergrund gravierend anders ist, aber im Vergleich zu meinem Umfeld waren für mich Unterschiede erkennbar. Ich glaube, ein Verständnis für mein Studium fehlte nicht etwa, weil das Interesse meiner Familie nicht dagewesen wäre. Eher, weil diese Form der Ausbildung allgemein außerhalb ihrer Alltagswelt lag. Ich hätte meiner Familie keine Seminararbeiten schicken können, um sie Korrektur lesen zu lassen. Bei Formularen und Anträgen wusste auch niemand so richtig Bescheid und Entscheidungen über den Studienverlauf, mein Auslandssemester oder Praktika konnten auch nicht wirklich besprochen werden. Nicht, dass diese Dinge immer mit der Familie zu besprechen wären, aber grundsätzlich wusste ich einfach, dass alles rund um mein Studium für sie immer eher auf einer abstrakten Ebene bleiben würde.

Nach Hilfe fragen oder: das Mentoring-Programm 

Vieles, was mich zu Beginn des Studiums verunsicherte, lag an fehlenden Informationen und Erfahrungen. Ich habe keine Geschwister, keine Eltern oder andere Familienmitglieder, die studiert haben. Finanziell nicht wirklich abgesichert zu sein, muss nicht an diese Tatsache gekoppelt sein, kam in meinem Fall aber noch hinzu. Ich wusste immer, dass ich mich auf meine Familie verlassen kann – nur eben nicht bei konkreten Problemstellungen, die mein Studium betreffen.

Einige Jahre nach Studienbeginn wurde ich auf das Mentoring-Programm der Universität Göttingen aufmerksam. Ich sah darin eine Chance, mein erlerntes Wissen an andere weiterzugeben. Hätte ich zu Beginn des Studiums das Angebot selbst genutzt, wenn ich davon gewusst hätte? Ich glaube nicht. Denn nach Hilfe zu fragen, ist tatsächlich etwas, das ich lernen musste. Zu realisieren, dass die Teilnahme an einem Mentoring-Programm nichts Peinliches ist oder zeigt, dass ich es nicht alleine hinbekomme, ist eine gute und wichtige Einsicht. Ich vertrete mittlerweile die starke Meinung, dass es sehr klug ist, die Hilfe und die Möglichkeiten, die mir gerade wegen meines manchmal begrenzten Zugangs zur Verfügung stehen, konkret zu nutzen. Die eigene Situation aus eigener Kraft zu verändern ist wichtig, sich ab und an Hilfe zu holen, ist es aber genauso.

Als ich anfing, ehrenamtlich als Mentorin zu arbeiten, entdeckte ich viel von mir in meinen Gegenübern wieder. Die Unsicherheit, aber ebenso das teilweise „Runterspielen” der Ängste, die so ein neuer Lebensabschnitt mit sich bringt. Die Einsicht, dass es andere auch schwer haben. Der Ehrgeiz, zeigen zu wollen, dass alles alleine machbar ist, auch wenn das bedeutet, sich selbst zu belügen. Das Mentoring-Programm fand dabei immer auf Augenhöhe statt. Es gab keine Hierarchie – vor allem nicht, weil alle Mentor*innen aus ähnlichen Lebensumständen kamen. Niemand hatte einen akademischen Familienkontext. Wir waren alle mal an dem Punkt, am Anfang des Studiums. Mit diesem seltsam unklaren, aufregenden Gefühl, etwas Neues anzufangen. Nicht zu wissen, was alles bedeutet und was wir tun, aber sicher zu sein, dass wir genau das wollen. Oder auch nicht – denn Unsicherheit, so habe ich gelernt, gehört zum Leben dazu.

Von der Schülerin zur Lehrerin?

Als Mentorin sah ich mich als Ansprechpartnerin und nicht als eine Person, die dogmatisch ein „How to Study”-Regelwerk erstellt und akribisch durchzusetzen versucht. Ich könnte dem Programm auch die Überschrift Hilfe zur Selbsthilfe geben, denn das war es im Endeffekt. Tatsächlich ist es viel Arbeit, zu erkennen, was wir bereits alles können und geschafft haben. Manchmal lösen sich Fragen und Hürden im Studium durch kleine Handgriffe, manchmal durch stabile Hilfestellungen auf. Natürlich, es gibt auch Situationen, in denen wir genau wissen, wo das Problem liegt – und ja, es liegt teilweise wirklich an uns selbst. Manches lässt sich aufgrund diverser Umstände gar nicht regeln. Aber, und das ist mir wichtig: Gemeinsam lassen sich viele Herausforderungen viel leichter meistern. Deshalb können Familie, Freund*innen, Kommiliton*innenDozierende und Mitarbeiter*innen der Universität genauso hilfreich sein, wie ein konkretes Mentoring-Programm.

Niemand muss alles alleine schaffen. Für mich habe ich gelernt, ohne Scham Hilfe einzufordern und anzunehmen. Vor allem dann, wenn sie ehrlich angeboten wird. Gleichzeitig – und ich denke das widerspricht sich keinesfalls – lehne ich Hilfe manchmal bewusst ab, und auch das ist mehr als in Ordnung.

 

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  1. Drei weitere, mehr oder weniger bekannte Initiativen und lokale Unterstützungsangebote:
    https://netzwerk.arbeiterkind.de/toro/resource/html#!entity.29041
    https://www.lehrentwicklung.uni-freiburg.de/LE/projekt-running-mates/projekt-running-mates
    – Oneweekstudent.de

    Lesenswert zu diesem (leider) immer noch wichtigen Thema:
    – Pierre Bourdieu: „Homo academicus“ (1984) und „Die feinen Unterschiede“ (1979) [We call it a Klassiker!]
    – Didier Eribon: „Rückkehr nach Reims“ (dt. 2016) und „Gesellschaft als Urteil“ (2017)
    – Katja Urbatsch: Ausgebremst. Warum das Recht auf Bildung nicht für alle gilt (2011)
    – Thomas Spiegler: Erfolgreiche Bildungsaufstiege. Ressourcen und Bedingungen (2015)
    – sowie diverse Publikationen der Dortmunder Soziologin Christina Möller

    Für weitere Hintergründe und Einordnungen aus verschiedenen Fachperspektiven siehe etwa:
    – Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2018): Bildung in Deutschland 2018. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Wirkungen und Erträgen von Bildung. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag.
    – Blome, F., Möller, C. & Böning, A. (2019): Open House? Class-Specific Career Opportunities within German Universities. Social Inclusion, 7(1), 101–110.
    – Jakszat, S. & Lörz, M. (2018): Ausmaß, Entwicklung und Ursachen sozialer Ungleichheit beim Promotionszugang zwischen 1989-2009. Zeitschrift für Soziologie, 47(1), 46-64.
    – Lörz, M., Netz, N., Quast, H. (2016): Why do students from underprivileged families less often intend to study abroad? Higher Education 72 (2), 153–174. https://doi.org/10.1007/s10734-015-9943-1
    – Stifterverband für die deutsche Wissenschaft (2017): Hochschul-Bildungs-Report 2020. Höhere Chancen durch höhere Bildung? Jahresbericht 2017/18 – Halbzeitbilanz 2010 bis 2015. https://www.stifterverband.org/medien/hochschul-bildungs-report-2020-bericht-2017 [23.04.2018].
    – Jury, M., Bruno, A. & Darnon, C. (2018). Doing better (or worse) than one’s parents: Social status, mobility, and performance-avoidance goals. British Journal of Educational Psychology, 88, 659–674. doi:10.1111/bjep.12210
    – Gibbons, M. M., Rhinehart, A. & Hardin., E. (2019). How first-generation college students adjust to college. Journal of College Student Retention: Research, Theory & Practice, 20, 488–510. doi: 10.1177/1521025116682035

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