Bildung und soziale Ungleichheit – zur Frage nach Benachteiligung und ökonomischen Schieflagen

Bildung und soziale Ungleichheit – zur Frage nach Benachteiligung und ökonomischen Schieflagen

Wie kommt es, dass die Proportionen der an der Uni studierenden aus Akademikerfamilien und Nicht-Akademikerfamilien so ungleich sind? Welche Mechanismen liegen der schlechten sozialen/akademischen Mobilität zugrunde und wie können wir das Phänomen der Unverhältnismäßigkeit nachvollziehen?

Nicht erst seit der breit angelegten Studien der OECD wissen wir, dass das Einkommen der Haushalte entscheidend ist, wenn wir uns die Frage nach Bildungserfolg und – in diesem Zuge auch prestigeträchtigen – Berufen stellen. Inwiefern fungieren die Bildungsinstitutionen als Inkubatoren für die (Re-)Produktion sozialer Ungleichheiten? Sind Schulen/Universitäten ein Kristallisationspunkt, an dem sich ein tiefgreifender Distributionskonflikt manifestiert?

Prädisposition und Förderung

Die fadenscheinige Illusion einer biologisch determinierten Intelligenz- und Bildungsordnung ist eine in Alltagsmomenten, also in selbstverständlichen Situationen, häufig auftretende Position. Sie unterminiert das Potential derer, die sich in der konventionellen Bildungslandschaft nicht zurechtfinden können, und konstituiert eine – (sozial)wissenschaftlich betrachtet – völlig haltlose Rangordnung. Sozio-Ökonomische Voraussetzungen, welche entscheidend sind, um mögliche Lerndefizite auszutarieren, werden getrost außer Acht gelassen.

Selbstverständlich muss eingeräumt werden, dass eine Variabilität verschiedener Intelligenz- und Bildungsgrade existiert. Menschen haben eben eine unterschiedliche Prädisposition. Deshalb ist die Annahme, wir seien verschieden ausgestattet, auch keine kontroverse. Es gibt “begabtere” Menschen und es gibt eben weniger begabte. Jedoch würde eine – auf die Intelligenz und bezogen – weniger gut situierte Person in einem bildungsnahen Haushalt die für den Ausgleich dieser Schieflage notwendige Förderung erhalten. Das inkorporierte kulturelle Kapital der Erziehungsberechtigten/Eltern stellt ein wesentliches Element für die kognitive Entwicklung und schulische “Eigenleistung” dar. Sei es die frühkindliche Bildung oder das Wissen über die wichtige Rolle der Bildung in einer leistungsorientierten Arbeitsmarktpolitik. Das Schicksal des Kindes ist an das Wissen der Eltern gekoppelt. Anders würde es sich bei einer eigentlich gut situierten, jedoch finanziell benachteiligten Person verhalten. Hier würde das fehlende inkorporierte kulturelle Kapital und das fehlende ökonomische Kapital einen – so meine These – negativen Einfluss auf die schulische Entwicklung und Entfaltung des Kindes haben.

An dieser Stelle ist ein soziologischer Anspruch unumgehbar. Der zugrunde liegende Mechanismus kann im Bereich des Humankapitals angesiedelt werden. Mit Humankapital ist hier die Ökonomie der Alltagspraxis nach Bourdieu gemeint. Klar sind wir unterschiedlich gebildet, unterschiedlich geschult, kommen aus unterschiedlichen Milieus und haben demnach verschiedene Herangehensweisen und Perspektiven/Kapazitäten. So steht im Paper „Vom Arbeiterkind zum Akademiker“ der Konrad Adenauer Stiftung:

„Bildungsferne Kinder und Jugendliche – so El-Mafaalani – erfahren ihre grundlegende Prägung in einem familiären Umfeld, das durch Knappheit an ökonomischem Kapital (Geld, Besitz) kulturellem Kapital (Wissen, Bildung), aber auch an sozialem Kapital (soziale Netzwerke, Anerkennung) gekennzeichnet ist. Daraus entwickelt sich ein Habitus der Notwendigkeit, der in der konkreten Frage zum Ausdruck kommt: Was bringt mir das? Das Lernen von Dingen, die nicht direkt verwertbar sind, macht aus Sicht der Kinder wenig Sinn. Diese funktionale Logik der Verwertbarkeit schränkt den Bildungshorizont nicht privilegierter Kinder deutlich ein und senkt den Motivationspegel etwas wirklich gut zu können, wie z. B. Musik oder Sprache.“

Der Habitus ist also elementar, wenn wir die Motivation und das Selbstvertrauen von Menschen aus bildungsfernen Milieus verstehen wollen. Dabei müssen wir uns vergegenwärtigen, dass die akademische Selektion nicht bei der Erziehung oder in der Grundschule aufhört. Sie zieht sich bis in die höchsten Bildungsabschlüsse durch. Verwiesen sei an dieser Stelle der Hochschulbildungsreport2020, welcher auf seiner Startseite der Homepage mit folgender Präambel begrüßt:

„Eine Hochschulzugangsberechtigung erwerben bereits nur etwa halb so viele Nichtakademiker- wie Akademikerkinder. Doch danach hört die soziale Selektion nicht auf: Bis zum Master steigt die Relation auf knapp 1:6, bis zum Doktortitel sogar auf 1:10. Das heißt, von 100 Akademikerkindern erwerben durchschnittlich zehn den Doktortitel, von 100 Nichtakademikerkindern nur eines.“

Statistik & Staatsetat 

Auch müssen die statistischen Auswertungen des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales apostrophiert werden. Aus dem Armuts- und Reichtumsbericht geht hervor, dass (Stand 2017) 65,6% der höheren Einkommensschicht, 30,5% der mittleren Einkommenssicht und nur 15,1% der geringen Einkommensschicht mit einem hohen Bildungsniveau ausgestattet sind.

Unverständlich bleibt die Priorisierung des Verteidigungsministeriums im Bundeshaushalt gegenüber diversen anderen Ministerien (für 2019). Genannt sei das Ministerium für Bildung und Forschung mit einem Etat von 18,27 Milliarden Euro, welches im Gegensatz zur Verteidigung (43,3 Milliarden Euro) nicht einmal über die Hälfte der finanziellen Ressourcen verfügt. Zum Vergleich: Das Ministerium für Bildung und Forschung (18,27 Milliarden Euro) und das Ministerium für Gesundheit (15,3 Milliarden Euro) erhalten selbst zusammen nicht annähernd so viel finanzielle Unterstützung wie das Verteidigungsministerium. Auch die Zwischenbilanz für 2020 spricht die gleiche Sprache. Eine falsche Priorisierung kann demnach diagnostiziert werden.

Was muss geschehen? 

Einmal mehr stellt sich die Frage, weshalb die sozio-ökonomischen Voraussetzungen als Indikatoren für Bildungs- und Berufschancen ausschlaggebend sind. Dass die Einkommensproportionen mit dem Bildungsniveau korrelieren, ist augenscheinlich nicht von der Hand zu weisen.

Ich möchte festhalten: Die Auswertungen der OECD sowie die des Hochschulbildungsreports und des Ministeriums für Arbeit und Soziales zeigen eindeutig: Der Ist-Zustand unserer Bildungsinstitutionen ist abenteuerlich. Sie fungieren als Multiplikatoren für die Reproduktion sozialer Ungleichheiten und reichen Bildung, Prestige und Status in einem hermetisch abgeriegelten Machtsystem an die nachfolgende Generation weiter. Wenn wir über soziale Deprivation, über Marginalisierung, über Devianz und über den Zugang bzw. Isolierung von kumulativen Ressourcen sprechen, so müssen wir uns diese Ausschlusssysteme vor Augen führen. Wenn es wirkliche Bildungsgerechtigkeit geben soll, muss sich eine Gesellschaft und ihre Politik von neoliberalen Avancen emanzipieren und entschlossenere Maßnahmen – etwa eine andere Priorisierung des Haushalts oder ferner die Logiken der ökonomischen (Um-)verteilungspolitik zu verwerfen und neu zu konzeptionalisieren – ergreifen, um die grassierende Ungleichheit zu überwinden und den diesem Phänomen innewohnenden Gesellschaftskonflikt aufzulösen.

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