Ich studiere Geisteswissenschaften und habe Legastenie – sorry, ich meinte LegastHenie.

Ich studiere Geisteswissenschaften und habe Legastenie – sorry, ich meinte LegastHenie.

Mit Legasthenie Geisteswissenschaften studieren – wie soll das denn gehen? Es ist nicht leicht, aber es klappt. Ein kleiner persönlicher Einblick in ein Studium unter erschwerten Bedingungen.

Zuerst ist zu klären, was Legasthenie eigentlich ist und inwiefern sie den Unialltag und andere Lebensbereiche betrifft. Psycholog_innen beschreiben die Legasthenie als eine Lese-Rechtschreib-Störung. Es handelt sich um eine eindeutige Beeinträchtigung der Lese- und Rechtschreibfähigkeit, die sich weder auf das Entwicklungsalter noch auf eine unangemessene Beschulung zurückführen lässt. Dies zeichnet sich dadurch aus, dass beispielsweise dieselben Wörter in einem Text unterschiedlich falsch geschrieben werden und das Textverständnis durchschnittlich mehr Zeit in Anspruch nimmt. Je ausgeprägter die Legasthenie ist, desto größer sind die Schwierigkeiten. Zu allem Überfluss muss man diese Beeinträchtigung sein Leben lang mitschleppen.

Es liegt also auf der Hand, dass Legasthenie nicht nur den universitären Kontext betrifft, sondern beinahe alle Lebens- und Alltagsbereiche. Sich als Muttersprachler_in auf dem banalsten Niveau schriftlich einwandfrei ausdrücken zu können, ist eine gesellschaftliche Norm und eine unhinterfragte Selbstverständlichkeit. Diese Selbstverständlichkeit streckt auch in meinem Alltag überall ihre lästigen Fühler aus, von WhatsApp bis zu Liebesbriefen, von formlosen Beschwerdemails bis zu Essays und Hausarbeiten, von der Notiz für Kolleg_innen bis zu – wer hätte das gedacht – diesem Text hier. Diejenigen, die gegenüber dieser selbstverständlichen Norm aus der Reihe tanzen, sehen sich mit Zuschreibungen wie etwa „faul“ oder – um es vorsichtig auszudrücken – „unterdurchschnittlich intelligent“ – konfrontiert. Diesbezüglich bestätigt ein Artikel aus Le Monde de l’educationvon 1979 meine Gedanken:

„Die legale Rechtschreibung ist nicht ohne Charme, weil sie nicht ohne Perversität ist; aber man bestrafe nicht mehr die ‚Unwissenheit’ und die ‚Flüchtigkeit’; man höre auf, sie als Abwegigkeiten oder Schwachsinnigkeiten wahrzunehmen; möge die Gesellschaft endlich (oder wieder) bereit sein, das Schreiben vom Staatsapparat, dem es heute zugehört, zu lösen, kurz, man möge aufhören, unter Berufung auf die Rechtschreibung auszugrenzen.“ (Barthes 2006, S. 53)

Die Rechtschreibung ist also ein Politikum, welches am deutlichsten in seiner Form als Amtssprache hervortritt und zum Gesetz wird. Zwar führt dieses Gesetz zu einer Vereinheitlichung von Schrift und Sprache in einer amtlichen Gemeinschaft, jedoch auch zu ausgrenzenden Sanktionen, wie etwa eben benannten Assoziationen von faul oder minder intelligent. Das Gesetz der richtigen deutschen Rechtschreibung ist ein Produkt gewisser Machtgefüge und wird mehr oder weniger unhinterfragt befolgt. Ein Gesetz, das sagt, dass die Katze eben keine Kaze ist! Insbesondere als Legasthenikerin kann ich mich einfach nicht mit diesem gesetzten Gesetz anfreunden. Immer wieder frage ich mich, ob man „hat“ oder „hatt“ schreibt, ob man Vater wie Fehler mit „f“ und nämlich wie ähnlich mit „h“ schreibt. Mittlerweile habe ich mir für solche Fragen einige Strategien und Tricks angeeignet, um die richtigen Schreibformen zu finden. Bevor ich aber dazu komme, muss ich nochmal zum Anfang zurück.

Wichtige Überlebensstrategie: Nachteilsausgleich

Ich habe also Legasthenie und studiere Geisteswissenschaften. Ausgerechnet das, wofür ich eigentlich nicht die Anlagen habe, würde manch einer/eine sagen, der/die ein oder andere fragt sich, „na warum denn der ganze Stress, warum machst du nicht etwas, das dir leichtfällt?“ Die Antwort ist: Weil ich an dem, was ich mache, Spaß habe und ich mir nichts Anderes vorstellen kann, als das zu tun, was ich eben tue. Und ich habe es geschafft, diese fehlenden Anlagen zu überlisten, mit gewissen Strategien, die ich mir auf meinem Weg angeeignet habe und die für mein Studium überlebenswichtig sind.

Das war allerdings ein langer Weg und er beginnt bereits in der Grundschule. Dort war ich auf die Toleranz und das Verständnis der Lehrer_innen angewiesen. Da diese nicht dazu verpflichtet waren, Legasthenie anzuerkennen, gab ich das Gespräch darüber aber schnell auf. Dementsprechend groß waren im ersten Semester meine Bedenken und Ängste, darüber zu sprechen. Doch mit zunehmend positiven Erfahrungen reduzierten sich diese Hemmungen immer mehr. Letztlich musste ich mich aber überwinden und darüber sprechen, denn nur so bekam ich einen sogenannten genehmigten Nachteilsausgleich.

Vor meiner ersten Klausur wollte ich dann einen Professor über meinen Nachteilsausgleich in Kenntnis setzen. Ich hatte Angst, dass er mir von meinem Studium abraten würde oder dass er mit Unverständnis reagieren und sich über meinen Nachteilsausgleich hinwegsetzen könnte. Doch er sagte, dass es selbstverständlich sei, dass meine Leistungen aufgrund der Legasthenie lediglich inhaltlich bewertet würden. Und er hielt Wort. Das Einzige, was er von mir wissen wollte, war, was ich nun bräuchte, um diesen Nachteil auszugleichen. So bin ich zu der ersten Strategie gekommen: Überwinde deine Hemmungen und rede darüber!

Eine weitere und ebenso wichtige Überlebensstrategie ist, Vertraute zu haben, die über meine selbst geschriebenen Texte schauen. Der kleine Haken an der Sache ist, dass es dazu Andere braucht, aber letztlich sind wir alle in verschiedenen Bereichen mal auf andere angewiesen.

Der Katzentrick und die Knoten

Schlussendlich ist das Studium, gerade weil es lese- und schreibintensiv ist, für mich die einzige erdenkliche Möglichkeit zur „Besserung“ meines Problems. Es liegt allerdings nicht daran, dass ich durch die etlichen Schreib- und Leseübungen endlich das Schreiben und Lesen gelernt habe, sondern dass ich immer mehr Strategien, Eselsbrücken und Tricks entdecke, die ich zum richtigen Schreiben und Lesen anwenden kann.

Einer dieser Tricks ist der Katzentrick. Den wende ich an, wenn ich mir unsicher bin ob etwas mit „tz“ oder nur mit „z“ geschrieben wird. Da ich aus irgendeinem Grund weiß, dass man Katze mit „tz“ schreibt, kann ich hiervon ableiten, dass alle Wörter mit einem Vokal vor einem Z-laut mit „tz“ geschrieben werden. Durch eine Art Ausschlussverfahren weiß ich ebenfalls, dass beispielsweise Konzentrieren nur mit „z“ geschrieben wird. Der Katzentrick dient hierbei als Eselbrücke für diese eigentlich einfache, für mich aber nicht nachvollziehbare und vor allem nicht internalisierte Regel.

Dennoch sind diese Anwendungen neben dem Schreiben eine Zusatzarbeit. Es ist, als müsste man jedes Mal beim Schuhebinden von Neuem überlegen, wie das nochmal geht. Außerdem gibt es beim Schreiben nicht nur den Schnürsenkelknoten, sondern eben auch den Seemannsknoten, den Krawattenknoten, den Elefantenrüsselknoten, den Schlange-außer-Gefecht-Knoten und so weiter und so fort. Trotzdem ist für mich ein geisteswissenschaftliches Studium mit Legasthenie möglich – weil ich die angebotene Hilfe der Universität nutze und die meiner Freund_innen und Vertrauten. Weil ich darüber sprechen – und sogar schreiben kann.

Informationen zum Nachteilsausgleich an der Universität Freiburg finden sich auf den Seiten des Service Center Studium und unter folgendem Link:

Weitere Informationen zur studentisch organisierten Gruppe  für Studierende mit Beeinträchtigung und chronischen Krankheiten unter folgendem Link:

 

Literatur: Barthes, Roland: Das Rauschen der Sprache. Frankfurt a.M. 2006.

 

Bild: Lea Künne

 

 

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