Ich weiß nicht weiter und ich weiß auch nicht wohin
Street-art in der Fischerau, Freiburg im Breisgau.

Ich weiß nicht weiter und ich weiß auch nicht wohin

Studentin, 23 : Auf der einen Seite zielorientiert und effizient | andererseits planlos und überfordert. Herausfordernde Situationen gibt es immer wieder und eben auch im Studium. Wie du damit umgehen kannst und wo du Hilfe bekommst erfährst du hier.

vom Verlorensein

Mich verloren zu fühlen ist eine der schlimmsten und anstrengendsten Gefühlslagen, die ich habe. Vor allen Dingen, weil es mich einsam macht und isoliert. Egal wo ich bin oder mit wem ich rede, ich habe immer das Gefühl die anderen haben das Leben einfach raus. Ich hingegen bin an meinem Gedanken-Bahnhof, sitze auf einer Bank und die Züge rauschen an mir vorbei. Jeder Zug hat ein anderes Ziel und andere Möglichkeiten. Die Menschen um mich herum steigen ein, aus und um und das alles ohne Probleme. Doch an mir zieht all das vorbei, denn ich kann mich nicht überwinden einfach einzusteigen und los zu fahren. Ich bleibe auf der Bank sitzen und sehe den anderen Menschen zu wie sie ihr Leben leben und das alles so leicht hinbekommen. All das frustriert und demotiviert mich manchmal so ungemein, dass ich mich frage warum ich mein Leben gerade so lebe wie ich es tue. Warum studiere ich? Warum lebe ich in Freiburg? Warum bin ich mit meinen Freunden befreundet und warum kann ich nicht einfach losfahren und schauen was dann passiert? Was hält mich denn zurück?

Manchmal sind es auch nicht meine Gedanken, die mich ins Verlorensein tragen, sondern mein Körper. Ich habe das Gefühl mein Körper versteht mich besser als mein Verstand. Wenn etwas gerade nicht so gut läuft und mein Verstand das einmal wieder nicht mitbekommt, weil er mit anderen Dingen beschäftigt ist, macht mein Körper mich darauf aufmerksam. Die Lieblingsmethode meines Körpers ist meinen Schlaf-, Ess- und Tagesrhythmus durcheinander zu bringen und mich damit in den Wahnsinn zu treiben. Wenn ich das dann gekonnt ignoriere, da ich eben andere Dinge zu tun habe, reagiert mein Körper mit Kopf- oder Bauchschmerzen und zwingt mich somit dazu mich mit meinen Gedanken zu beschäftigen. Tja und dann sitze ich wieder auf meiner Bank am Bahnhof und weiß nicht mehr weiter und auch nicht wohin.

…wenn mal wieder alles relativ ist

Wenn ich gerade viel zu tun habe, ob in der Uni oder mit Freunden, dann nehme ich mir oft nicht so die Zeit für meine Gedanken und relativiere sie. Mein Verstand ist brillant darin sich Ausreden einfallen zu lassen, warum ich mich damit jetzt nicht beschäftigen muss. Meine Top-Ten der ignoranten Gedanken ist dann:

  •   Anderen geht es noch viel schlechter als dir und du heulst hier rum.
  •   Das Leben ist eben nicht einfach, so get over it.
  •   Ganz ehrlich, wer geht denn schon zur Therapie.
  •   Du immer mit deinen Luxusproblemen, sei doch froh um das was du hast.
  •   Woanders ist das Gras auch nicht grüner.
  •   Och, nicht schon wieder, so langsam hast du dich aber genug mit dir beschäftigt.
  •   Ein gesundes Stresslevel hilft dir doch deine Aufgaben zu erledigen.
  •   Therapie ist doch nur wieder so ein komischer Trend, als ob du das brauchst.
  •   Dann nimm halt jetzt ein Bad, aber danach ist auch gut.
  •   Nur die Harten kommen in den Garten.

Nach diesen aufmunternden Gedanken hat mein Verstand also das Thema ad Acta gelegt und mir geht es dann wieder gut. Dass diese Ideen, eine sehr destruktive Art sind mit meinen Gedanken umzugehen, kommt mir in diesen Momenten gar nicht in den Sinn. Anstatt dass ich mir in Ruhe einmal etwas Zeit für mich nehme, so wie ich das zum Beispiel zum Zähneputzen, Duschen oder Schminken tue, ignoriere ich diese Gefühle einfach. Auf lange Sicht jedoch stauen sich dabei viele Dinge an, wie in einem Wartesaal und dann dauert es Ewigkeiten die einzelnen wartenden Gefühle anzuschauen und zu bearbeiten. Es wäre viel einfacher ich würde mir ein paar Minuten pro Tag nehmen, um diese Gedanken zu reflektieren und genauso wie jeder Mensch Körperhygiene betreibt, Psychohygiene zu betreiben. Genau das habe ich mir jetzt vorgenommen.

 

…vom Ersten-Schritt oder der Kunst das Warten aufzugeben: 

Das Prinzip Psychohygiene ist keine Eigenkreation von mir, aber es beschreibt sehr schön was wir für uns tun können und sollten. Ich frage mich nicht, warum ich mir regelmäßig die Zähne putzen sollte oder es wichtig ist regelmäßig zu duschen. Ich tue es einfach, denn das habe ich so gelernt. Meine Top-Ten Gedankenliste habe ich auch gelernt. Das sind Dinge, die einem unsere Gesellschaft eben beibringt, egal ob sie sinnvoll für uns sind oder nicht, denn gelernt ist gelernt und genauso wenden wir es dann eben auch an. Wenn wir stattdessen auf uns hören würden und mit der Selbstverständlichkeit, mit der wir Körperhygiene betreiben oder zu Vorsorgeuntersuchungen gehen auch bei unseren Gedanken und Wünschen ein regelmäßiges Check-up machen würde, wären wir sicherlich alle etwas fröhlicher und unbelasteter. Ich für meinen Teil bin gerade dabei Psychohygiene zu erlernen und mir Methoden zu suchen die zu mir passen. Baden funktioniert immer noch super für mich, aber manchmal brauche ich auch einfach jemanden zum Reden. Meine Freunde sind hier super hilfreich und ich bin ihnen sehr dankbar für all die großartigen Gespräche. Aber es gibt es auch Themen, die für meine Freunde eine Nummer zu groß sind. Als das der Fall war, habe ich mir dann jemand professionellen zum Reden gesucht. Ob Beratungsstelle, Telefonseelsorge oder Therapeut*innen, bisher habe ich immer die Erfahrung gemacht, dass es sich gelohnt hat über meinen Schatten zu springen und mir einzugestehen, dass ich in diesem Fall Hilfe brauche. Und auch das ist Teil meiner Psychohygiene geworden. Oft sind es vielleicht auch kleine Dinge, die einem Sorgen machen, aber diese in den Wartesaal zu schieben und weiterhin verloren auf der Bank am Bahnhof sitzen zu bleiben, lässt einen das Leben verpassen.

Wenn es dir ähnlich geht, trau dich um Hilfe zu bitten und schiebe es nicht einfach von dir weg. Unten findest du eine Reihe von nützlichen Links für die Region Freiburg. Und wenn du Ähnliches erlebt hast, überlege dir doch mal darüber zu schreiben und deine Geschichte, z.B. in den Kommentaren, zu teilen.

Ich wünsche dir alles Gute!

Links

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