Sink or Swim – Wie meistere ich psychische Belastung bei der Forschung?

Sink or Swim – Wie meistere ich psychische Belastung bei der Forschung?

Feldforschung kann aufregend sein, kann uns mit Erinnerungen und Beziehungen bereichern, die wir ein Leben lang schätzen. Aber sie kann für Kulturanthropolog*innen vor allem zu Beginn ihrer Laufbahn auch einschüchternd oder überfordernd sein. In diesem Beitrag erfährst du wie Forschende mit diesen Herausforderungen umgehen können.

Stell dir folgende Situation vor: Du hast Jahrelang studiert, dich in spannende Theorien eingearbeitet, du hast ein Thema gefunden, das dich begeistert und kannst es kaum erwarten mit deinem Feldforschungsprojekt loszulegen. Endlich mal aus dem Hörsaal raus und in die Praxis! Du möchtest über ein Thema mit Gewicht schreiben, etwas dass dich bewegt. Vielleicht musst du dazu umziehen und vermisst deine Freunde und Familie, aber da musst du eben durch. Wenn du Krisen und Katastrophen verstehen möchtest gehört es dazu Interviews mit Leuten zu führen, die schlimme Dinge durchlebt haben. Und wenn du dich nach den Gesprächen erschüttert und ausgelaugt fühlst, kannst du dich kaum beschweren, diese Leute haben es schließlich so viel schwerer als du.
Die Kalenderblätter schwinden zusammen mit deinen Ersparnissen und deiner Motivation, aber du kannst es dir nicht leisten eine Pause zu machen, du hast keine Zeit. Irgendwann fragst du dich was mit deiner Begeisterung passiert ist und warum du nur noch das Gewicht deines Themas spürst. Du schämst dich für dein Scheitern, für deine Unlust. Also versuchst du dir nichts anmerken zu lassen – was bleibt dir schon anderes übrig? Wenn du dich während oder nach deinem Studium mal so fühlen solltest, bist du keineswegs alleine.

Was kostet es uns, nah dran zu sein?

Im Laufe einer ethnographischen Feldforschung, vor allem wenn sie sich mit heiklen oder schmerzhaften Themen beschäftigt, spüren viele Forscher*innen eine psychische Überforderung. Doch die Hürde im akademischen Kontext darüber zu sprechen ist hoch.

„When we were in graduate school […] fieldwork was treated as a sink-or-swim proposition. Good ethnographers would succeed, bad ones would fail.“ (Reyes-Foster & Lester 2019)

In den letzten Jahren haben einige Ethnograph*innen begonnen gegen eine solche Attitüde Stellung zu beziehen, das Schweigen um Vulnerabilität und Überforderung im Feld zu brechen. Die Ethnologinnen Beatriz Reyes-Foster und Rebecca Lester sammelten 2019 verschiedene Geschichten in der Reihe „Trauma and Resilience in Ethnographic Fieldwork“ für den Blog Anthrodendum. Darunter die von Greg Beckett, dessen Feldforschung zu Krise und Katastrophe in Haiti ihn auf das Phänomen der Indirekten oder Sekundären Traumatisierung aufmerksam machte:

„Think of it as the emotional cost of bearing witness“ (Beckett 2019).

Abgesehen von dem Stress, den die Durchführung einer Forschung direkt verursacht – ich denke da z.B. an Abgabefristen, das Ringen mit der Fragestellung oder Zurechtkommen in einem unvertrauten Umfeld  – können uns die Schicksale, an denen wir im Feld teilhaben, sehr betroffen machen. Als Kulturanthropolog*innen arbeiten wir oft eng mit Menschen zusammen, suchen Einlass in ihren Alltag um ihre Perspektiven besser zu verstehen. Das Dicht-dran-sein eröffnet uns einzigartige Erkenntnisse, aber erfordert von uns auch eine gewisse Vulnerabilität. Der „Rückzug in die beobachtende Distanz auch als Selbstschutz“, wie es Brigitta Hauser-Schäublin formuliert, ist bei teilnehmender Beobachtung nicht immer möglich (vgl. Hauser-Schäublin 2003: 39). Eine Lehnstuhl-Ethnographie wäre vielleicht bequemer – sollte man deswegen jetzt die Finger von Feldforschung zu heiklen Themen lassen? In einem Interview mit dem Podcast Anthropod zweifelt Rebecca Lester daran, dass das überhaupt möglich ist:

„[I]t would be very difficult as an ethnographer of the human experience of any sort to not encounter trauma and suffering. I think we would have to work very hard to isolate ourselves from that. And that would, of course, be a very artificial representation of any sort of human life.“ (Lester im Gespräch mit AnthroPod, 2019)

Zugleich warnt sie davor, Trauma oder harte Erfahrungen im Feld als spektakulär oder als Voraussetzung für geniale Erkenntnisse hochzuhalten. Wenn wir schmerzhafte Erfahrungen nicht vermeiden können, dann können wir uns als ethnographisch Forschende aber durchaus Gedanken machen, wie solche Herausforderungen besser zu meistern sind. Ein erster wichtiger Schritt wird dadurch gegangen, dass sie offen thematisiert werden, wie es neuerdings in Blogbeiträgen, Podcasts oder Paneldiskussionen geschieht, wenn auch bislang überwiegend in englischsprachigen Foren.

Methodische Schwierigkeiten waren in meinem Studium öfters mal Thema, aber dort ging es meistens um theoretische Fragen oder um Reflexion der eigenen Perspektive, statt um psychisches Unwohlsein. Allerdings war es immer hilfreich und auch irgendwie beruhigend wenn Dozierende über Probleme in ihren Feldforschungen sprachen, denn dadurch wurde mir klar, dass jede*r mal Unsicherheit erlebt, aber diese überwinden kann.

Was kann ich tun?

Eine klare Anleitung für den Umgang mit Ängsten, Depression oder traumatischen Erlebnissen speziell für Kulturanthropolog*innen gibt es zwar nicht, doch allgemein werden für Studierende verschiedene Hilfestellungen angeboten, wenn man ins Straucheln kommt. Der Beitrag: „Ich kann nicht mehr – Wie du Unterstützung findest“ auf diesem Blog bietet hierzu eine gute Übersicht.

Zu ergänzen wären einige Angebote speziell an der Universität Freiburg. Aus eigener Erfahrung kann ich die psychotherapeutische Beratungsstelle für Studierende des SWFR empfehlen, eine gute erste Anlaufstelle, wenn man alleine mal nicht weiterkommt. Die Nightline bietet eine Möglichkeit spontan und unverbindlich mit Studierenden über deine Sorgen zu sprechen. Und schließlich gibt es am Freiburger Institut für KAEE ein Awareness-Team. Dieses besteht aus Studierenden, die zwar keine therapeutische Ausbildung besitzen, aber mit Hindernissen im KAEE-Studium vertraut sind und dir helfen können die richtige Ansprechperson für dein Dilemma zu finden, oder kleinere Probleme durch eine Aussprache zu lösen. Diese Angebote sind diskret, unverbindlich und kostenlos. Trotzdem kann es viel Überwindung kosten um Hilfe zu bitten.

Das müsste ich doch alleine schaffen!

Ich will niemandem zur Last fallen.

Ich möchte nicht schwach wirken.

Solche Gedanken sind grausam, sie können verdammt hartnäckig sein und sie können sehr isolierend wirken. Aber sie sind auch überhaupt nicht selten. Hilfe zu brauchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern etwas das alle Menschen irgendwann erleben.

Für die Zukunft lohnt es sich außerdem zu überlegen, welche Ressourcen speziell Studierenden und Forschenden im Vielnamenfach helfen könnten. Die methodische Ausbildung kann Studierende dazu anregen sich zu überlegen, welchen Hürden sie im Feld begegnen könnten und wie sie damit umgehen würden. Hat man sich gedanklich mit einem worst-case-Szenario befasst und einen Plan dafür formuliert, kann man manchmal viel selbstbewusster zur Tat schreiten (vgl. Pollard 2009: 3). Unterstützung durch ein soziales Netzwerk ist in potenziellen Krisen entscheidend. Im universitären Umfeld könnten beispielsweise Mentoring-Netzwerke etabliert und ein Austausch zwischen mehr und weniger erfahrenen Studierenden gefördert werden. Eine aufmerksame Betreuung durch Lehrende ist extrem wertvoll, kann aber ergänzt werden durch studentische Mentor*innen, bei denen die Hürde von persönlichen Schwierigkeiten zu erzählen vielleicht niedriger ist.

Schließlich hoffe ich dass wir, indem wir offen über Erfahrungen der Vulnerabilität sprechen, eine Atmosphäre schaffen in der Überforderung nicht mehr mit Scham und Schuldgefühlen belegt ist. Ich schätze mich in dem Sinne glücklich, dass ich mein Studium und meine ersten Versuche im Feld nicht als Härtetest oder Sink-or-Swim erleben musste, eben weil ich auf Unterstützung von Menschen in meinem Umfeld zählen konnte.

Was habt ihr bei Feldforschungen erlebt? Welchen Rat hättet ihr vorher gerne bekommen? Und was wünscht ihr euch von der methodischen Ausbildung im Studium?

Teilt eure Erfahrungen in den Kommentaren!

Zum Weiterlesen:

Bild 1: Foto von Gerd Altmann, Quelle: Pixabay.

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