Studium versus Ausbildung – Meine Entscheidungskriterien

Studium versus Ausbildung – Meine Entscheidungskriterien

Studieren oder eine Ausbildung machen? Das ist eine Frage, die sich viele nach oder schon vor dem Abitur stellen.

Was passt zu mir? Was will ich später mal arbeiten? Muss ich dazu studieren? Will ich das überhaupt? Auch ich habe mir diese Fragen gestellt und mich zuerst für eine Ausbildung und dann für ein Studium entschieden – eine Vorgehensweise, die ich bis heute nicht bereue. Ich möchte also aufgrund meiner vorangegangenen Ausbildung, meiner einjährigen Berufserfahrung und meines Studiums der Europäischen Ethnologie mit dem Nebenfach BWL diese beiden Felder für euch gegenüberstellen.

Meine Entscheidungskriterien

Erstmal zu mir: Ich habe 2012 mein Abitur an einem allgemeinbildenden Gymnasium gemacht. Mit 230 anderen Absolvent_innen. Wir waren der sogenannte „Doppeljahrgang“ – die Sorge, einen guten Arbeitsplatz zu finden, war sowohl auf Seiten der Eltern als auch bei uns Abiturient_innen groß. Wir waren doppelt so viele wie in den Jahren zuvor. Viele sind in der Gegend geblieben und haben Wirtschaftswissenschaften oder ähnliches studiert. Doch ich konnte mir damals nichts darunter vorstellen. Dies war schon mal ein Kriterium, das für mich für eine Ausbildung sprach. Also suchte ich mir eine Lehrstelle und bekam auch eine.

Zweieinhalb Jahre lang wurde ich bei einem gemeinnützigen Verein zur Kauffrau für Bürokommunikation ausgebildet. Auch wenn mein Berufsziel klar war, musste ich viele verschiedene Abteilungen durchlaufen. Je nachdem, wie die Abteilungen Zeit hatten, blieb ich zwischen drei Wochen und zwei Monaten in einer Abteilung. Allerdings habe ich in den zweieinhalb Jahren jede Abteilung öfters durchlaufen. Zusammengefasst waren es folgende Bereiche: Marketing, Personal, Controlling/Buchhaltung, Gruppenreisen, Liegenschaften, IT, Buchungs- und Beratungscenter, Organisation, Eigene Ferienanlagen. Allerdings unterteilten sich diese Abteilungen meist noch in weitere Aufgabenbereiche. Meine Aufgaben und Möglichkeiten waren somit sehr weit gefächert. In meiner Abiturklasse wollten alle ins Marketing – es war ohne ersichtlichen Grund einfach beliebt, auch bei mir. In meiner Ausbildung stellte ich dann aber fest, dass es gar nicht meins war, was auch erheblich daran lag, dass es im Marketing eine Urlaubssperre über den ganzen Sommer gab. Noch wichtiger als die Erkenntnis, welche Arbeitsbereiche ich mochte und welche weniger, war die, dass ich nicht auf ein gutes Arbeitsklima und eine freundliche Unternehmenskultur verzichten möchte.

Konkretes vs. Abstraktes lernen

Nachdem ich also die Grundzüge des Arbeitslebens kennengelernt hatte, entschied ich mich, noch zu studieren. Diese Entscheidung habe ich auch aufgrund meiner Ausbildung getroffen. Nicht wenige haben mir zu einem Studium geraten, um nachher „einen besseren Job“ zu bekommen. Für mich war aber auch einfach die Tatsache entscheidend, dass ich die Möglichkeit habe und später noch genug arbeiten werde. Und so habe ich nach einer Auslandsreise die Kulturanthropologie für mich entdeckt.

Ein Studium unterscheidet sich maßgeblich von dem, was man in der Berufsschule lernt. Es ist, wie nicht anders zu erwarten, viel abstrakter. Das kann man positiv, aber auch negativ sehen. Es ist zum Beispiel losgelöst von „dem einen Unternehmen“, an das man sonst „gebunden“ ist. Gerade ein geisteswissenschaftliches Fach ist eine ungemeine Bereicherung für die eigene Art zu denken und die Welt wahrzunehmen. Und auch, wenn man den Plan verfolgt, später in einem Unternehmen zu arbeiten, ist das sehr von Vorteil. Wir bieten mit unserem Studium einen ganz anderen Blickwinkel und Erkenntnisse, die sonst wahrscheinlich unbeachtet bleiben, obwohl sie ebenso wichtig für die Produktivität sind. Was dabei meiner Meinung nach den größten Gewinn darstellt, ist die Art zu denken und zu handeln, die wir im Studium vermittelt bekommen. Unsere im Studium erarbeiteten Kompetenzen wie Texte zu erfassen, zu analysieren und zusammenzufassen, die Sensibilität gegenüber Themen wie Gender, (Arbeits-)Kulturen, Politik etc., der Ehrgeiz zu forschen und die richtigen Fragen zu stellen, statten uns mit der Möglichkeit aus, uns von anderen Wissenschaften und Bewerber_innen abzuheben.

Äußere vs. innere Motivation

Aber nicht nur die Dinge, die man in der Uni oder in der Ausbildung direkt vermittelt bekommt, sind komplett unterschiedlich. In der Ausbildung musste ich zudem die Berufsschule besuchen. Der Unterschied zum Gymnasium war für mich nicht besonders groß. Die Anwesenheitspflicht, die Klausuren, der Unterricht – alles wie vorher in der Schule. Aber mit dem Unterschied, dass es die Ausbildenden gibt, die Noten kontrollieren und darauf achten, dass auch ordentlich gelernt wird. Bei mir war es so, dass ich mir selbst auch nicht die Blöße geben wollte, schlechte Noten zu bekommen. Denn in einem kleineren Unternehmen erfahren die Kolleg_innen sowas auf kurz oder lang. Doch es war ein guter Anreiz, der mir geholfen hat, mehr zu lernen. Im Studium ist das (meist) anders. An der Universität werde ich nicht ständig kontrolliert, ich muss mir die Anreize selbst geben und somit noch mehr eigenverantwortlich handeln.

Geld vs. Freizeit

Ein weiteres Thema ist das liebe Geld. Während der Ausbildung wird man zwar nicht reich – aber im Vergleich zum Schulleben fühlt es sich zumindest so an. Vor allem, wenn man noch daheim lebt, kann man sich gut etwas ansparen und sich schon mal einen kleinen GeldPuffer schaffen, wie ich es getan habe. Ich habe diesen Puffer dazu genutzt, 11 Monate lang durch die Welt zu reisen. Der Übergang zum Studium war demensprechend schwierig, als das Geld aufgebraucht war. Wenn man wie ich kein Anrecht auf Bafög hat, aber auch nicht genug von seinen Eltern bekommt, braucht man einen Nebenjob. Das relativiert das Pro-Argument der vielen Freizeit im Studium wieder etwas. Auch ein Problem, das viele Studierende kennen: Man hat Zeit, aber kein Geld. In der Ausbildung mit 26 Urlaubstagen ist zwar das Geld da, aber häufig fehlt die Zeit.

Studium vs. Ausbildung – mein Fazit:

Das Ganze nun zusammengefasst zeigt, dass Ausbildung und Studium kein Entweder-Oder sein müssen, sondern auch in Kombination gesehen werden können. Es gibt keine Faustregel, die in der Entscheidungsfindung dies oder jenes raten kann. Doch meiner Erfahrung nach muss ein Studium oder eine Ausbildung zuerst einmal nicht genau das sein, was man später machen möchte. Wichtig ist, dass man sich auf den Weg macht und anfängt, sich nach und nach dem „Traumberuf“ zu nähern. Denn egal, welche der beiden Möglichkeiten man wählt – jede ist hilfreich, um sich selbst zu entwickeln und auch ganz einfach einen aussagekräftigen Lebenslauf aufzeigen zu können. Denn nichts ist weniger hilfreich, als untätig zu bleiben und darauf zu warten, dass ein Geistesblitz einschlägt und man plötzlich weiß, was man „später“ gerne arbeiten möchte. Wenn man nichts ausprobiert, kann man nichts kennenlernen und auch nichts ausschließen. Denn steht man vor der Wahl Studium oder Ausbildung, ist dieses „Später“ eigentlich ein „Jetzt“.

Auch für diejenigen unter euch, die nicht den benötigten Notendurchschnitt haben, ist eine vorangegangene Ausbildung eine gute Möglichkeit, etwas Sinnvolles zu tun und so auf die benötigten Wartesemester zu kommen.

 

Hilfreiche Links:

https://www.nach-dem-abitur.de/ausbildung-oder-studium

https://karrierebibel.de/ausbildung-oder-studium/

 

Titelbild: CC  MacKenzie auf flickr (https://www.flickr.com/photos/kylemackenzie/3576131493/)

 

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