Arbeitsplatz Museum aus Sicht einer Direktorin

Arbeitsplatz Museum aus Sicht einer Direktorin

Silke Stoll ist derzeit die leitende Direktorin des Museums für Natur und Mensch (MNM) in Freiburg. Ich habe mit ihr über die Arbeit im Museum gesprochen und darüber, welche Eigenschaften dort gefragt sind.

Aber zunächst ein paar Angaben zur Person: Frau Stoll hat in Potsdam und Jena Biologie studiert. Nach einem Auslandsaufenthalt in Argentinien wurde sie in Münster promoviert. Anfangs war sie noch auf Zoologie spezialisiert, stieg aber auf Molekularbiologie um. Die Biologie an sich ist laut eigener Aussage „das Tollste ist, was es gibt“. Mit der Promotion führte sie ihr Weg zunächst in Labors und die Forschung. Auch in der Lehre war sie tätig. Letztendlich entschied sie sich aber für die Museumsarbeit. Auf ein Volontariat im Naturkundemuseum Reutlingen folgte eine Anstellung als Kuratorin im Aquazoo Löbbecke Museum in Düsseldorf. Seit Dezember 2017 ist sie Direktorin des Freiburger Museums Natur und Mensch (MNM).

Für Frau Stoll ist die Arbeit Museum eine ganz besondere, da man immer als Mittler*in zwischen der Fachwelt, welche sich wissenschaftlich mit den Museumsobjekten auseinandersetzt, und den Besucher*innen agiere. Die Besonderheit an einem Museum wie dem in Freiburg sei, dass „das Haus nicht so riesig ist und die Interdisziplinarität“. Für sie ist es vor allem spannend, auch mal über den Tellerrand zu schauen. Was auch der Grund dafür ist, dass sie nicht auf einen bestimmten Bereich spezialisiert, sondern eher eine Generalistin ist.

Aus Sicht der Chefin,
welche Fähigkeiten bringen Geisteswissenschaftler*innen mit?

Frau Stoll ist der Meinung, dass Geisteswissenschaftler*innen vor allem eine andere Art haben zu denken bzw. Probleme mit einer anderen Herangehensweise lösen. Das setze viele neue Impulse, von denen vor allem die Arbeit im MNM profitieren könne. Überraschenderweise ist sie aber auch der Meinung, dass speziell Kulturanthropolog*innen sowie Ethnolog*innen nicht grundsätzlich besser für museale Arbeit geeignet sind. Generell ist die persönliche Neigung wichtiger als das Fach:

„Es gibt ja immer Menschen, die sich eher museal angezogen fühlen, oder welche, die lieber in der freien Wirtschaft oder in der Feldforschung arbeiten wollen. Das ist eher eine Frage der persönlichen Einstellung, in welche Richtung man gehen will oder wo man sich am besten aufgehoben fühlt.“

Frau Stoll sieht es so, dass jedes Studium oder eine Ausbildung „eine gute Schule für jeden persönlich“ ist. Dadurch lerne sich jeder Mensch selbst ein bisschen besser kennen und könne herausfinden, welche Karrierelaufbahn er oder sie einschlagen möchte.

Die Direktorin hebt jedoch drei Fähigkeiten von Geisteswissenschaftler*innen hervor, die sie für eine Arbeit im Museum qualifizieren: interdisziplinäres Verständnis, Arbeiten im Team und kritisches Hinterfragen. Geisteswissenschaftler*innen, besonders Kulturanthropolog*innen, kämen während ihres Studiums mit verschiedenen Wissensfeldern in Berührung und brächten daher eine interdisziplinäre Offenheit mit. Ferner wären sie es im Vergleich zu manchen anderen Fächern gewohnt, im Team zu arbeiten, was sehr wichtig sei, denn „Arbeit im Museum ist immer ein Teamjob”. Außerdem sei es wichtig, kritische Fragen zu stellen und – gerade auch hinsichtlich einer Ausstellung für die Öffentlichkeit – den Dingen auf den Grund zu gehen. Auch diese Eigenschaft sei bei Geisteswissenschaftler*innen in der Regel gut ausgeprägt.

Was kann ich tun,
wenn ich mir noch nicht sicher bin,
ob Museum genau mein Ding ist?

In Freiburg ist es einfach, sich vorab ein eigenes Bild von der Museumsarbeit zu machen, da die Institute der Ethnologie und Kulturanthropologie und Europäischen Ethnologie mit den Museen in Kooperation stehen. Laut Frau Stoll ist es auch sehr sinnvoll, sich „die Arbeitsabläufe in persona anzuschauen”, also ein Praktikum zu absolvieren.

„Es ist schon wichtig, reinzuschnuppern und zu sehen, was mache ich eigentlich im Museum? Das kann ein Seminar wahrscheinlich nur ganz rudimentär abbilden.“

Dies gilt natürlich auch für jeden anderen Beruf, da man erst durch praktische Erfahrung einen Eindruck davon bekommt, ob die berufliche Laufbahn einem persönlich zusagt. Ein wissenschaftliches Volontariat ist vor allem im musealen Bereich sehr gern gesehen, da es einen tieferen Einblick vermittelt, als beispielsweise ein Pflichtpraktikum. Das Volontariat dauert 2 Jahre.

„Da lernt man einfach alle Bereiche der Museusmarbeit kennen.“

Museum ist auch nicht Museum. Denn nicht nur die Themensetzung, sondern auch die Größe eines Hauses wirke sich auf die Arbeit aus:

„In einem kleineren Haus wie unserem muss man grundsätzlich alles tun können. In einem größeren Haus gibt es eine viel stärkere Arbeitsteilung.“

Vorab lassen sich aber auch schon einige Hinweise finden, ob die Arbeit im Museum passt. So rät Frau Stoll dazu, auf jeden Fall selbstständig Ausstellungen zu besuchen und dabei darauf zu achten, wie sich das anfühlt. Spricht es mich an? Habe ich einen Zugang zu dieser Arbeitswelt? Ferner sei es natürlich auch von Vorteil, gerne mit Objekten zu arbeiten und auch ein historisches Interesse zu haben.

Alles ist im Wandel – auch das Museum?

 „Die Museumswelt ist immer in Bewegung. Wenn man sich mit Fachkolleg*innen jedweder Art unterhält, lernt man immer neue Sichtweisen kennen, seien es Präsentationen, allgemein in Ausstellungen, wie man mit Texten umgeht, wie man Geschichten an einem Objekt erzählt, wie man wissenschaftlich arbeiten kann, welche neuen Erkenntnisse es in der Wissenschaft gibt, aber auch welche neuen Sichtweisen die Besuchenden haben. Das hört generell nie auf, die Diskussion über die Umsetzung kommt mit jeder Ausstellung wieder: Wie kann man mit seinen Ressourcen trotzdem schöne und spannende Ausstellungen machen?“

Ein weiterer Grund für den stetigen Wandel sei auch eine permanente Selbstreflexion der eigenen Arbeit, die dem Anspruch geschuldet sei, immer wieder möglichst viele Besuchende zu erreichen. Es handelt sich hierbei laut Frau Dr. Stoll immer um einen Prozess, der zu neuen Erkenntnissen führen kann, auch dadurch, dass man sich mit Kollege*innen austauscht und fragt: „Wie macht ihr das denn?” Zu guter Letzt gäben natürlich auch gesellschaftliche Veränderungen den Antrieb, dass sich ein Museum weiterentwickelt „vor allem, weil sich die Ansichten der Gesellschaft, die Sehgewohnheiten und Wahrnehmungsgewohnheiten so schnell wandeln.“

Daher ist Frau Stoll auch der Ansicht, dass der Erfolg im Berufsleben weniger von der fachlichen Grundspezifizierung abhängt, sondern mehr von der Bereitschaft, lebenslang zu lernen:

„Man darf sich nie ausruhen und denken: Jetzt habe ich die ultimative Ausstellung gemacht. Die Ausbildung im Museum vermittelt genau das: dass man sich nicht ausruhen darf, sondern dass alles im Fluss ist. Sichtweisen ändern sich, Diskussionen ändern sich und so weiter.“

Sie selbst lernt übrigens am meisten dadurch, dass sie in Ausstellungen geht und genau hinschaut: Wie ist die Hängung gemacht, welche Schrift wird benutzt, wie sehen die Materialien aus, welche Vitrinen gibt es?

Was möchten Sie Museumsmitarbeiter*innen in spe mit auf den Weg geben?

„Es ist auf jeden Fall kein 8 Stunden Job. Ich glaube, für mich und meine Kolleg*innen ist Museum immer eine Leidenschaft, weil man nicht nach 8 oder 6 oder 4 Stunden die Tür abschließt und dann hört man einfach auf damit.“

Generell gibt Frau Stoll den Rat, sich speziell in Freiburg mal in die entsprechenden Seminare zu setzen, die von ihrer Kollegin Frau Tina Brüderlin gegeben werden. Ferner stellt Frau Stoll immer wieder heraus, dass Museumsarbeit projektbezogene Arbeit ist. Das heißt, die einzelnen Arbeitsphasen können einen sehr unterschiedlichen Workload haben. Hier sind bisweilen dann starkes Engagement, Eigenmotivation und zeitliche Flexibilität gefragt:

„Es ist nämlich nicht so, dass man jeden Tag eine rote Schleife durschneidet und eine Ausstellung eröffnet. Da steckt eine Menge Arbeit dahinter.“

Aber ein tolles Gefühl ist es dann bestimmt trotzdem, wenn man sagen kann: Die Ausstellung ist eröffnet!

 

Foto von Michael Bamberger

 

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