Auf der Startbahn einer Wissenschaftskarriere: Ina Kuhn (M.A.)

Auf der Startbahn einer Wissenschaftskarriere: Ina Kuhn (M.A.)

Wie sieht der Start in eine wissenschaftliche Karriere aus? Ich habe mit der Nachwuchs-Kulturwissenschaftlerin Ina Kuhn darüber gesprochen. Wenn man mit einer wissenschaftlichen Karriere liebäugelt, ist es nur naheliegend, sich selbst bei den Dozierenden zu informieren, wie leicht oder schwer dieser Weg ist und worauf man sich gefasst machen sollte. Ich hoffe, dieser Beitrag ist in dieser Hinsicht eine Bereicherung für alle, die sich vorstellen können, eines Tages zum Lehrpersonal zu gehören.

Vom B.A. zur wissenschaftlichen Mitarbeiterin

Für dieses Interview ist Ina insofern hervorragend geeignet, als dass sie ihre Lehrtätigkeit erst vor zwei Jahren aufgenommen hat und sich noch sehr gut an ihren Wechsel vom Kreis der Studierenden in ihren heutigen Job erinnert. Darüber hinaus weiß ich aus persönlicher Erfahrung, dass sie während ihrer Lehrveranstaltungen zu jeder Zeit voller Energie und Faszination über ihre eigene Forschung berichtet und offenkundig schlicht Freude an ihrem Beruf hat.

Sie begann ihr Studium der Kulturanthropologie 2011 an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz und beendete es 2016 mit einem Master of Arts. Dann bewarb sie sich an der Universität in Freiburg und wurde eingestellt. In ihrem zweiten Jahr als wissenschaftliche Mitarbeiterin war die Umsetzung des Blog-the-Job-Projekts ihre Hauptaufgabe. Das passte gut zu ihrer damaligen Lebenssituation: Als frische Master-Absolventin war ihr einerseits das Gefühl vertraut, nach der Uni zunächst ein wenig ratlos zu sein, andererseits hatte sie die Herausforderung aber auch erfolgreich gemeistert. Dementsprechend selbstbewusst ging sie das Projekt an, überzeugt, dass ein solcher Blog sowohl sinnvoll als auch nützlich sei.

Unterschiedliche und unsichere Stellenprofile im Wissenschaftssystem

Überrascht erfahre ich, dass wissenschaftliche Stellen nach dem Studium nicht mal an ein und demselben Institut identisch sind. So wurde Ina für eine 50%-Stelle als Lehrperson eingestellt, ihr Dissertations-Projekt verfolgt sie parallel dazu, unbezahlt. Ihre Kollegin Inga Wilke (M.A.) beispielsweise hat einen völlig anderen Stellenzuschnitt als Promovierende: „Inga ist für 4 Jahre mit einer 65% Stelle in einem Sonderforschungsbereich angestellt, dem SFB Muße. Das heißt, sie wird dafür bezahlt, dass sie dieses Promotionsprojekt macht, sie hat eine typische Doktorandinnen-Stelle.“

Beide Wege haben ihre Vorteile: Ina muss nicht regelmäßig Berichte zu ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit vorlegen oder Konferenzen organisieren und ist allgemein freier in der Gestaltung ihrer Dissertation. Allerdings ist von ihr mehr Eigeninitiative gefordert: Ihre Feldforschungsaufenthalte bezahlt sie bislang aus eigener Tasche und die Möglichkeit, sich im wissenschaftlichen Kontext zu etablieren, ist nicht in gleichem Umfang gegeben, da sie beispielsweise weniger Zeit dafür hat, Artikel zu publizieren. Will sie an Konferenzen teilnehmen, muss sie auch hier die Kosten selbst tragen.

Leider ist laut Ina die Arbeitsplatzsicherheit ein großes Thema unter Nachwuchswissenschaftler*innen. Wie mittlerweile üblich, ist ihr erster Arbeitsvertrag befristet und läuft im kommenden März nach drei Jahren aus. Um beruflich weiterzukommen müsse man bereit sein, öfters umzuziehen und gewisse Risiken in Kauf zu nehmen: „Doktorandin, danach zwei, drei Jahre eine Post-Doc-Stelle und dann eine Habilitationsstelle, wenn man eine Professur anstrebt. Das bedeutet eine Befristung nach der nächsten, das ist hart. Entweder du gehst diesen Weg, oder du bist raus.“

Zwischen Lehre und Forschung

Die Lehre macht Ina sehr viel Spaß. Im laufenden Wintersemester 2019/2020 leitet sie zwei Kurse zur Einführung ins Wissenschaftliche Arbeiten für Studierende im ersten Semester. Es ist ihr eine Herzensangelegenheit, hier bereits den Funken überspringen zu lassen. Aber sie ist auch gerne bereit, kontrovers zu diskutieren, zum Beispiel darüber, „wo die Stärken und Schwächen der Wissenschaft liegen, speziell in unserem Herangehen mit der qualitativen Forschung.“

Auch ihr eigenes Forschungsprojekt findet Eingang in die Lehre. So bietet sie Kurse an, die inhaltlich auf ihre Schwerpunkte Festivals und Utopie zugeschnitten sind. Zu diesem Themenfeld kann sie eigene Erfahrungen und Wissensbestände vermitteln. Interessant seien auch die Synergie-Effekte beim Betreuen der Hausarbeiten, wenn sie zum Beispiel neue Literaturtitel entdeckt. Auf die Frage, ob ihr ihr Beruf leichtfalle, antwortet sie, dass sie zwar jedes Semester aufs Neue aufgeregt und nervös sei, aber bisher nur gute Erfahrungen im Seminarraum gemacht habe. Lehrveranstaltungen funktionierten gerade dann gut, „wenn die Studierenden merken, dass die Person, die vorne steht, Lust auf das Fach hat und Spaß am Unterrichten.“

Fördermöglichkeiten nutzen: Zuschüsse und Stipendien

Wie bereits erwähnt, ist die Finanzierung der eigenen Forschungstätigkeit ein heikles Thema. Doch es gibt Fördertöpfe, die man allerdings kennen muss. Als wichtige Anlaufstelle für Doktorand*innen empfiehlt Ina den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). (Dieser kann übrigens auch von Studierenden kontaktiert werden.) Dank der DAAD-Förderung konnte sie den SIEF-Kongress in Santiago de Compostela besuchen. Und auch ein Auslandspraktikum in Melbourne beim Goethe-Institut sei somit möglich gewesen.

Darüber hinaus empfiehlt Ina die Wissenschaftliche Gesellschaft in Freiburg für die Finanzierung von Forschungsprojekten. Außerdem gäbe es noch einige Stiftungsstipendien, da müsse es dann aber thematisch passen. Trotzdem sei es nicht leicht, die Finanzierung für die wissenschaftlichen Projekte zu stemmen. Die Vergabemechanismen seien sehr intransparent und die Wartezeiten auf eine Ab- oder Zusage recht lang. „Es kostet Nerven, weil du nie weißt, ob ein Antrag durchgeht. Dann legst du Geld vor, das du im Zweifelsfall nicht wiederbekommst. Also es ist nicht easy going, aber es geht irgendwie“, meint Ina zuversichtlich.

Fazit

Empfehlen kann Ina ihren Berufsweg auf jeden Fall, unabhängig davon, welche Variante man wählt. Denn wenn alles klappt, könne man in der Kulturanthropologie einen gesellschaftlichen Beitrag leisten und relevante Projekte realisieren: „Ob das jetzt Muße ist in Zeiten der Leistungsgesellschaft, Migration oder eben Utopien, die es dringend braucht, um mit den gegenwärtigen Krisen-Diagnosen umzugehen. Utopien sind ein wichtiges Thema, weil sie darauf verweisen, was verschiedene Akteure als Missstand beziehungsweise als Idealzustand deuten und teilweise abwegige, aber auch sehr interessante Veränderungsangebote machen. Ein sehr spannendes und inspirierendes Feld.“

Die Wahl des richtigen Promotionsthemas betont Ina auch nochmal: „Ich würde auf jeden Fall empfehlen, ein Projekt zu finden, für das man brennt, auch wenn es Abstriche kostet. Insgesamt ist es einfach ein toller Job. Ich lerne ständig Neues dazu und darf mich jeden Tag mit Menschen auseinandersetzen, die auch neugierig sind und lernen wollen, und dafür werde ich – zumindest teilweise – auch noch bezahlt. Das ist schon ein Privileg.“

 

 

Foto: Julia Dornhöfer

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