Das Private ist das Politische – Ein Gespräch mit der Wissenschafts-Aktivistin Gabriele Uhlmann

Das Private ist das Politische – Ein Gespräch mit der Wissenschafts-Aktivistin Gabriele Uhlmann

Im September 2018, während der wissenschaftlichen Fachtagung zum Thema Frauenraub im Altertum an der Freien Universität Berlin, erlebte ich Gabriele Uhlmann als Vortragsrednerin. Sie zeigte auf beeindruckende Weise, wie unabhängige und interdisziplinäre Forschung mit Hilfe der neuen Medien funktioniert. Ich wollte mehr über Ihre Arbeit erfahren und traf mich mit ihr für ein Interview.

Gabriele, zunächst zu Deinem Werdegang. Du hast Anglistik, Theologie und Pädagogik sowie Architektur und Industrieinformatik studiert. Wie kam es zu Deiner vielseitigen Studienwahl?

Meine Biographie ist Ausdruck meiner Suche nach Sinnhaftigkeit und nach der Beantwortung existenzieller Fragen, die ich bereits in der Pubertät entwickelt hatte. Während meines ersten Studiums belegte ich ein Seminar bei der Theologin Sigrid Grossmann mit dem Thema „Weibliche Religiosität – Gott oder Göttin“. Damit begann für mich ein Prozess des Begreifens dahingehend, dass wir Frauen uns mit einem männlichen Gott nicht identifizieren können. Ich fragte mich auf einmal: Was bedeutet das eigentlich, eine Gottheit zu haben, die das gleiche oder das andere Geschlecht hat? Es geht dabei übrigens nicht darum, dass Frauen eine Göttin haben, damit sie auch etwas haben, sondern darum, dass wir mit der Urmutter unsere Geschichte erkennen und in eine Ahninnenlinie eintreten. Unsere angeborene Lebensweise ist, wie es übrigens inzwischen auch Anthropolog*innen zuverlässig nachgewiesen haben, rein matrilinear. Das drücken für mich, damals wie heute, die altsteinzeitlichen, sakralen Statuetten der Urmutter eindeutig aus.

Nach dieser Einsicht war für mich eine Religion, die ausschließlich einem männlichen Gott huldigt, nicht mehr nachzuvollziehen. Ich brach mein Theologiestudium ab und wendete mich der Architektur zu. Mein Studium der Industrie-Informatik habe ich zusätzlich gewählt, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen und um die neuen Medien für meine Forschung optimal nutzen zu können. Als Selbständige kann ich Familie, Beruf und Forschung gut in Einklang bringen.

Gabriele Uhlmann über ihre Initialzündung in der Wissenschaft:

 

Welche weiteren Wissenschaftler*innen haben Deinen Werdegang geprägt?

Wichtig ist für mich die Archäologin Marija Gimbutas, deren Arbeit ich im Frauenmuseum in Wiesbaden kennengelernt habe. Die Anthropologin und Primatologin Sarah Blaffer-Hrdy hat mit ihrem Buch „Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat“ einen weiteren Meilenstein gesetzt.

Wann und wodurch wurde Dir bewusst, dass Dich der gesellschaftskritische Faden, den Du aufgenommen hattest, in die Patriarchatsforschung führte?

Als ich Mary Dalys Buch „Gyn/Ökologie“ gelesen hatte, fand ich heraus, dass die Ursachen für das Leiden von Frauen politisch zu erklären sind. Der Staat schützt Ehe und Familie und auf diese Weise den Erhalt der Einheit von biologischer und sozialer Vaterschaft. Die Befehlsmacht über die patrilineare Familie dient dem Komfort und Lebenswerk des Vaters und der Weitergabe des Erbes nach seinem Willen.

Die patrilineare Lebensweise entstand mit der Viehzucht. Sie brachte dabei das Konzept der Rasse hervor, das letztlich auf der Unterdrückung der Female choice der Tierweibchen fußt. Die permanente Verfügbarkeit der Frau, in der patrilokalen Lebensweise der dauerhaften Paarbeziehung zur Durchsetzung einer Patrilinie, führt zu einer unnatürlich hohen Zahl an Geburten pro Frau und damit zu Überbevölkerung. Im Patriachat geht es um Herrschaft und somit auch um die Vermehrung und Bereicherung bestimmter Bevölkerungsgruppen zulasten anderer. Diese Agenda führt unweigerlich zu Krieg zwischen Staaten und privat in den Familien.

Ich habe mich gefragt, wie ich mein eigenes Leben neu ausrichten kann und eine andere Politik anregen könnte. Eine Möglichkeit besteht für mich darin, anderen zu vermitteln, dass die patrilineare Lebensweise nicht unserer natürlichen Art zu leben entspricht.

Kannst Du das Konzept der Female choice noch einmal genauer erläutern?

1871 erschien Darwins Abhandlung über die Female choice unter dem Titel „The descent of man, and selection in relation to sex“. Darwin führt darin aus, dass die Partnerwahl in Bezug auf alle Lebewesen vom Weiblichen ausgeht. Diese Erkenntnis Darwins wurde aber ganz schnell wieder aus dem wissenschaftlichen Diskurs verbannt, weil sie immens am Dogma des Vaterrechts rüttelt. Ich finde das überzeugend, denn ich kenne es so, dass sich die Frauen die Väter ihre Kinder aussuchen. So habe ich es gemacht und so ist es auch bei meinen Freundinnen.

Gabriele Uhlmann mit einer Reisegruppe in Catal Höyük
Gabriele Uhlmann 2002 während ihrer archäologischen Führung in Çatal Höyük.

 

Um was geht es in Deiner archäologischen Forschung über die jungsteinzeitliche Siedlung in Çatal Höyük?

Mit Çatal Höyük in Anatolien habe ich mich im Rahmen meines Architekturstudiums intensiv beschäftigt, weil sie als älteste Stadt der Welt gilt. Damals, in den 1990er Jahren, wurde noch von Matriarchat gesprochen. Das ist jedoch der vollkommen falsche Begriff. Ich bin keine Verfechterin von Macht-Strukturen und wollte damals schon nicht glauben, dass Frauen geherrscht haben sollen. Heute sprechen wir von Matrilokalität, Matrilinearität und damit von Matrifokalität, was nichts mit Macht, in einem beherrschenden Sinn, sondern mit Kooperation und Fürsorge zu tun hat. Was ich in Çatal Höyük anhand der überlieferten materiellen Kultur fand, war der Ausdruck von weiblicher Bedeutung, der in unserer heutigen Welt nicht mehr sichtbar ist.

Mehr über Çatal Höyük und Matrifokalität berichtet Gabriele Uhlmann im Audioteil:

Warum fühlst Du Dich in der Anthropologie zuhause?

Mein Forschungsansatz ist interdisziplinär ausgerichtet. In meiner Arbeit beziehe ich neben Archäologie, Sprachwissenschaft und verschiedenen Geschichtswissenschaften wie der Kunstgeschichte auch Felder wie Recht und Politik und Naturwissenschaften mit ein. Die große Bedeutung der Anthropologie wurde mir vor allem beim Austausch mit Prof. Kurt Alt von der Universität Mainz bewusst, mit dem ich in engem Kontakt stehe. Er hat mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass die Anthropologie in Zukunft das wichtigste Fundament der Patriarchatsforschung sein wird, denn sie fördert immer mehr Spuren unserer verlorengegangenen Matrifokalität zutage. Darauf können unter anderem Sprachwissenschaft und Archäologie verlässlich aufbauen.

 

Ist Dein Aktivismus als Bloggerin, Autorin und Vortragsreisende als politische Praxis zu verstehen?

Ja, denn durch meine Forschung ist mir klar geworden, wie wahr der Satz: „Das Private ist das Politische“ eigentlich ist. Als Frau und Mutter wurde mir bewusst, wie sehr sich die große Politik in mein Leben und in das meiner Kinder einmischt, und dass ich darauf reagieren muss. Speziell das Medium Blog ist für mich sehr kostbar, weil ich auf Studien und Meldungen aller Art unmittelbar reagieren kann. Durch die Archivfunktion kann ich außerdem meine Artikel zeitnah aktualisieren.

 

Deine Thesen entsprechen nicht dem Mainstream, weder im wissenschaftlichen, noch im gesellschaftlichen Diskurs. Wie gehst Du mit kritischen Stimmen um?

Kritische Stimmen aus dem wissenschaftlichen Umfeld gibt es interessanter Weise beinahe gar nicht. Aber ich habe schon erlebt, dass ich im Netz angefeindet wurde, das kommt aber glücklicherweise nicht häufig vor. Meine Strategie mit Hass-Kommentaren umzugehen, ist, mich nicht in den Vordergrund zu stellen und mich auf Inhalte zu konzentrieren.

 

 

Bild 1: Gabriele Uhlmann / Bildrechte: Gabriele Uhlmann

Bild 2: In Catal Höyük / Bildrechte: Gabriele Uhlmann

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Die Menschheits- und Kulturgeschichte neu geschrieben. Gabriele Uhlmann liefert die bestmögliche archäologische und humangenetische Begründung der Probleme unserer Zeit. Für viele eine Provokation, weil es unsere Welt aus den Angeln hebt. Wer Uhlmanns Theorie aber liest und versteht, sieht eine neue Welt heraufdämmern, die zu einer friedlichen Erde und einer humanen Zivilisation führt.
    Als Mann brauchte ich einige Zeit, um mich selbst zurück in die zweite Reihe zu stellen. Doch Uhlmann ist frei von feministischer Radikalität, sie erklärt freundlich und sachlich worum es geht und warum es uns allen in einer matrifokalen Welt besser gehen wird.

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