Für mich war Studieren immer wieder: Ich schaffe mir selbst etwas

Für mich war Studieren immer wieder: Ich schaffe mir selbst etwas

Lüder Tietz ist ein vielseitiger Kulturwissenschaftler. Sein Werdegang verlief alles andere als klassisch. Gesellschaftliches Engagement und politischer Aktivismus bilden die Grundlage für seine innovative Forschung und Lehre.

Lüder Tietz, Jahrgang 1966 ist ausgebildeter Ethnologe (M.A.) und Diplom-Psychologe. Bevor er in Gender Studies promoviert wurde, arbeitete er als Museumspädagoge, Erwachsenenbildner, Arbeitsvermittler und Coach. Seit 2007 ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Materielle Kultur der Universität Oldenburg, wo er die Forschungswerkstatt „Verfahren der Kulturanalyse“ und den Qualitätszirkel „Forschendes Lernen“ leitet. Ich kenne Lüder aus Jugendzeiten. Wir verloren uns aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn, denn uns verbindet eine gemeinsame Freundin. Angeregt durch „blog the job“ schrieb ich ihm nach 25 Jahren eine E-Mail. Wir führten das Interview wenige Tage später in freundschaftlicher Atmosphäre am Telefon.

Was ist dein Verständnis von bzw. deine Erwartung an die Kulturwissenschaft?

Margaret Mead soll gesagt haben: Wer sich selbst nicht versteht, studiert Psychologie, wer die Gesellschaft, in der er lebt, nicht versteht, studiert Soziologie, wer beides nicht versteht, studiert Ethnologie. Hierbei drückt sich ein kritisches Verhältnis zu sich selbst, zur Gesellschaft und/oder zu beidem aus, dass für Kulturwissenschaften zu passen scheint, nämlich allgemein nicht zu glauben, dass die Gesellschaft so ist, wie sie sein sollte. Meiner Erfahrung nach, sind die Studierenden erfolgreicher, die diese kritische Distanz entwickeln. Sie werden dabei immer wieder angeregt, sowohl die Forschung, die wir besprechen, die Theorien, die Methoden, aber auch ihre eigene Person und ihre Einschätzungen der Welt, bis hin zu ihrem politischen Aktivismus in Frage zu stellen. Diese Haltung ist immens wichtig, auch wenn das teilweise fast schmerzhafte Selbstentfremdung bedeuten kann. Durch die Distanzierung gelingen bessere Arbeiten, die einen neuen Blick auf die Phänomene werfen, anstatt sie einfach zu verdoppeln.

Wie kamst Du zu deiner Feldforschung im indigenen Nordamerika und was genau hast Du dort erforscht?

Wenn ein Programm neu aufgelegt wird, hat man größere Chancen, einen Platz zu bekommen, weil sich das noch nicht herumgesprochen hat. Zufällig erfuhr ich von einem Austauschprogramm des Landes Baden-Württemberg mit der Provinz Ontario in Kanada. Innerhalb kürzester Zeit musste ich meine Bewerbung ausfüllen und habe dann an der McMaster University in Hamilton bei einem Professor studiert, der Action Research machte: Indigene Communities beauftragen Forschungstreibende, damit diese sie dabei unterstützen, bestimmte politische oder rechtliche Forderungen durchzusetzen. Das fand ich sehr spannend. Ich habe dann mit einer Organisation zusammengearbeitet, die sich mit der Situation von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transsexuellen indigener Herkunft in Nordamerika beschäftigt. Eine Organisation mit dem Namen Two-Spirit People of the First Nationsdie bis heute besteht und einen politischen, sozialarbeiterischen und beratenden Ansatz hat.

Collage aus verschiedenen historischen Bildquellen zu multiplen Geschlechtern im indigenen Nordamerika.

Du hast mit dazu beigetragen, dass heute über Diversity offen diskutiert wird. Wie hat dein Professor damals auf deinen Forschungsschwerpunkt reagiert? 

In der Zeit gab es noch nichts Ethnologisches dazu. Es war ein neues Thema. Man hat mir an der Universität freie Hand gelassen. Ich war Student, dazu ein Austauschstudent, ich wollte Feldforschung machen. Verbunden damit ergab sich, dass ich im Laufe der Zeit für mich selbst in Deutschland einen Schwerpunkt aufbauen konnte, den ich auch später weiterverfolgte und der heute unter dem Namen Queer Studies läuft.

Wenn Du zurückdenkst, was hat Deine Studienzeit besonders geprägt?

Also diese Erfolgstories, die oft gerne erzählt werden, die sind nur für manche Leute passend, aber für viele auch nicht. Für mich trifft das nicht zu. Studium ist für mich auch immer ein Kampf gewesen, auch mit mir selber: Was interessiert mich? Was wird mir geboten? Wie kann ich erreichen, was ich haben will und wie viel Energie bin ich bereit dafür einzusetzen? Mein Weg in der Wissenschaft war nicht geradlinig, mein Studium war häufig problematisch. Wenn mir etwas fehlte, dann habe ich mir Unterstützung gesucht, um eigene Themen durchzusetzen, zum Teil auch gegen interne Widerstände. Das ist etwas ganz Anderes als: Das wird mir geboten und ich nehme das einfach hin. Ich komme aus einer Familie, in der niemand vorher studiert hat. Ich musste erst lernen, was das heißt, so ein merkwürdiges Fach zu studieren, bei dem die Leute immer fragen: Worum geht es da? Und wozu macht man das? Und kann man damit später einen Beruf finden?

Du berätst Studierende. Wie ermutigst Du sie dazu, eigene Potenziale zu erkennen und weiterzuentwickeln?

Was ich weiterhin spannend finde, ist die Verbindung von Universität und anderen Bereichen. Ich rate den Studierenden, Erfahrungen außerhalb der Universität zu sammeln, sei es über eine Ausbildung, einen Nebenjob oder politisches Engagement. Ganz gleich, ob diese Kompetenzen vor dem Studium, nebenher oder nach dem Studium erworben werden, sie bilden eine zusätzliche Perspektive zur Wissenschaft. Das finde ich ganz wichtig. Dabei klären sich auch Unsicherheiten darüber auf, ob die eigenen Erfahrungen im Studium überhaupt genug abgebildet werden oder ob neue Themen und Ansätze gefunden werden müssen. Wenn es uns gelingt, Verbindungen zwischen kulturellen Initiativen, politischen Aktivitäten und unserem Studium zu schaffen, bedeutet das natürlich, dass das Studium länger dauert. Der Fokus darauf, möglichst schnell durchs Studium zu kommen – ganz gleich, ob es zu den eignen Interessen passt – bedeutet, wissenschaftlichen Nachwuchs auszubilden, der im Studium etwas verpasst hat. Die Chance, kritisches Potenzial zu entwickeln für sich selbst, für das Studium und den Beruf wurde nicht genutzt.

Die Gesellschaft hat sich in Bezug auf Gender in den letzten Jahren stark verändert, inwiefern hat Deine Forschung und die Forschung Deiner Kolleginnen und Kollegen zu diesem gesellschaftlichen Wandel beigetragen? Wie dürfen wir uns Euer Netzwerk vorstellen?

Ich war in verschiedenen politischen Initiativen in Freiburg und im ASTA in Hamburg aktiv. Als Referent habe ich mich im Schwulenreferat engagiert und eine eigene Arbeitsgruppe zu dem gegründet, was heute Queer Studies heißt. Wir haben das einfach erfunden für den deutschsprachigen Kontext. Unsere Gruppe setzte sich aus Studierenden, einer Doktorandin und einer Habilitandin aus verschiedenen Fächern zusammen und hieß damals LesBiSchwule Studien. Wir haben auch ein Konzept für einen Studiengang entwickelt. 1994 übernahmen wir an der Universität Hamburg eine Vorlesungsreihe, die wir „Jenseits der Geschlechtergrenzen“ nannten. Und man glaubt es nicht: 2019 gibt es sie noch immer!

Was würdest Du beforschen, wenn du noch einmal neu beginnen könntest? Wo siehst Du weitere relevante Felder?

Die politische Bewegung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen und Intersexuellen hat manches erreicht. Denken wir nur zuletzt an die Anerkennung des dritten Geschlechtes „divers“. Zurzeit entstehen geschichtliche bzw. archivalische Forschungsinitiativen in und um dieses Feld, die für die kulturwissenschaftliche Disziplin sehr interessant sind. In Paris findet beispielsweise im Juni ein Kongress zu 50 Jahre Stonewall statt. Die Institutionalisierung der Queer Studies ist in Deutschland allerdings – im Gegensatz zu anderen Ländern – recht wenig gelungen. Es gibt nur einige Standorte mit Gender Studies, die noch dazu mittlerweile von Rechtspopulistinnen und Rechtspopulisten sehr scharf angegriffen werden. Es gibt also noch einiges zu tun.

Im Juni 1969 kam es in New York, nach einer Polizeirazzia im Stonewall Inn zur ersten schwul-lesbischen Protestbewegung, bei der sich ein Teil der Bevölkerung offen solidarisierte. Das Bild zeigt ein Plakat auf dem Transgenialen CSD in Berlin-Kreuzberg 2003.

Würdest Du uns ein besonderes Highlight aus deinem Berufsleben schildern?

Ich musste das Studium unterbrechen, um Zivildienst zu leisten – und auf diese Weise wurde ich Freizeitpädagoge. 1994 erreichte mich über eine Kollegin eine Anfrage des Museumsdienst Hamburg: Kennt Ihr jemanden, der im Museum etwas zu den „Indianern Nordamerikas“ machen will? Damals nannte man das noch so. Das war ja mein Spezialgebiet, natürlich hatte ich Lust dazu! Das war die Chance, mein pädagogisches Wissen und Ethnologie zusammenzubringen. Wir haben Mais gemahlen und Maiskuchen gebacken und zwischendurch die Ausstellung angeschaut, das hat natürlich sehr viel Spaß gemacht.

Wo siehst Du Dich in 10 Jahren?

Ich habe ab 2021 ein Angebot in einer Agentur für Coaching in Bremen angenommen. Dort werde ich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen zu beruflichen Themen beraten und mich Fragen im Bereich Gender und Queer in Behörden widmen. Zusätzlich werde ich die entfristete Teilzeitstelle an der Universität behalten. Mal sehen, ob mir der Spagat zwischen Wissenschaft und Beratung weiter Freude macht.

 

Bildquellen:

Bild 1: Lüder Tietz

Bild 2: mit freundlicher Genehmigung des Smithsonian Institutes

Bild 3: mit freundlicher Genehmigung der Fotografin und der Bearbeiterin

 

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