Im Taumel der Möglichkeiten? Wie der Kulturwissenschaftler Michel Massmünster Balance findet

Im Taumel der Möglichkeiten? Wie der Kulturwissenschaftler Michel Massmünster Balance findet

Feldforschung, Experimentierfreude und Schaffensdrang zeichnen den Kulturanthropologen Michel Massmünster aus. Im Interview erzählt er von der Faszination des kulturwissenschaftlichen Blicks und aus dem Alltag eines ethnografischen Allrounders.

Michel Massmünster hat Kulturanthropologie und Soziologie studiert und seine Dissertation “Im Taumel der Nacht – Urbane Imaginationen, Rhythmen und Erfahrungen” im Rahmen eines transnationalen Doktoratsprogramms geschrieben. Er lebt in Basel (CH) und hat sich mit verschiedenen Projekten journalistisch und ethnografisch selbstständig gemacht. Außerdem forscht und lehrt er an der Uni Basel am Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie und forscht an der Zürcher Hochschule der Künste zur sozialen Nachhaltigkeit der Art Education.

Ich lernte Michel bei einem Workshop zum ethnografischen Schreiben kennen, den er an unserem Institut in Freiburg abhielt. Er war mir auf Anhieb sympathisch, weil er den Stoff anhand vieler Beispiele aus seiner eigenen Forschung anschaulich vermittelte. Außerdem war herauszuhören, dass Michel in unterschiedlichsten Bereichen aktiv ist und gerne Neues ausprobiert. Das machte mich neugierig, ich wollte mehr über seinen Weg, seine Projekte und seine fachlichen Anschauungen wissen. Nun, einige Wochen später, treffe ich mich mit ihm in Basel zum Interview und fühle mich mit meinen Fragen ernst genommen und von seinen Antworten inspiriert. So ist das also, wenn man den eigenen Interessen folgt und sie zu seinem Beruf macht…

 

Michel, wir alle kennen diese Fragen im Studium: Was machst du später damit? Was ist dann genau dein Beruf? Hören diese Fragen nach dem Studium auf oder gibt es irgendwann eine klare Antwort darauf?

Solche Fragen höre auch ich noch. Und eine klare Antwort habe ich nicht. Es sind aber oft auch die eigenen Erwartungen, dass ein Beruf klar definierbar sein soll, die die Antwort erschweren. Fragebögen, auf denen man in einer Zeile den Beruf nennen soll, geben diese Erwartungen auch vor. Und ich kann da natürlich “Kulturwissenschaftler” hinschreiben, aber ich bin nicht nur Kulturwissenschaftler.

Wie erklärst du, was du als Kulturanthropologe tust?

In manchen Fällen finde ich es sinnvoll, eine einfache Antwort parat zu haben. Andernorts führe ich mehr aus und erkläre, was ich mache. Ich erzähle dann aber eher weniger von kulturanthropologischen Themen, die ich selbst in der Lehre anbiete oder im Studium in Seminaren behandelt habe. Darunter können sich viele nicht wirklich etwas vorstellen.

Im Studium besuchte ich zum Beispiel ein Seminar zu Pilzen, es gab auch eines zu Müsli. Solche Themen klingen erst mal absurd und banal. Eine Exkursion im Studium hatte uns mal in den Europa-Park geführt. Das wurde dann als Spaß-Studium belächelt. Aber in diesen scheinbar harmlosen und spaßigen Themen ist viel mehr drin, wenn wir sie anders anschauen und kontextualisieren. Ein Vergnügungspark, der sich in nationale Bereiche teilt und dabei entsprechende Stereotypen aufnimmt, ist mit seiner Infrastruktur sehr vielschichtig. Ich hatte auch mal eine Seminararbeit über den Döner geschrieben (lacht). Auch da steckt unglaublich viel dahinter. Das ist ja das Faszinierende am kulturwissenschaftlichen Blick, dass sich im Banalen” so viel versammelt. Deshalb beschreibe ich, wenn ich erkläre, was ich als Kulturanthropologe mache, eher die Arbeitsweisen wie wir unsere Themen in den Blick nehmen.

Und wie beschreibst du den kulturwissenschaftlichen Blick?

Wir können auf sehr unterschiedliche Arten Informationen und Narrative erarbeiten, genau beobachten, Komplexität verstehen, strukturieren und beschreiben. Dazu gehört auch, jene konsequent verstehen zu wollen, deren Meinung man nicht teilt. Für mich erlaubt die Kulturanthropologie aber auch, in offenen Prozessen zu denken und solche Prozesse begleiten und gestalten zu können. Bilder, Zuschreibungen und Deutungsmuster können wir hinterfragen und aufzeigen, woher sie kommen. Dass vieles also nicht immer so war bzw. nicht so sein muss. Diese Dekonstruktion lässt die Kulturanthropologie dann nicht stehen, sondern sie gestaltet auch mit, greift ein, lässt Neues entstehen. Sie kann etwa andere Beschreibungen anbieten und damit auf Dinge aufmerksam machen, die sonst unsichtbar bleiben. Dass wir das alles können, wird aber aus den Themen Pilze, Döner und Vergnügungspark nicht ersichtlich.

Was inspiriert dich an der Kulturanthropologie?

Die Kulturanthropologie hat den Anspruch, nicht nur für sich selbst zu wirken. Dieses “mit den und für die Menschen” schwingt oft mit. Zugleich gibt die historische Perspektive und das Alltagsbezogene die Möglichkeit zu zeigen, dass vieles nicht so sein muss, wie es ist. Es lässt sich herausarbeiten, wie es zu welchen Tendenzen kam. Daraus ergibt sich für mich eine Begeisterung für die Vielfalt der Arten und Weisen, das Leben zu gestalten. So kann ich Ideen und Zugänge zeigen, ohne sie festzuschreiben. Es geht dann nicht um die Vermittlung von Fakten. Das Wissenschaftsverständnis, das für mich zur Ethnografie gehört, gestaltet Dialog und Öffentlichkeit. Forschung, Gegenstand und Performanz bzw. Präsentation bedingen sich hier ständig. Das finde ich inspirierend: die Kulturanthropologie führt mich so immer wieder zu neuen Themen und Tätigkeiten.

Du hast vorhin gesagt, dass du nicht nur Kulturwissenschaftler bist. Was machst du denn momentan noch und wie steht das in Zusammenhang mit der Kulturanthropologie?

Ich schreibe einerseits journalistisch, andererseits arbeite ich in Projekten mit, in denen wir künstlerische und ethnografische Praktiken aufeinander beziehen. Daneben habe ich Lehraufträge und bin wissenschaftlicher Mitarbeiter am Seminar für Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie hier an der Universität Basel. Im September beginne ich an der Zürcher Hochschule der Künste im Bereich der Forschung zur sozialen Nachhaltigkeit der Art Education. Zudem konzipiere und leite ich Schreibworkshops, Leseperformances und Stadtführungen. Bei all dem wende ich Dinge an, die mit ethnografischen Praktiken zusammenhängen.

Ausgehend von meiner Dissertation biete ich zum Beispiel in verschiedenen Städten Nachtführungen an. Dabei erzähle ich selbstverständlich anderes als bei einem Konferenzvortrag und bin in manchen Details weniger präzise. Ich beziehe die Menschen um mich anders mit ein. Aber auch hier versuche ich, gelebte Erfahrungen, aber auch meine eigene Verwunderung, meinen Zugang aufzuzeigen und Momente zu begünstigen, in denen wir an Denk- und Verstehensprozessen teilnehmen.

Von solchen Tätigkeiten profitiert auch die eigene kulturanthropologische Lehre. Mit Theres Inauen habe ich vor einem Jahr ein Kolloquium hier am Seminar in Basel veranstaltet. Die Vorträge fanden an verschiedenen Orten in der Stadt statt, die thematisch passten. Mit dem Vortrag von Christian Elster “Pop – Musik – Sammeln” gingen wir beispielsweise in einen Plattenladen. Da trafen unterschiedliche Zugänge aufeinander. Im Vergleich zu einer Vorlesung hat man dann weniger Kontrolle über die Inhalte. Man weiß nicht recht, wer kommt, was passiert, es gibt Reibungen, aber dadurch entstehen eindrückliche Momente des Zeigens und des Verstehens – Ethnografie als mehrstimmige Performance.

Du machst ja sehr viel Verschiedenes. Wie bist du dazu gekommen?

Mein Interesse an Sprache, am Schreiben und daran, verschiedene Schreibstile auszuprobieren, lieferte eine wesentliche Motivation für meine Dissertation. Und die Herausforderung einzugehen, Nacht als Erfahrung, also dieses sehr Sinnliche zu versprachlichen. Da war ich Suchender auf mehreren Ebenen: als Schreibender, als Lesender, als Forschender, aber auch als jemand, der die Nacht irgendwie selbst lebt. Diese Forschung hat mich dann zum Beispiel zu einer Kollaboration mit dem Kurator Benedikt Wyss und dem Künstler Christopher Füllemann gebracht. Wir haben für eine Ausstellung und für die Museumsnacht Basel zusammengearbeitet. In solchen Projekten, in denen man sich auf Dinge einlässt, ohne zu wissen, was mit den Inhalten geschieht und wer sie sich wie aneignet, entsteht eben Neues: auch immer wieder neue Projekte.

Und wie siehst du das mit dem schwierigen Berufseinstieg und dem „undefinierten“ Berufsfeld der Geisteswissenschaften?

Ein Freund meinte mal lachend zum Thema Berufseinstieg: “Hätte uns doch jemand gesagt, dass es nicht so einfach wird.” Denn natürlich haben uns das damals alle gesagt. Das hat uns nur nicht interessiert, weil wir aus Interesse studieren wollten. Auch jetzt ist es das Interesse, das mich zu neuen Projekten oder Stellen bringt. Es gibt ja diese beiden Schreibtypen: der strukturfolgende und der strukturschaffende. Für induktiv arbeitende Personen ist das Strukturschaffende naheliegend – nicht nur beim Schreiben und Theoretisieren, auch beim Berufseinstieg. Man gestaltet immer wieder neu mit, woran man arbeitet. Und da ist es dann auch wie beim Schreiben: Wenn ich mir bewusst bin, dass ich einen Weg aus inhaltlichen Gründen gewählt habe, fällt er mir leichter als wenn ich denke, ich habe keine Alternative.

Michel, vielen Dank für dieses interessante Gespräch!

 

Ich nehme aus diesem Gespräch reichlich Denkanstöße mit. Für mich ist Michels Interesse spürbar der Antrieb, der ihm Mut für neue Ideen verleiht. Mich inspiriert das dazu, weiterhin meinen Interessen zu folgen, auszuprobieren, auszuhalten, mutig zu sein und den Dialog über die Kulturanthropologie zu suchen –  besonders mit Menschen, denen dieser Bereich fremd ist.

Damit kehre ich zur Anfangsfrage des Interviews zurück: Die Fragen nach dem Studium oder Beruf gegenüber Geisteswissenschaftler*innen hören nie auf und es ist wichtig, dass wir uns damit auseinandersetzen. Mir hilft es, darüber nachzudenken, was die Kulturanthropologie leisten kann und wie ich mich dabei selbst sehe, um herauszufiltern, was mir wichtig ist. Meine Interessen leiten mich und bestimmen, wie ich meine Balance finden und halten kann. Und somit zeichnet sich – mit der Zeit – ein Weg für mich ab…

 

Zum Weiterlesen:

Link zur Dissertation: Im Taumel der Nacht. Urbane Imaginationen, Rhythmen und Erfahrungen

Link zum binationalen Promotionsstudium: Transformations in European Societies

Link zu den Schreibtypen: Selbsttest Schreibtypen

 

Bild: © Florian Moritz, Universität Basel.
https://www.unibas.ch/de/Aktuell/News/Uni-Research/Wenn-es-Nacht-wird-in-Basel.html

 

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