Mehr als «Hochkultur» – Kulturarbeit im E-WERK Freiburg
Foto M. Doradzillo 2016

Mehr als «Hochkultur» – Kulturarbeit im E-WERK Freiburg

Drei Mitarbeiter*innen des soziokulturellen Zentrums E-Werk Freiburg haben mir im Interview berichtet, warum dies ein spannender Arbeitsplatz für Kultur- und Geisteswissenschaftler*innen sein kann und wie sie dort gelandet sind.

Ursprünglich als Elektrizitätswerk erbaut, bietet das E-WERK Freiburg heute Raum für Veranstaltungen, Begegnungen sowie künstlerisches Schaffen – und das spartenübergreifend in Tanz, Theater, Musik und Gegenwartskunst. Es ist gleichzeitig ein interessantes Arbeitsfeld für Kultur- und Geisteswissenschaftler*innen. Der Geschäftsführende Vorstand Jürgen, Rosaly, die für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich ist, und Jana, die Assistenz der Geschäftsführung sowie der Kuratorin für Gegenwartskunst, haben mir im Interview davon berichtet, was das E-WERK zu einem besonderen Arbeitsplatz macht und wie ihr Weg dorthin verlief. Dabei haben sie mir Einblicke in ihren Arbeitsalltag gegeben und von den Herausforderungen in der Praxis nach dem Studium erzählt.

„Das Stadttheater der Zukunft“

Ein offenes Haus, das bildende Kunst und alle Performing Arts beherbergt, Festivals und Konzerte veranstaltet, künstlerische Forschung betreibt und dabei mit den „großen Playern“ zusammenarbeitet – so beschreibt Jürgen das E-WERK und nennt dieses Konzept das „Stadttheater der Zukunft“. Unter dem Motto „EIGEN NICHT ARTIG“ werden hier jedes Jahr vielfältige Ausstellungen und Produktionen freier Theater- und Tanzensembles gezeigt sowie Konzerte, internationale Festivals und interdisziplinäre Projekte veranstaltet. Als soziokulturelles Zentrum wird es vom Verein E-WERK Freiburg e.V. getragen und von der Stadt Freiburg sowie dem Land Baden-Württemberg gefördert.

30 Jahre Kunst im E-WERK, Foto M. Doradzillo

Rosaly erklärt, dass diese Struktur eine unkommerzielle Ausrichtung und gleichzeitig mehr Freiheiten ermöglicht als es bei kommerziellen Häusern der Fall ist. Das E-WERK kann deshalb Schwerpunkte auf die Bereiche „Interkultur“ und „kulturelle Bildung“ legen und damit Kunstschaffenden ein Podium geben sowie einen möglichst barrierefreien Zugang zu Kunst und Kultur schaffen. Die kulturelle Vielfalt ermöglicht gleichzeitig auch einen intensiven Austausch über gesellschaftspolitische Themen. Gleichzeitig stellt das E-WERK Arbeitsräume für bildende Kunst, Tanz, Schauspiel und Musikschulen zur Verfügung.

Doch wie sieht im E-WERK die Arbeit hinter den Kulissen aus? Und vor allem: Wie kommt man zu dieser Arbeit?

Mit Germanistik und Politikwissenschaft zum Geschäftsführenden Vorstand

Jürgen (50) hat unter anderem Germanistik und Politikwissenschaft studiert, war lange im Theaterbereich tätig und arbeitet heute als Geschäftsführender Vorstand im E-WERK. Jürgens Werdegang ist nicht unbedingt geradlinig, aber höchst spannend. Hier erzählt er die wichtigsten Stationen:

Aber wie ist Jürgen nun ins E-WERK gekommen und was sind seine Aufgaben?

Nach 25 Jahren in verschiedensten Positionen in diversen Stadttheatern hat er sich schließlich mit freien Produktionshäusern beschäftigt und ist dabei auf das E-WERK gestoßen. Als Geschäftsführender Vorstand trägt er die Verantwortung für das gesamte Programm und leitet zusätzlich die Theatersparte. Außerdem ist es seine Aufgabe, das Haus thematisch weiterzuentwickeln. Dafür ist der Kontakt zu anderen Einrichtungen und der Austausch von Ideen ausschlaggebend. Neben der inhaltlichen Arbeit übernimmt er zudem Verwaltungsaufgaben wie betriebswirtschaftliche Abläufe, koordiniert Mitarbeiter*innen und Hausverwaltung und setzt Verträge auf. Um dabei den Überblick nicht zu verlieren, sei eine strukturierte Arbeitsweise wichtig und ein engagiertes, verantwortungsvolles Team im Haus.

„Man muss sich das Beste aus dem Studium mitnehmen“, sagt Jürgen und erzählt von einer Theaterinszenierung, für die er auf Inhalte aus seinem Germanistikstudium zurückgreifen konnte. Für seinen Arbeitsbereich sei ein Studium aber keine zwingende Voraussetzung, da man diesen Beruf „dadurch lernt, dass man ihn macht“ und Erfahrungen in der Praxis sammelt. Dazu gehört es genauso, bestimmte Arbeitsabläufe zu lernen oder ein Gefühl für Menschen zu entwickeln. Eine besondere Herausforderung liegt für ihn in der Verantwortung für Entscheidungen, die manchmal für andere Mitarbeiter*innen enttäuschend sein können. Dafür hätte er sich eine gewisse „Grundhärte“ zulegen müssen, um unbestechlich zu bleiben.

Aus der Germanistik, Ethnologie und Religionsgeschichte in die PR

Rosaly (50) arbeitet seit anderthalb Jahren im E-WERK in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (PR). Sie hat nach dem Studium der Germanistik, Ethnologie und Religionsgeschichte viele Jahre im Journalismus gearbeitet und gibt an der Universität einzelne Seminare in der Ethnologie. Hier erzählt sie, wie sie beides unter einen Hut bekommen hat:

Im E-WERK ist sie zusammen mit einer Kollegin für die PR zuständig. Ihre Aufgabe ist es, die öffentliche Präsenz des E-WERK und seines Programms zu steigern. Dazu gehört, Pressekontakte zu pflegen, Pressemitteilungen zu schreiben und Pressegespräche zu organisieren. Die Bereiche Marketing, Social-Media und Internet sowie Grafik gehören ebenfalls dazu. Rosaly kümmert sich vorwiegend um die „klassische PR“ im Vorfeld der Veranstaltungen. Dafür muss sie das Programm der kommenden Monate im Kopf haben und Texte und Bilder rechtzeitig einholen. Diese sammelt und überarbeitet sie und bestückt damit die Homepage. Außerdem bereitet sie Presseinformationen für den kommenden Monat vor und sorgt für eine sichtbare Präsenz des E-WERK in der einschlägigen Medienlandschaft. Zu größeren Veranstaltungen oder Festivals organisiert sie zusätzlich Pressekonferenzen, lädt dazu verschiedene Pressevertreter*innen ein und informiert und betreut diese vor Ort.

Für die Textarbeit in der PR ist es wichtig, ein Gefühl für Sprache zu haben. Das haben Rosaly ihr Germanistikstudium, aber auch ihre Erfahrungen im Journalismus vermittelt. Auf Letztere kann sie auch zurückgreifen, wenn es um Netzwerkarbeit geht. Inhaltlich helfen ihr gleichzeitig persönliche Interessen, zum Beispiel für den Musik- oder Theaterbereich. Trotzdem bleibt die Herausforderung, sich immer wieder „reinfuchsen“ zu müssen im Alltagsgeschäft. Dabei helfen ihr Computer- und Sprachkenntnisse, aber auch strukturiertes Arbeiten und ein großes Motivationstalent.

Von der Film- und Medienwissenschaft und Kunstgeschichte zur Assistenz von Geschäftsführung und Kuratorin

Jana (30) hat Film- und Medienwissenschaften, Kunst- und Kulturgeschichte studiert. Direkt im Anschluss wurde sie im E-WERK als Assistenz der Geschäftsführung und Kuratorische Assistenz eingestellt. Davon berichtet sie hier:

Durch ihre Doppelfunktion hat sie ein breites Einsatzgebiet. Für Jürgen übernimmt sie beispielsweise die Raumkoordination. Hier muss sie den Überblick behalten und in einem internen System festhalten, welche Veranstaltungen wann in welchen Räumen stattfinden, damit sich nichts überschneidet. Gleichzeitig unterstützt sie die Kuratorin der bildenden Kunst (Heidi Brunnschweiler) bei Ausstellungen in den zwei hauseigenen Galerieräumen. Dafür müssen – in engem Kontakt mit den Künstler*innen – Kunsttransporte und -versicherungen auf den Weg gebracht sowie der Auf- und Abbau organisiert werden. Darüber hinaus unterstützt sie die Planung des jeweiligen Rahmenprogramms. Dazu gehören Vernissagen, Screenings, Führungen oder Talks mit den Künstler*innen. Außerdem teilt Jana das Aufsichtspersonal ein und erstellt technische Anleitungen für die Ausstellungen.

Jana kann auf ihre Kompetenz der Selbstorganisation aus dem Studium zurückgreifen, wenn sie tägliche Aufgaben und Vorarbeiten in enger Absprache mit den Beteiligten koordiniert. Beim Formulieren von Texten für Führungen, Workshops und sonstiges Begleitprogramm hilft ihr außerdem ihr Fachwissen aus dem Kunstgeschichtsstudium. Im E-WERK wurde sie zwar zum ersten Mal mit Themen wie Kunstversicherungen oder -transporte konfrontiert, konnte sich aber dank ihrer Vorerfahrungen aus diversen Praktika und eigenen Projekten schnell in die neuen Themen einarbeiten.

Als Geisteswissenschaftler*innen im E-Werk

Die AntilopenGang im E-WERK, Foto M.Doradzillo

Neben Jana, Rosaly und Jürgen sind im E-Werk auch in anderen Bereichen Geisteswissenschaftler*innen tätig. Jürgen spricht in diesem Zusammenhang die Entstehung soziokultureller Zentren in den 1980er Jahren an, als sich viele Geisteswissenschaftler*innen nicht mehr nur mit „Hochkultur“ beschäftigen wollten und in diesen Zentren einen Weg sahen, Geld zu verdienen. Für ihn selbst liegt der Reiz seiner Arbeit in der Frage „wie die Theorie in die Praxis kommt“, also wie wissenschaftliche Ansätze modernisiert und in künstlerischer Form in die Gesellschaft getragen werden können. Und so werden im E-WERK in zeitgenössischem Tanz oder Theaterinszenierungen politische, soziologische oder philosophische Themen aufgegriffen. Auch aktuelle gesellschaftliche Diskussionen finden hier Eingang in die Künste.

Als ein Beispiel nennt Rosaly das interkulturelle Festival Cordiale, bei dem „Freiburger*innen aus aller Welt“ als Kurator*innen Podiumsdiskussionen, Workshops, Ausstellungen, Konzerte sowie Tanz- und Theaterstücke zu politisch aktuellen Themen organisieren. Außerdem gibt es im E-WERK Formate in Zusammenarbeit mit Wissenschaftler*innen von der Universität und so „bleibt man an den Themen aus dem Studium dran“.

Für Rosaly spielt auch eine hohe Affinität zum Kunstbereich sowie die Möglichkeit, spannende Produktionen verschiedenster Art mitzugestalten, eine wichtige Rolle. Jana schätzt den engen Kontakt zu internationalen Künstler*innen. „Das erweitert auch den eigenen Horizont“, sagt sie und findet es spannend „vor Ort zu sein, wo die Kunst entsteht“.

Zum Schluss habe ich alle drei noch nach Tipps für Studierende gefragt, die sich vorstellen können, in einem soziokulturellen Zentrum wie dem E-WERK zu arbeiten:

Schaut doch mal vorbei im E-WERK. Was läuft und mehr über das Kulturzentrum erfahrt ihr hier: www.ewerk-freiburg.de

 

Schreibe einen Kommentar