Mut im Millennial-Stil: Wieso wir sichere Arbeitsverhältnisse wollen, sie aber auch kündigen dürfen

Mut im Millennial-Stil: Wieso wir sichere Arbeitsverhältnisse wollen, sie aber auch kündigen dürfen

Mitte 20, Festanstellung im erhofften Berufsfeld, angenehmes Team und ein Gehalt, das deine Miete zahlt – klingt doch super? Für Inga nicht. Sie will mehr. Und sie kündigt. Ein Portrait über Mut und die Angst vor dem Scheitern. 

Draußen stürmt es. Vielleicht ist es einer der ersten Herbststürme in diesem Jahr. Wir sind nassgeregnet, aber endlich im Warmen. Haben unsere Schuhe ausgezogen und sitzen am kniehohen Tisch des pakistanischen Restaurants auf weichen Kissen. Vor uns Mango-Lassis, ganz klassisch möchte ich meinen, obwohl ich noch nie zuvor einen getrunken habe. Und weil wir in Hamburg sind, gibt es den Mango-Lassi auch vegan. Inga ist eine Freundin aus der Schulzeit. Ich kenne sie so gut, dass wir manchmal darüber lachen müssen, und es ist eine schöne Freundschaft, von Grund auf. Wie ich ist Inga Mitte 20. Anders als ich studiert sie nicht, sondern arbeitet als Redakteurin bei einem deutschen Modemagazin in Vollzeit und hat einen unbefristeten Vertrag. Und das schon seit zwei Jahren. Oder sollte ich lieber sagen, sie hat gearbeitet? Denn das wäre richtig.  

Work Work Work..!?

Aber gehen wir auf Anfang. Für Inga war klar, dass sie nach dem Abitur weder direkt eine Ausbildung, noch ein Studium anfangen wollte. Sie hätte gar nicht gewusst, was oder wo oder wie. Einen Freiwilligendienst und eine Australienreise später (sie würde hier übrigens lachen, denn das klingt nach dem Klischee eines Millennials durch und durch) entschied sie sich dann für den Studiengang Modejournalismus / Medienkommunikation an der Akademie Mode & Design (kurz: AMD) in Hamburg. Das Studium an der privaten Hochschule ist auf praktische Zugänge spezialisiert, multimodale und –mediale Formate sowie (kreatives) Schreiben und visuelle Kommunikation. Mit dem Ziel Moderedakteurin zu werden, begann für meine Freundin 2014 eine aufwendige und herausfordernde Zeit.  

Erste Erfahrungen in ihrem angestrebten Berufsfeld konnte sie durch ein Praktikum bei einem großen Verlagshaus sammeln, an welches verschiedene Modemagazine angebunden sind. Bereits als Praktikantin durfte sie erste eigene Seiten schreiben, Verantwortung übernehmen und konnte ihre Talente zeigen. Sie hatte einen sehr guten Einstieg und hinterließ einen bleibenden Eindruck, durch ihre Fähigkeiten im Bereich des kreativen Schreibens und ihre hohe Arbeitsmoral. Das weiß ich, weil ich sie auch in dieser Zeit begleitet habe. Inga ist aber bescheiden, das war sie schon immer: 

»Vor allem geht es im Modebereich um kreatives Schreiben. Es gibt zwar ab und an auch die klassischen Darstellungsformen wie Glosse oder Interview, aber hauptsächlich geht es um kurze, beschreibende Texte, die Mode erlebbar machen. Was manchmal gar nicht so einfach ist, aber das habe ich scheinbar nicht so schlecht gemacht. Und dann hatte ich das große Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und wurde direkt eingestellt.«

Inga hatte Spaß an dem, was sie tat, und an dem, was sie konnte. Das stellte sie jeden Tag neu unter Beweis, für sich selbst und natürlich für ihren Arbeitsplatz. In den letzten Zügen ihres Studiums arbeitete sie bereits Vollzeit in der Redaktion. Doch statt einem Nine-to-Five-Job war es eher ein Nine-to-Seven-Job, mit unberechenbaren Überstunden vor Abgabefristen, spontanen Einsätzen am Wochenende für Fotostrecken in Berlin und mit abendlichen Events nach der Arbeit, die meistens auch irgendwie Arbeit waren. Trotzdem mochte Inga ihren Job, ihre Kolleg*innen, ihre Vorgesetzten. Was sie nicht mochte, war das im Vergleich zum Arbeitspensum niedrige Gehalt. Und irgendwann auch den Rahmen, den das Format Modezeitschrift ihr auferlegte. Denn obgleich Inga viele der Themen, für die sie sich privat interessiert, aufschreiben und ausleben konnte, galt für sie: 

»Wenn sich der Job am Ende des Tages nur noch darum dreht, günstige Kleidungsstücke an die Frau oder den Mann zu bringen, kann ich mich damit nicht mehr identifizieren.  Nun kann man sagen, dass man Job und Privates eben voneinander trennt, aber das war für mich keine Lösung.«

Aussteigen oder nicht, das ist hier die Frage 

Das Gefühl der Unzufriedenheit stellte sich bei Inga schleichend, aber stetig ein. Eigentlich schon während ihres Studiums. Vielleicht waren es moralische Bedenken gegenüber der Modeindustrie. Wieso sie nicht einfach früher ausgestiegen ist? Inga studierte an einer privaten Hochschule, die gelinde gesagt nicht wenig Geld kostete. Für Inga war es deswegen wichtig, auch zu arbeiten, um sich nicht komplett von ihrer Familie abhängig machen zu müssen, die sie unterstützt, wo sie es nur kann. Wäre sie an einer staatlichen Universität gewesen, so sagt sie heute, hätte sie das Studium vielleicht abgebrochen. Trotzdem – und das halte ich für sehr wichtig – ist Ingas Weg bis hierher keine vertane Zeit. Im Gegenteil. Ihre persönliche Entwicklung, ihre Berufserfahrung und die damit verbundenen Herausforderungen und ihre Bewältigung machen einen Teil aus von dem, wer sie heute ist.  

Und heute sitzen wir im pakistanischen Restaurant mit unseren Mango-Lassis. Ingas Entschluss, ihren Job zu kündigen, hat sie nicht mehr nur gefasst, sondern bereits umgesetzt. Sie hat Angst und wie könnte sie die nicht haben. Obwohl ihr Einkommen eher mäßig war, konnte sie damit die Wohnung, ihren Gitarrenunterricht und das Fitnessstudio bezahlen. Beides Letztere musste sie nun aufgeben. Und dazu noch einen Studienkredit aufnehmen. Von finanzieller Unabhängigkeit zurück in eine eigentlich prekäre Lebenssituation. Ingas Familie unterstützt sie bei diesem Weg weiterhin so gut es geht. Etwas, das nicht selbstverständlich ist.

Mittlerweile sitzt unsere gemeinsame Freundin Laura mit am Tisch des pakistanischen Restaurants. Während wir auf unser Essen warten, versuchen wir, Inga Tipps für die Orientierungswoche zu geben. Wir sind alte Hasen, was das Studium angeht, fast am Ende unseres Masters. Und weil wir auch gute Freundinnen sind, raten wir ihr von der Stadtrallye ab (wer kennt sie nicht, die Kleiderketten durch die Stadt). Denn jetzt kommt der Clou: Inga studiert im kommenden Wintersemester Betriebswirtschaftslehre. Weiter entfernt vom kreativen Schreiben und ihrem gewohnten Umfeld kann sie eigentlich gar nicht sein.

Aber Inga will mehr. Mehr lernen. Sie selbst sagt – und das mag paradox erscheinen – dass sie sich gar nicht sonderlich für Wirtschaft, Mathematik und Finanzen interessieren würde. Aber sie weiß, dass sie eine Herausforderung sucht. Sie will sich in etwas reinfuchsen. Sie will sogar wochenlang intensiv für Klausuren lernen und freut sich auf dem Mathevorkurs. Das BWL-Studium ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, sondern baut auf ihren bisherigen Erfahrungen auf. Bisher kennt Inga „nur“ das Kreative, die Mode, das Schreiben. Was sie kennen lernen will, ist das Strukturelle, das, was dahinter liegt, wie sie sagt. Sie will weiter als sie es jetzt ist. Das Schöne daran ist, wie ich finde: Bei der Entscheidung galt es natürlich, verschiedenes abzuwägen, aber letztlich war es eine Bauchentscheidung. Ein Gefühl dafür, dass das jetzt das Richtige für sie ist. Wenn wir sprechen, fällt mir auf, dass Inga sich auf das freut, was ich manchmal für selbstverständlich erachte. Sie möchte sich ihre Zeit selbst einteilen, auch mal an einem Dienstagmorgen frühstücken gehen und nicht ab morgens in der Redaktion sitzen. Sie möchte abends die Kraft haben, ein Buch zu lesen, oder einfach mal eine Serie gucken. Sie will Zeit für ehrenamtliche Arbeit, sie will zu Vorträgen gehen, mehr Zeit für ihre Gesundheit haben.  

Ungewissheit ist nicht immer etwas Schlechtes

Ich frage Inga, was sie Menschen raten würde, die in einer ähnlichen Situation wie sie sind. Sie sagt: Neue Dinge auszuprobieren und nicht so lange zu warten. Und keine Angst davor zu haben, dass etwas nicht klappen könnte.“ Denn im Endeffekt könnte es auch sein, dass ihre Entscheidung ein absoluter Fehlgriff ist. Dass sie am Ende des ersten Semesters abbricht und wieder in ihrem gewohnten Feld arbeiten möchte. Und wäre das so schlimm? Absolut nicht. Mut gehört dazu, ja. Etwas zu wagen, ist mutig, und ehrlich zu scheitern, ist es genauso.

Unserer Generation wird nachgesagt, dass wir zu faul für richtige“ harte Arbeit sind, dass wir zu viele Anforderungen stellen. Das Narrativ des verweichlichten und immer nur fordernden Millennials hält sich wacker. Es wird uns eingeredet, dass wir so früh wie möglich in den Arbeitsmarkt eintreten sollen. Daher auch die große Angst davor, etwas falsch zu machen. Zu spät dran zu sein, zu wenig praktische Erfahrungen zu haben. Die Angst davor, dass der Mensch neben mir ein bisschen besser ist als ich und den Job bekommt, den ich haben möchte. Vielleicht spricht dieser Mensch eine Sprache mehr als ich, oder kann InDesign oder hat bereits mehrere Praktika im Ausland absolviert. Sich etwas zu trauen, ist mutig. Und: Wir haben die Möglichkeit dazu. Wenn ich zum Beispiel an meine Mutter denke, weiß ich dieses Privileg umso mehr zu schätzen. Sie wollte immer Pathologin werden, wurde aber von ihren Eltern gedrängt, eine Lehre in der Gastronomie zu machen. Wie es nun mal so üblich war in ihrem Umfeld. Etwas anzufangen, das gleich Geld einbrachte und solide war. Keine großen Unbekannten, nichts Ungewisses. Noch heute spreche ich oft mit ihr darüber, was sie alles anders machen würde. Uns Zeit zu lassen, ist ein Geschenk. Neu anzufangen auch. Wir leben in einer anderen Zeit als meine Mutter damals, vieles ist leichter – vor allem im Bildungswesen. Anderes ist komplizierter geworden. Hätte meine Mutter damals jemanden wie Inga gekannt, jemanden, der etwas wagt, wer weiß, ob sie nicht doch Pathologin geworden wäre. Und deshalb bin ich sehr stolz auf das, was meine Freundin Inga gerade tut – ohne zu wissen, wohin es sie führen wird.  

 

Bild: Laura Marie Steinhaus

 

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