Auslandspraktikum: Enttäuschte Erwartungen – neue Herausforderungen

Auslandspraktikum: Enttäuschte Erwartungen – neue Herausforderungen

Wie reagiert man eigentlich auf ein Praktikum, das so gar nicht läuft, wie man es sich erhofft hatte? Und wie macht man das Beste aus den unerwarteten Umständen? Diese Fragen habe ich mir während meiner vier Wochen bei einer Menschenrechtsorganisation in Indonesien oft gestellt. Nach über vier Jahren wage ich mich an den Versuch einer Antwort.

Angst vor dem ersten Eindruck

Ich stehe verschwitzt und mit einem viel zu großen Rucksack auf dem Rücken am Bahnhof von Surakarta, einer Großstadt auf der Insel Java, und blicke mich suchend um. Gegenüber ziehen der laute Verkehr und die Passanten auf den überfüllten Straßen verschwommen an mir vorbei. Bin ich hier überhaupt richtig? Wie erkenne ich eigentlich die Kollegin, die mich abholen wird? Bei dem Gedanken, wie unvorbereitet ich mich fühle, zieht sich mein Bauch zusammen. Wie sich bald herausstellt, sind meine Zweifel unbegründet: Eine junge Frau auf einem Motorroller fährt grinsend um die Ecke und direkt auf mich zu. Später erklärt sie mir lachend, dass ich als Europäerin nicht zu übersehen bin, noch dazu mit diesen hellen Haaren. Irgendwie schaffen wir es, mich und meinen Rucksack mit auf den Roller zu verfrachten und schlängeln uns bald in beängstigender Geschwindigkeit durch das Meer von Fahrradtaxen, Motorrollern, Kleinbussen und Autos.

Praktikumsstelle und angsteinflößendes Vorstellungsgespräch

Das Büro der christlichen Menschenrechtsorganisation LPH YAPHI ist einfach eingerichtet, aber gemütlich. Die knapp 15 Mitarbeiter*innen sind zwischen Anfang 20 und Mitte 50, teilen einen starken Glauben an christliche Werte und engagieren sich seit Jahren gemeinsam für die Rechte marginalisierter Gruppen in Surakarta und der ländlichen Umgebung. Als religiöse Minderheit auf Java arbeiten sie eng mit muslimischen Menschenrechtler*innen, Künstler*innen und Studierenden zusammen, bieten kostenlosen Rechtsbeistand für Einzelpersonen und Gemeinden, organisieren Tagungen und machen durch öffentliche Veranstaltungen auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam. Vorbereitet durch ein Seminar, einen zweisemestrigen Sprachkurs und zwei Wochen Sprachschule in Yogyakarta, werde ich hier vier Wochen verbringen, um Einblicke in das Arbeitsfeld von NGOs und ihre vielfältigen Aufgabenfelder zu gewinnen.

Sobald ich zusammen mit meiner Kollegin in den kleinen Konferenzraum trete, um mich dem Rest des Teams vorzustellen, werden mir zwei Dinge klar: Mein Indonesisch ist viel zu schlecht und Englisch als Zweitsprache hier eher nicht verbreitet. Schnell lese ich Enttäuschung in den Gesichtern, als ich mich, mehr schlecht als recht und etwas stotternd, auf Indonesisch vorstelle. Nachdem die Teamsitzung durch ein gemeinsames Gebet abgeschlossen wird, erwarten mich in dem Gespräch mit meiner Vorgesetzten weitere Überraschungen: Sie hatte nicht nur ein höheres sprachliches Level, sondern auch einen längeren Aufenthalt erwartet. Langsam wird mein Gesicht heiß. Dann stellt sich heraus, dass sie davon ausgegangen war, ich würde eine selbstständige Forschung durchführen. Mein Bachelorherz beginnt wild zu klopfen. Mir geht allmählich auf, dass es im Laufe der Praktikumsplanung zu einigen großen Missverständnissen zwischen meiner Koordinatorin und mir oder ihr und meiner Vorgesetzten gekommen sein musste.

Erstes Gefühls-Chaos und langsame Eingewöhnung

Als ich nach meinem ersten Praktikumstag ins Bett falle, ist mir zum Weinen zumute. Ich fühle mich orientierungslos, unnütz und inkompetent. Wie konnte das alles so schief gehen? Ich ärgere mich, dass ich im Sprachunterricht nicht fleißiger war und mich die offensichtlichen Kommunikationsprobleme während der Planungsphase nicht stärker alarmiert haben. Vor allem aber kreisen meine Gedanken darum, welchen Nutzen die nächsten Wochen überhaupt für mich haben werden und ob ich für das Team nicht eher Last als Hilfe bin. Ich bin nicht nur die erste Fremdsprachlerin, die sich für die Mitarbeit bei LPH YAPHI interessiert, sondern auch die erste Bewerberin für ein Praktikum – einem Format, das den Mitarbeiter*innen der Organisation bis jetzt scheinbar unbekannt war. Auch nach der Aussprache und dem gemeinsamen Beschluss, mich vorerst einfach bei allen Terminen mitlaufen zu lassen, bis sich eine Aufgabe für mich findet, plagen mich Zweifel.

Die nächsten Arbeitstage durchlaufe ich in einem Zustand zwischen sprachlicher Verwirrtheit, Frustration und Angst davor, weitere Beweise für meine Nutzlosigkeit zu liefern. Häufig traue ich mich nicht nachzufragen, wenn ich in Gesprächen mit meinen Kolleg*innen den Faden verliere, sitze verloren an meinem kleinen Schreibtisch und versuche mich eher im Hintergrund zu halten. Doch mit der Zeit lerne ich das Team und seine Arbeit immer besser kennen: Wir fahren zu Rechtsberatungen in kleine ländliche Gemeinden, treffen uns mit anderen Menschenrechtsorganisationen und organisieren Protestaktionen. In der Mittagspause stellen meine Kolleg*innen mir ihre Lieblingsgerichte vor, zeigen mir in ihrer Freizeit Sehenswürdigkeiten und laden mich zu sich nach Hause ein. Mit jeder Unternehmung fällt mir das Reden und Nachfragen leichter und ich gewinne ein Gefühl für mein Umfeld. Am meisten freue ich mich, als mir nach und nach bewusst wird, wie gerne viele meiner Kolleg*innen ihr Englisch an mir ausprobieren und mit wie viel Humor sie meinen sprachlichen Fehlern begegnen.

Zeit für Kompromisse und Improvisation

Mehr und mehr wird mir klar, dass meine Kolleg*innen und ich der selben Herausforderung gegenüberstehen: Wir müssen unsere anfängliche Erwartungshaltung fallen lassen, Kompromisse finden und gelegentlich auf unser Improvisationstalent setzen. Bald findet sich dann sogar ein Nutzen in meinem sprachlichen Dilemma: Mir wird die Aufgabe zugeteilt, indonesische Informationsbroschüren ins Englische zu übersetzen – so kann ich mein Vokabular erweitern und der Organisation gleichzeitig zu mehr Reichweite verhelfen. Auch als ich spontan zu einer Diskussionsrunde über den Stand der Frauenrechte eingeladen werde, wechseln die studentischen Teilnehmer*innen ohne Probleme ins Englische, während wir uns angeregt über die Unterschiede zwischen Indonesien und Deutschland unterhalten. Natürlich komme ich trotzdem immer wieder an meine Grenzen: Als bei einem Gemeindetreffen ein Überlebender des Genozids von 1965 im Gespräch über seine Erfahrungen in Tränen ausbricht, kann ich ihn weder verstehen, noch tröstende Worte finden. In solchen Momenten bleibt mir nichts anderes übrig, als meine Sprachlosigkeit zuzulassen, gegebenenfalls um Hilfe zu bitten und die schwierige Situation auszuhalten.

Was habe ich also gelernt?

Rückblickend und mit mehreren Jahren Abstand wird mir bewusst, dass dieses Praktikum mir weitaus mehr beigebracht hat als ein paar Vokabeln und menschenrechtliches Arbeiten: Ich habe gelernt, enttäuschte Erwartungen zu bewältigen, mich an unerwartete Umstände anzupassen, mit Verwirrung und Sprachbarrieren umzugehen und schwierige Gesprächssituationen mit Vorgesetzten zu meistern. Auch auf fachlicher Ebene konnte ich mich mit wichtigen Dingen, wie den lokalen Wertvorstellungen und Umgangsformen, dem Nutzen teilnehmender Beobachtung und natürlich der Rolle von Sprache auseinandersetzen. Entscheidend waren für mich jedoch vor allem persönliche Erkenntnisse: Mir wurde bewusst, was mir in meinem zukünftigen Arbeitsfeld wichtig ist, dass ich ungeahnte Herausforderungen meistern und auf mein Bauchgefühl zählen kann.

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Quellenangabe Bildmaterial: Franziska Tacke

 

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