Treffende Kombination: KaEE und die Arbeit als freier Journalist
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Treffende Kombination: KaEE und die Arbeit als freier Journalist

Alltagswelten mit realen Geschichten zugänglich machen, Perspektivwechsel üben und vermitteln – ein kulturwissenschaftliches Studium und freier Journalismus haben vieles gemeinsam. Für den KaEE Studenten Julian Bindi sind Campus und Redaktion daher eine ideale Kombination.

Julian Bindi ist 24 Jahre alt und ein bekanntes Gesicht im Freiburger Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie. Nicht nur, weil er hier im Bachelor studiert, sondern weil er als studentische Hilfskraft in der Institutsbibliothek arbeitet. Daneben ist er aber auch freier Journalist bei der Freiburger InZeitung. Durch die Covid-19 verursachte Verunsicherung treffen wir uns in meinem WG-Zimmer und geben uns einen verhaltenen Ellenbogenstoß als neue Form der Begrüßung. Nach kurzer Diskussion über die Öffnung der Fenster für mehr Umluft, aber dafür schlechterer Audioqualität der Aufnahme, einigen wir uns auf einen sicheren Kompromiss. Schmunzelnd bemerkt er, dass er die gleichen weißen Ikea Möbel besitzt, die wohl in einem Großteil der Studierendenzimmern in Wohnheimen stehen. Bis eben kannte ich nur Julians Gesicht, doch schnell entwickelt sich das Interview zu einem interessanten Gespräch unter Freunden über unser Studienfach und journalistisches Schreiben.

Julian, wie kam es dazu, dass du KaEE in Freiburg studierst?

Ich bin damals nach Freiburg gekommen, um eine Schreinerausbildung anzufangen. Als ich nach zwei Wochen feststelle, dass ich zwei linke Hände habe, brach ich ab und wollte mich dann noch an der Uni einschreiben. Zu diesem Zeitpunkt waren aber nur noch die Studiengänge ohne Zulassungsbeschränkung möglich. Das hat die Auswahl deutlich reduziert. Ich habe einfach das genommen, was am interessantesten für mich klang.

Und? War Europäische Ethnologie eine gute Wahl?

Ja, für mich persönlich hat es gepasst. Das Studium entspricht meinen persönlichen Interessen. Ich habe gelernt, die Welt um mich herum zu dekonstruieren, mit einer anderen Perspektive zu betrachten. Auch die Welt, die direkt vor meiner eigenen Haustür liegt. Mittlerweile mache ich mir gerne einen Spaß daraus, gewisse Aussagen öffentlicher Personen nach kulturanthropologischer Manier zu analysieren. Da kommt dann oft simples Schwarz-Weiß raus, aber so funktioniert unsere Welt ja nicht. Wenn man, wie bei uns im Fach, empirisch im Feld arbeitet, an einem Forschungsprojekt arbeitet, bin ich zwangsläufig damit konfrontiert, über die eigene Rolle als Forschender zu reflektieren, was auch die Reflexionsfähigkeit im Alltag steigert. Man lernt dabei, zu akzeptieren, wie andere die Welt sehen, auch wenn man persönlich anderer Meinung ist. Gleichzeitig ist es eine große Herausforderung, beides in Einklang zu bringen, den offenen Blick auf das Andere und die eigene Person, weil ich die eigene Rolle nie ganz ausschalten kann.

Was hat dich zur In Zeitung geführt?

Das war eigentlich ein Selbstläufer, ein glücklicher Zufall. Ich habe eine Studienarbeit über die Praktiken der Ab- und Ausgrenzung zwischen Jenischen und Sinti verfasst, die ich bei einem Netzwerktreffen vorgestellt habe. Da war auch die Chefredakteurin der InZeitung anwesend. Am nächsten Tag habe ich bei der Ausstellungseröffnung eines Freilichtmuseums nochmal einen Vortrag über meine Erfahrungen bei der Forschung gehalten und dann von der Zeitung das Angebot bekommen, für sie zu arbeiten. Die InZeitung hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen in Freiburg für ein vielfältiges kulturellen Leben zu sensibilisieren.

Was waren deine Aufgaben in der Redaktion während des Praktikums?

Eigentlich ist es sehr ähnlich wie das, was ich jetzt auch als freier Mitarbeiter mache: fremde Texte redigieren, Recherchen, klassische redaktionelle Tätigkeiten. Allerdings wurden die mir gestellten Aufgaben konsequenter erwartet. Ich wurde mit einer Reportage beauftragt, die ich selbstständig durchführen musste. Außerdem habe ich an Redaktionssitzungen teilgenommen und Einführungen in das journalistische Arbeiten bekommen. Die waren ähnlich wie Workshops, bei denen es um ganz viele Themen ging, wie zum Beispiel um Textgattungen und Redigieren. Das war sehr wegweisend. Angenehm war auch, dass es keine strengen Arbeitszeiten gab.

Wie lief die Reportage ab?

Ich habe über ein Treffen von Pro Familia berichtet, zu dem Männer mit Migrationshintergrund eingeladen werden, um in lockerer Atmosphäre beim Kaffeetrinken über Männerprobleme zu reden. Pro Familia hatte sich selbst bei der InZeitung gemeldet, weil integrative Projekte thematisch zur redaktionellen Ausrichtung der Zeitung passen. Es gab dann zwei Vorgespräche mit dem Organisator, bei denen mir erklärt wurde, worum es bei diesen Treffen geht. Bei einem Treffen war ich dann persönlich dabei und ich war überrascht, wie unterschiedlich das zur Beschreibung war. Es war eigentlich kein Dialog, sondern eher ein Vortrag in lehrmeisterhafter Manier über den Umgang mit Frauen in Deutschland. Ich habe diese Erfahrung beim Schreiben der Reportage verarbeitet und eher eine Kritik zu dieser Veranstaltung verfasst. Nach der Veröffentlichung musste ich dann eine heftige Beschwerde des Veranstalters einstecken, der sogar mit dem Anwalt drohte und die Vernichtung der Auflage forderte. Zum Glück hat mir meine Redaktion da Rückendeckung gegeben.

Inwieweit hat dich das Studium auf deine journalistische Tätigkeit vorbereitet?

Das Studium ist eine gute Schule dafür, verschiedene Perspektiven auf bestimmte Phänomene einzunehmen. Zum Beispiel habe ich bei einem Artikel über den Weltuntergang eine erzählforscherische Haltung eingenommen in Bezug auf Weltuntergangsfantasien und konnte dadurch einige von Menschen zu ihren Zwecken gemachte Konstruktionen aufzeigen. Recherchieren, Schreiben und Interviews führen gehört in beiden Bereichen zu den grundlegenden Anforderungen, wobei sich die Formate aber auch unterscheiden. Durch das ethnografische Schreiben im Fach fiel es mir leicht, Reportagen zu verfassen und teilnehmende Beobachtung durchführen zu können, ist dabei auch von Vorteil.

Wem würdest du dieses Studium empfehlen und warum?

Ich sage immer, wenn mehr Menschen KaEE studieren würden, wäre die Welt ein friedlicherer Ort. Weil das Grundprinzip das Fremdverstehen ist, was Menschen dazu befähigt, ihre Differenzen und Konflikte besser zu verstehen und beilegen zu können.

 

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