Vom Bachelor in Soziologie zum Geschäftsführer eines Vereins

Vom Bachelor in Soziologie zum Geschäftsführer eines Vereins

Hast du dir schon einmal überlegt, direkt nach dem Studium Geschäftsführer*in zu werden? Nein? Ich auch nicht. Führungspositionen scheinen für die meisten Studierenden in geisteswissenschaftlichen Fächern erstmal unerreichbar, zumindest kurz nach dem Abschluss. Aber das ist ein Mythos, den wir selbst nicht auch noch glauben sollten. Deswegen möchte ich dir ein ermutigendes Beispiel geben von jemandem, der mit einem Bachelorabschluss ganz schnell nach oben kam.

Tobias Schwitalla, 27 Jahre jung, hat Soziologie und Volkswirtschaftslehre im Bachelor in Freiburg studiert. Während des Studiums jobbte er bei einem Lebensmittelmarkt und engagierte sich ehrenamtlich in einem Verein, der Kinder- und Jugendfreizeiten anbietet. Heute ist er Geschäftsführer genau dieses Vereins und das mit nur einem kleinen Zwischenschritt über ein kurzes Angestelltenverhältnis bei der Arbeiterwohlfahrt.

Jetzt aber von Anfang an. Wie kam das mit der Geschäftsführung?

Der Verein heißt Förderkreis Ferienzentren e.V., kurz FöFe. Der FöFe bietet Kinder- und Jugendfreizeiten im In- und Ausland an. Das Ganze läuft über circa 100 ehrenamtliche Betreuer*innen und zwei Hauptamtliche. Einer davon ist Tobias. Er hat im Jahr 2013, wie alle ehrenamtlichen Betreuer*innen im FöFe, die Neueinsteigerausbildung gemacht. In den Jahren danach war er bei verschiedenen Camps Betreuer und leitete auch zweimal ein internationales Camp im Schwarzwald, mit spanischen und deutschen Teilnehmer*innen. Zeitgleich wurde Tobias in den Vorstand des Vereins gewählt und engagierte sich über die normale Betreuertätigkeit hinaus.

Währenddessen schrieb Tobias seine Bachelorarbeit, danach bekam er einen Job bei der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Dieser Schritt war aber von Anfang an nur als Zwischenstation geplant, um nach dem Studium Geld zu verdienen. Nach kurzer Tätigkeit bei der AWO wurde zunächst eine Stelle auf Minijob-Basis beim FöFe frei, auf die sich Tobias bewerben wollte. Doch dann gab die damalige Geschäftsführerin bekannt, dass sie schwanger sei und in Mutterschutz gehen würde. Somit wurde die Geschäftsführung frei. Tobias bewarb sich und der Vorstand entschied sich für ihn. Die Stelle umfasst 80%, womit Tobias für alle organisatorischen Angelegenheiten des Vereins zuständig ist. Bettina, die zweite Hauptamtliche, kümmert sich um alles Pädagogische, unter anderem die Ausbildung der Betreuer*innen.

Aufgaben, die zum Arbeitsalltag gehören

Die Aufgaben hängen von der jeweiligen Jahreszeit ab. Im Herbst und Winter werden vor allem die Camps des vergangenen Sommers abgerechnet und die Termine für die nächste Saison festegelegt. Im Frühling kommen dann mehr Aufgaben hinzu, wie Anmeldungen der Teilnehmer*innen zu verwalten und den Auf- und Abbau der Camps zu planen. Außerdem liegt auch die Buchhaltung bei Tobias. Er muss Rechnungen bezahlen und schreiben, den Jahresabschuss für den Verein erstellen und Mitgliedsbeiträge einnehmen. Weiterhin bietet er eine Plattform für ehrenamtliches Engagement, ist somit Ansprechpartner für die Betreuer*innen in organisatorischen Belangen und behält die Infrastruktur im Blick. Dazu zählt zum Beispiel, sich um die vereinseigenen Autos zu kümmern, Fähren und Plätze für die Freizeiten zu buchen. Aber auch um alle rechtlichen Fragen kümmert er sich. Beispielsweise wie man mit der neuen Datenschutzgrundverordnung umgeht und was diese für Auswirkungen für die Camps hat.

Jetzt fragt ihr euch vielleicht: Was hat das bitte mit einem Soziologie-Studium zu tun? Das habe ich mich auch gefragt und bei Tobias nachgehakt. Er sagt klar, dass er keine direkten Zusammenhänge zu seinem Studium sieht. Allerdings schadet ein Bachelor in Soziologie seiner Meinung nach auch in keinem Beruf. Im Bachelor gäbe es noch keine allzu großen Spezialisierungen, was einen allgemeinen Zugang ermögliche. Einen Mehrwert aus dem Studium sieht Tobias bei der Textverarbeitung. Texte lesen und sie danach reproduzieren zu können, hilft ihm täglich bei seiner Arbeit.

Gab es Herausforderungen beim Berufseinstieg?

Wahrscheinlich würde fast jeder von uns jetzt denken, dass Tobias Nächte lang wach lag, sich viele Gedanken gemacht und vielleicht auch daran gezweifelt hat, ob das nicht eine zu große Aufgabe für ihn ist. Er selbst sieht das alles etwas lockerer. Natürlich höre sich das erstmal nach einer großen Aufgabe an, einen Verein zu leiten, doch Tobias findet, dass es viel ausmache, dass er erstens den Verein schon gut kannte und zweitens die Bezeichnung Geschäftsführer zwar bestehe, er jedoch eigentlich nur der Chef von einer weiteren Person und sich selbst sei. Alle anderen sind ehrenamtlich engagiert. Meine persönliche Meinung dazu geht hier schon etwas in eine andere Richtung. Dazu müsst ihr wissen, dass ich damals mit Tobias zusammen die Neueinsteigerausbildung gemacht habe und mich seitdem ehrenamtlich beim FöFe engagiere. Für mich persönlich ist die Titulierung Geschäftsführer gerechtfertigt. Natürlich kann man diesen Verein nicht gleichsetzen mit einem mittelständischen oder größeren Unternehmen und einem Geschäftsführerposten in der freien Wirtschaft, doch Tobias trägt eine große Verantwortung auch gegenüber den ehrenamtlichen Betreuer*innen und dem Vorstand. Er muss im Endeffekt dafür sorgen, dass alles reibungslos läuft und alle das machen, was sie sollen. Meiner Meinung nach eine große Aufgabe!

Warum hat Tobias diese berufliche Richtung eingeschlagen?

Im Endeffekt war es Zufall, dass Tobias beim FöFe gelandet ist. Sein Plan war, beruflich in eine etwas andere Richtung zu gehen. Er wollte weniger das Organisatorische machen, sondern sich in der Erlebnispädagogik ausbilden lassen. Direkt einen Master hinter sein Bachelor-Studium zu hängen, war nie sein Plan. Ganz ausgeschlossen ist ein Master-Studium für die Zukunft aber nicht. Tobias will dann allerdings klar davon überzeugt sein. Er schließt dabei auch ein duales oder berufsbegleitendes Master-Studium nicht aus.

Auch wenn sicher nicht jede*r von uns nach dem Studium direkt in eine solche Stelle wechselt, ist es doch motivierend zu sehen, was alles möglich ist. Zuletzt will ich euch noch einen Tipp von Tobias für den Berufseinstieg mit auf den Weg geben: Es fängt immer bei sich selbst an. Ihr müsst wissen, was ihr wollt. Dann findet sich immer irgendwas, ihr dürft einfach nicht aufgeben!

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Tobias für das Interview und seine Offenheit, über seinen beruflichen Werdegang zu berichten.

Infos zum Verein FöFe: www.foefe.de

 

Bildquelle: Förderkreis Ferienzentren e.V.

 

 

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