Praktikum bei Südwind: Wenn Bourdieu zur Schule geht

Praktikum bei Südwind: Wenn Bourdieu zur Schule geht

Ich wurde während meines Praktikums in die Schule geschickt. Zuerst war ich darüber sehr überrascht. Im Nachhinein betrachtet, habe ich viel dazu gelernt. 

Der Südwind nimmt uns mit!

„Südwind Freiburg e.V.“ ist ein Verein für soziale und kulturelle Arbeit. Der Verein ist in verschiedene Abteilungen oder Aktionsbereiche unterteilt. Sein Ziel ist, den interkulturellen Dialog zu fördern und den Integrationsprozess als gesamtgesellschaftliche Aufgabe voranzubringen. Die Aktionsbereiche des Vereins sind: Migrationsberatung (für erwachsene Zugewanderte); Integrationskurse (für Frauen, Eltern und mit Alphabetisierung); flexible Nachmittagsbetreuung an der Lortzingschule; Frauen im Südwind Verein; Kultur & Bildung; Vorschulförderung an der Lortzingschule und Schulkindbetreuung an der Lortzingschule (SCHUKS). Mein Praktikum habe ich als Betreuerin in der Lortzingschule absolviert. In der Schulkindbetreuung geht es darum, Kindern unabhängig von ihrer Herkunft oder Familiensituation die Chance zu geben, über den Schulunterricht hinaus eine Betreuung nach ihren Bedürfnissen zu erhalten.

Das Praktikum hat insgesamt sechs Wochen gedauert. Zuerst war ich zwei Wochen lang in der Vorschulförderung. Zusammen mit einer Mitarbeiterin der Schule hatten wir vier Kinder zu betreuen. Alle Kinder hatten einen Migrationshintergrund und sprachen mehr oder weniger Deutsch. Unsere Aufgabe war es jedoch nicht, ihnen Sprachkurse zu geben, sondern sie mit ihrer neuen Umgebung vertraut zu machen. Sie lernten die Regeln der Gesellschaft, verinnerlichten Werte, die für einige völlig neu waren. Und das Ganze lernten sie durch Spiele, Lesen, Ausflüge und verschiedene Aktivitäten. Dabei war das Tagesprogramm nie statisch oder festgelegt und den Kindern wurde nie etwas aufgezwungen.

Respekt und Wertschätzung als Schlüssel zum Erfolg

Mir war klar, dass die Arbeit mit Kindern viel Geduld erfordert und die wurde manchmal wirklich auf die Probe gestellt. Jedes Kind, mit dem ich während meines Praktikums gearbeitet habe, hatte einen eigenen Charakter oder eine eigene Sensibilität, die eine Mischung aus der erhaltenen Erziehung und dem Milieu ist, in dem das Kind sozialisiert wurde. Alle hatten ihren eigenen Lernrhythmus und deshalb wurden die Aktivitäten manchmal auf jedes Kind einzeln zugeschnitten, um den individuellen Bedürfnissen und Lücken gerecht zu werden, aber auch, um die Fortschritte wertzuschätzen. Während der Jüngste zum Beispiel eine Geschichte vorgelesen bekam, lernten die anderen, ihre Kreativität durch Handarbeit (Zeichnen, Kneten, Malen) zu fördern. Bei Ausflügen (Museen, Bibliothek oder Spielplätze) entdeckten sie neue Dinge, aber es gab ihnen auch die Gelegenheit, das, was sie bisher nur aus Büchern kannten, in der Praxis kennenzulernen wie z. B. Verkehrsregeln.

Lernen ohne Druck

Nach der Vorschulförderung wurde ich für einen Monat in der Schulkindbetreuung in einer dritten Klasse eingesetzt. Dort waren die geplanten Aktivitäten, bis auf wenige Ausnahmen, vor allem auf die Bedürfnisse der Kinder ausgerichtet und dienten dazu, Impulse für die Entwicklung jedes Kindes zu geben. Dazu gehört, dass die Kinder das ganze Jahr über in festen Gruppen bestimmten Aktivitäten nachgehen. Einige waren in der Kreativ-Werkstatt angemeldet und stellten dort beispielsweise Vasen her, andere waren in der Holz-Werkstatt und bauten ein Boot. Dann gab es noch eine Theatergruppe, die Aufführungen einstudierte. Auch wenn es sich nicht um Spielen im engeren Sinne des Wortes handelte, hatte ich den Eindruck, dass die SchülerInnen ihr Tun immer als spielerisch empfanden und Spiel ist ein gutes Mittel, um zu lernen. So ging es bei den künstlerischen Tätigkeiten hauptsächlich darum, die Ausdrucksfähigkeit und Kreativität der Kinder zu stärken, und weniger um die Qualität der Ergebnisse. Denn wenn Kinder in einem Bereich mehr geschätzt als bewertet werden, sind sie oft in einer besseren Lernatmosphäre. So können die schulischen Leistungen besser gefördert und Lernstrategien eingeübt werden. Außerdem wird die Neugier und Entdeckungsfreude der Kinder geweckt, sie werden selbstständiger und konfliktfähiger.

Die Aufgaben für mich als Betreuerin waren klar definiert und diese waren: die Autonomie des Kindes zu fördern und ihm auch beizubringen, sein Potenzial zu entdecken. Ich habe versucht, diese Aufgaben zu erfüllen, und zwar durch Lernen, Spielen, Verständnis und mit viel Humor.

Als Ethnologin in einer Schule? Durchaus empfehlenswert

Zuerst war ich nicht sehr begeistert, als ich erfuhr, dass ich mein Praktikum in einer Schule machen würde. Ich hatte gehofft, mein Praktikum in der Migrationsberatung (für erwachsene Zugewanderte) absolvieren zu können und fragte mich, wo sich die Verbindung befindet zwischen dem, was ich studiere, und einer Schule? Trotzdem konnte ich während des Praktikums dann plötzlich Zusammenhänge zu Themen knüpfen, die mich in meinem Studium täglich beschäftigen.

Derzeit lesen wir Bourdieu in einem Lektürekurs. In dem Buch Die feinen Unterschiede beschäftigt sich der französische Soziologe mit der Frage, inwieweit Schule und soziale Ungleichheiten zusammenhängen. Für die Antwort hilft es, sich unsere Gesellschaft als eine Leiter vorzustellen, die in soziale Schichten unterteilt ist. Wer zum Beispiel einen höheren Bildungstitel hat, hat bessere Aussichten auf einen gut bezahlten Job und kann damit die soziale Leiter nach oben aufsteigen. Bildung spielt also eine wichtige Rolle bei der Gestaltung unserer Gesellschaft. Darüber zeigt sich der Zusammenhang zwischen Kultur, Gesellschaft und Bildung auch an anderer Stelle. Denn es ist die Kultur, die es einer Gesellschaft ermöglicht, dasjenige Bildungssystem zu definieren, das ihren Erwartungen oder Idealen am besten entspricht. In einer Schule zu arbeiten, obwohl man einen Hintergrund in Anthropologie/Ethnologie hat, ist wirklich nicht verkehrt.

Was das Thema Kulturrelativismus angeht, erinnere ich mich an Ereignisse, die in der ersten Woche meines Praktikums passiert sind. Ich war in der Vorschulförderung und wir hatten Geschwister, die aus Syrien kommen. Der kleinste, ein dreijähriger Junge, konnte manchmal gegen jede Form weiblicher Autorität sein. Zum Beispiel durften wir als Betreuerinnen ihn nie zur Toilette bringen und wenn wir manchmal darauf bestanden, wurde er gewalttätig und spuckte uns an. Was als eine Form der Rebellion verstanden werden konnte, war der Ausdruck bestimmter kultureller Dispositionen. Der Junge war so erzogen worden, dass das männliche Kind besonders geschätzt wird. In seiner Herkunftskultur wird die männliche Herrschaft über das Weibliche aus göttlicher Quelle begründet. Die Kenntnis der kulturellen Persönlichkeit des Kindes und das Verständnis aller kulturellen Standards dieses Kindes ermöglichten es mir letztlich, eine Umgebung zu schaffen, die unseren Umgang miteinander erleichterte. Diese Fähigkeit, die Handlungen und Denkweisen des Einzelnen nicht nach unseren kulturellen Normen zu beurteilen, steht für mich im Einklang mit der Kulturanthropologie.

 

Bildquelle: gefunden bei Shutterstock, Urheber: Rido.
https://www.shutterstock.com/de/image-photo/happy-elementary-kids-playing-together-jumping-1200999991

 

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