Wenn es auf der Arbeit um Muße geht…

Wenn es auf der Arbeit um Muße geht…

Für GeisteswissenschaftlerInnen besteht nach dem Studium die Möglichkeit, sich durch eine Promotion weiter wissenschaftlich zu qualifizieren. Im Interview mit Inga Wilke, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin im Sonderforschungsbereich (SFB) 1015 „Muße. Grenzen, Raumzeitlichkeit, Praktiken” an der Uni Freiburg, werden Pro und Kontra eines wissenschaftlichen Berufs beleuchtet.

Es ist kurz vor zehn. Ich befinde mich vor dem Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie. Von außen wirkt das Gebäude eher wie ein Wohnhaus. Nur die vielen Fahrräder deuten darauf hin, dass es sich um ein Uni-Gebäude handelt. Durch das kühle Treppenhaus steige ich in den zweiten Stock. Hier bin ich mit Inga Wilke zu einem Interview verabredet. Inga Wilke hat eine 65 Prozent Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem  Sonderforschungsbereich (SFB) an der Uni Freiburg. An der interdisziplinären Forschungsarbeit zum Thema Muße sind vierzehn verschiedene Fächer beteiligt. Die beteiligten ForscherInnen stehen dabei in einem ständigen Austausch. Der Besuch und die Organisation von Plena, Arbeits- und Lektüregruppen sowie Akademien sind ein wesentlicher Teil dieser Zusammenarbeit. Inga erzählt, dass sie den Inhalt und Forschungsstand ihres Promotionsprojekts bereits auf mehreren Tagungen präsentiert habe. In den daraus entstehenden Tagungsbänden wird sie ihre Arbeit publizieren. Aber nicht nur dort schreibt Inga für die Öffentlichkeit. Zusammen mit anderen DoktorandInnen hat sie das Muße-Online-Magazin übernommen. Mit diesen verschiedenen Aufgabenbereichen müsse man immer ein bisschen jonglieren, erklärt Inga. In ihrer Doktorarbeit beschäftigt sie sich mit Kursangeboten, in denen Menschen Muße lernen möchten. Die ethnografische und akteurszentrierte Forschung geht der  These nach, dass wir in einer Leistungs- und Wettbewerbsgesellschaft leben, in der die Menschen das Gefühl haben, Muße verlernt zu haben. In ihrem Job kann Inga ein Feld erforschen, das sie wirklich interessiert. Dafür nimmt sie dann auch in Kauf, dass sie keinen 9-to-5-Job hat, da die Feldforschung eine größere Flexibilität erfordert.

Unser Gespräch führen wir in Ingas Büro. Hier scheint sie sich wohlzufühlen: „Es war mir wichtig, meinen Platz am Institut zu haben.“ Der Raum ist hell und geräumig. Inga beteuert, dass die Geräusche der Gartenarbeiten, die nun die Stille stören, eine Ausnahme seien: „Sonst ist es hier sehr ruhig.“ Sie genieße die gute Atmosphäre am Institut. Die räumliche Nähe erlaube informelle Gespräche mit den KollegInnen und Prof. Dr. Markus Tauschek, der das Teilprojekt am Institut leitet. Dieser Austausch sei eine große Chance für die Projektarbeit, betont Inga. Bereits bei ihrem Bewerbungsgespräch habe sie sich willkommen gefühlt. Ihr Eindruck, dass am Institut gerade viel Neues entstehe, was sie mitgestalten könne, habe sie sehr gereizt.

Dass Inga einmal hier landen würde, hatte sie zu Beginn ihres Studiums noch nicht gedacht: „Ich wollte eigentlich Lektorin in einem Verlag werden.“ Während ihres Studiums der Medien- und Kulturwissenschaft in Düsseldorf, habe sie bereits Praktika in verschiedenen Verlagen gemacht. Doch dann rückten die Inhalte, die im Studium behandelt wurden immer mehr in den Vordergrund und verdrängten die ursprüngliche Berufsidee. Qualitative Forschungsmethoden empfand sie als besonders spannend, denn das Bachelorstudium war doch eher kulturtheoretisch ausgerichtet. Also schaute sie sich im Zuge ihres Bachelorabschlusses nach Masterangeboten in unserem Vielnamenfach um. Dass sie sich nachher für Tübingen entschied, hängt wahrscheinlich mit dem Institutsnamen zusammen: „Da mich gerade qualitative Methoden interessierten, lag ein Studium der Empirischen Kulturwissenschaft nahe.“ Das Studienprojekt, das verschiedene Protest-Aktionsformen der 1970er und 80er Jahre erforschte und in eine Ausstellung mündete, habe ihr viele Fähigkeiten vermittelt, die sie in ihrem heutigen Job anwenden könne: „Die Erfahrungen, die ich im Master im Bereich Projektmanagement machen konnte, helfen mir heute häufig, z. B. bei der Organisation von Workshops.“ Aber nicht nur das, aufgrund der Nähe ihrer derzeitigen Arbeit zum Studium, zehre sie besonders von den im Studium erlernten Hardskills, wie dem Transkribieren oder dem Anpassen der Methoden an das Feld: „Das, was man im Studium mitbekommen hat, kommt in meiner heutigen Arbeit vor, nur wird jetzt eine größere Professionalität und Eigenverantwortlichkeit erwartet.“ Zudem habe sie in ihren Praktika gelernt zu schreiben und mit Texten umzugehen, erklärt Inga. Auch ihre Tätigkeit als Tutorin helfe ihr heute bei der Vermittlung von Inhalten.

Auch wenn sie die Möglichkeit der Promotion immer im Hinterkopf hatte, war es für Inga nicht immer ganz eindeutig, ob sie eine wissenschaftliche Karriere anstreben sollte. In ihrer Masterarbeit wollte sie sich bereits mit dem Thema Entschleunigung auseinandersetzen. Sie fokussierte sich dann aber doch auf den Aspekt des immateriellen Kulturerbes der UNESCO: „Ich habe mich mit den Kaffeehäusern Wiens als immaterielles Erbe beschäftigt.“ In diesem Zusammenhang hatte Inga bereits von dem Sonderforschungsbereich Muße in Freiburg gehört. Sie sei sich aber nicht sicher gewesen, ob sie wirklich die dem Studium sehr ähnliche Arbeit direkt weiter machen wolle. Also entschied sie sich, sich „zweigleisig“ zu bewerben.

Von ehemaligen KommilitonInnen habe sie davon gehört, dass diese sich zu früh beworben und Stellen angenommen hätten, in denen sie nun unglücklich seien: „Deswegen hab ich’s mir auch rausgenommen ein paar Monate in Ruhe zu schauen. Ende Juli habe ich meinen Master abgeschlossen und im November kam die Ausschreibung vom Institut.“ Aufmerksam auf die Stellenausschreibung wurde sie über die kulturwissenschaftlich-volkskundliche Mailingliste der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde. Außerdem nutzte sie während der Stellensuche den Jobfeed Jarocco, das wöchentlich an das jeweilige Profil angepasste Stellenvorschläge sendet. Dass sie die Stelle am Ende bekommen hat, könnte auch damit zusammenhängen, dass sie im Zuge der Bewerbung bereits eine Arbeitsprobe geliefert hatte. Ihre Projektskizze für eine mögliche Promotionsarbeit scheint gut angekommen zu sein.

Inga Wilkes Lebenslauf zeigt, wie wichtig es ist, bei der Berufswahl nicht vorschnell zu handeln. Es ist gut, Verschiedenes auszuprobieren und Pläne auch mal zu ändern. Durch praktische Arbeitserfahrungen bilden sich Berufswünsche heraus.

 

 

 

 

 

 

 

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