Zwischen Kinosaal und Büro. Einblicke in die Arbeit bei einem Filmfestival

Zwischen Kinosaal und Büro. Einblicke in die Arbeit bei einem Filmfestival

Ein Praktikum bei einem Filmfestival ermöglicht Einblicke in die öffentliche Kulturpraxis. Während ich über die Jahre immer wieder dort mitgearbeitet habe, konnte ich unterschiedliche Entwicklungen beobachten, von denen ich hier berichten möchte.

Erste praktische Erfahrungen im Kulturbetrieb

Direkt nach meinem Abitur wollte ich Praxiserfahrungen sammeln und bin auf die Stellenanzeige eines Filmfestivals in meiner Kleinstadt aufmerksam geworden. Ich beschloss, mich zu bewerben und absolvierte dann ein dreimonatiges Praktikum im Festival-Büro. In den darauffolgenden Jahren habe ich immer wieder in den Semesterferien dort mitgearbeitet und konnte dabei gewisse Entwicklungen feststellen, sowohl beim Festival, als auch bei mir.

Aber zuerst zu meinen Erfahrungen im Praktikum: Die Tätigkeiten im Festival-Büro erwiesen sich als eine Mischung aus Veranstaltungsorganisation und PR. Es war das erste Mal, dass ich in einem Büro arbeitete und manche Dinge oder Abläufe erschienen mir zuerst ungewohnt, wurden später aber routinierter. Zum Beispiel war es etwas seltsam, dass ich, nachdem ich mit einer Aufgabe fertig war, erst einmal auf die nächste warten musste. Es gab also immer wieder Zeiten, in denen ich nichts machte.

Projektorganisation, PR und Praktikant*innenaufgaben

Ich lernte bei diesem Praktikum die Abläufe und Methoden von PR kennen und auch, dass gezielte Werbung wichtig ist. So gab es beim Filmfestival einen Tag mit Kinderfilmen, wofür speziell an Schulen geworben wurde. Ich durfte auch versuchen, Presse- und andere Texte zu schreiben. Dabei musste ich einen Schreibstil entwickeln, der nicht nur Informationen vermittelt, sondern auch kreativ und unterhaltsam ist. Das Ziel dieser Texte ist ja meistens, überhaupt wahrgenommen zu werden und Interesse zu wecken. Ich lernte auch einiges über Projektorganisation: Was alles zur Planung und Durchführung des Filmfestivals gehört, wie die Auswahl und Sortierung der Filme vor sich geht, die Suche nach Sponsoren und Jurymitglieder*innen, das Einladen und Betreuen von Filmemacher*innen, die Aufgabenverteilung der Teammitglieder*innen etc. Auch nach dem Festival gab es Aufgaben für mich, z.B. habe ich einen Pressespiegel angefertigt oder die Einnahmen und Ausgaben überprüft.

Natürlich hatte ich auch einfache „Praktikant*innenaufgaben“, wie Kopieren, Sachen besorgen oder Tickets an der Kasse verkaufen. Oft sollte ich auch unterschiedliche Tabellen anlegen oder Texte Korrektur lesen, teilweise auch auf Englisch übersetzen. Das Praktikum war auf jeden Fall gut, um erste Erfahrungen in Büroarbeit zu sammeln und Einblicke in die Projektorganisation zu bekommen. Einige Kenntnisse konnte ich beispielsweise schon bei einem anderen Praktikum einsetzen. Auch meine Kommunikationskompetenzen haben sich verbessert. Anfangs hat es mich immer große Überwindung gekostet, Journalist*innen oder andere Leute anzurufen. Mit der Zeit gewöhnte ich mich jedoch an die Aufgaben. Insgesamt habe ich mir also praktische Fähigkeiten in Büroarbeit angeeignet, wie das Arbeiten mit diversen EDV-Programmen, sowie meine Kompetenzen im Schreiben, Kommunizieren und Planen gestärkt.

Der Einfluss des Studiums

Da ich in den folgenden Jahren immer wieder zurückgekehrt bin, konnte ich gewisse Veränderungen feststellen. Zum einen hat sich meine eigene Persönlichkeit weiter entwickelt. Mit mehr Lebenserfahrung kommen mehr Offenheit und Selbstsicherheit. Aber auch durch das Studium der Kulturwissenschaft wurden bestimmte Skills gefördert, die für die Arbeit beim Filmfestival ebenfalls von Vorteil sind. Dazu gehören u.a., wie schon häufig beschrieben, Flexibilität, selbstständiges Arbeiten und Recherchieren, sowie Teamarbeit. Wenn diese Kompetenzen bei der Mitarbeit bewiesen werden, steigt auch das Vertrauen der Kolleg*innen und Arbeitgeber*innen. Dass man nicht sofort den Kopf verliert, wenn mal etwas schief läuft, sondern ruhig bleibt und nach einer anderen Lösung sucht; dass man eigenständig Aufgaben erledigen und schnell nach Informationen suchen kann; dass man gewohnt ist, in Teams zu arbeiten – all das schätzt auch meine Chefin, weswegen sie sich jedes Mal über meine Unterstützung freut.

Mir ist außerdem aufgefallen, dass ich mit der Zeit einen anderen Blick auf die Veranstaltung entwickelt habe. Ich habe angefangen, über diese Art von öffentlicher Kulturpraxis nachzudenken, über die Akteur*innen und das Publikum. Meine Mitarbeit wurde immer mehr zu einer Art teilnehmenden Beobachtung. Ich hatte viele Unterhaltungen, sowohl mit Besucher*innen, als auch mit Mitarbeitenden. Dabei kam ebenfalls die im Studium trainierte Sensibilität im Umgang mit Menschen ins Spiel. Denn es handelt sich dabei um Menschen mit verschiedenem Alter, sozialem Status und unterschiedlichen Meinungen. Im Gespräch mit Menschen älterer Generationen stieß ich auch hin und wieder auf das vielfach bekannte Unverständnis über fehlende Zukunftsvorstellungen: „Wie kannst du denn nicht wissen, was du später machen möchtest?“, wurde ich gefragt. Meistens zählte ich dann ein paar Möglichkeiten auf und sagte, dass ich mich noch für etwas entscheiden muss, ging aber nicht weiter darauf ein. In solchen Momenten wurde mir bewusst, dass Empathie und das Verstehen anderer Sichtweisen besondere Kompetenzen sind, die man sich als Studierende der Kulturanthropologie aneignet.

Entwicklungen in der öffentlichen Kulturarbeit

Über die Jahre konnte ich auch verfolgen, wie sich das Filmfestival veränderte. Wie bei vielen anderen öffentlichen Kulturveranstaltungen gibt es eine zunehmende „Eventisierung“. Rund um das übliche Programm kommen immer mehr Nebenveranstaltungen dazu, wie Videokunst-Installationen, Lesungen, Konzerte etc. Dadurch gibt es inzwischen mehr als einen Veranstaltungsort. Die Digitalisierung wird ebenfalls immer wichtiger. Das Festival ist präsenter in sozialen Medien und die Einreichungen geschehen online, nicht mehr per Post, wodurch das Angebot auch internationaler geworden ist. Gleichzeitig gibt es aber einen Fokus auf Lokalität, denn es wird mit der Region geworben.

All das zeigt, dass Flexibilität und Erfahrung in unterschiedlichen Bereichen immer wichtiger für eine Tätigkeit im Kulturbereich werden. Es zeigt aber auch, wie das Studium der Kulturanthropologie (oder anderer Geisteswissenschaften) das Denken anregt und erweitert.

 

Bild: Igor Ovsyannykov

 

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