„Am Ende geht es nur ums Wirtschaften“

„Am Ende geht es nur ums Wirtschaften“

Viele unserer Blogbeiträge beleuchten Berufsperspektiven für Kultur- und Sozialwissenschaftler*innen von fachinternen Standpunkten aus. Ich drehe den Spieß einmal um – betrachten wir unsere Möglichkeiten doch auch mal aus der Perspektive eines Unternehmers und potentiellen Arbeitgebers. Was sieht eigentlich jemand für Qualitäten in uns, der aus einer völlig anderen Fachrichtung kommt? Christoph Balk, 57, ist diplomierter Volkswirt und Wirtschaftsprüfer und war 18 Jahre lang Partner in einem Unternehmen mit 600 Mitarbeitenden (MA) aus unterschiedlichen Fachrichtungen. Er erklärt, warum Unternehmen Menschen aus geisteswissenschaftlichen Fachgebieten brauchen und wofür er genau diese Menschen einstellen würde.

Wo siehst Du Schnittstellen zwischen geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen und Wirtschaftsbelangen?

Nach meinem Verständnis befassen sich Geisteswissenschaftler*innen mit unterschiedlichen Methoden und Anwendungen zu kulturellen und sozialen Praxisphänomenen, die z.B. von regulativer Bedeutung sind. Ziel des Wirtschaftens ist der maximale Nutzen für die Gesellschaft. Das heißt die besten Entscheidungen sind immer jene, die für die höchste Zahl beteiligter Menschen nutzbringend sind. Dabei kann der gesellschaftliche Nutzen oft größer als die Summe des Nutzens der einzelnen Beteiligten sein, beispielsweise in einer Organisation, einem Team oder einer Kommune.

Mit Zielen, Methoden und den Anwendungen sind wir schon mittendrin in der Unternehmenspraxis und den Ansätzen für den Einsatz von ausgebildeten Geisteswissenschaftler*innen. Geschäftsleiter*innen von Unternehmen müssen heute dafür Sorge tragen, dass ihr Unternehmen die wirtschaftlichen Ziele im gegeben Rahmen erreicht (Sorgfaltspflicht, GmbHG § 42.(1), OWiG § 130 et. al.).

Nehmen wir den Menschen als gemeinsamen Nenner, wenn wir Unternehmen einerseits (Ziel-/Kunde, Ressource) und alle geisteswissenschaftlichen Fachrichtungen andererseits betrachten. Alle Beteiligten sollen im ausgewogenen Verhältnis handeln, um die Bedürfnisse von Kunden und/oder Gesellschaft zu decken.

Ein Beispiel: International gibt es in der Wirtschaft nun seit einigen Jahren den Hype zum Thema Compliance. Hierbei geht es um das Einhalten von Regeln im Verhalten von Menschen und um Sicherheitseinstellungen beim Anwenden von Technik. Geisteswissenschaftler*innen sind hervorragend dafür geeignet, Methoden zu designen, implementieren und zu auditieren, damit das Einhalten von Regeln einfacher und sicherer wird. Also hätten wir hier schon mal eine/n Compliance-Verantwortliche/n im Team. Ein wesentliches und wichtiges Element von Compliance-Systemen ist Kommunikation. Keinem nützen bloße PowerPoint-Präsentationen oder Verfahrensanweisungen in irgendwelchen Akten. Ich meine hier alle Themen, die mit Kommunikation zu tun haben und wie sie die Menschen erreichen, sowohl im Absatzbereich als auch nach innen (mediale Kommunikation, Finanzkommunikation, social media policy, Imprints, etc.). Ich wundere mich, dass sich Geisteswissenschaftler*innen noch nicht auf dem Gebiet der Compliance tummeln und es eher Jurist*innen und Betriebswirt*innen überlassen.

Was sind aus Deiner Sicht die Stärken von Geisteswissenschaftler*innen? Welche berufsrelevanten Kompetenzen haben sie vorzuweisen?

Über Kompetenzen kann man viel diskutieren. Die wichtigsten sind in der Regel Fachkompetenzen (Wissen und technische/methodische Fertigkeiten über Inhalte) und Sozialkompetenzen (Empathie, Sprache und Rhetorik, Softskills, etc.), um die Inhalte rüberzubringen. Ich denke Geisteswissenschaftler*innen haben ihre Stärken besonders in fachübergreifenden Sozialkompetenzen. Sie sind darin ausgebildet, Problemsituationen in ihrer Komplexität zu erkennen und daraus bestensfalls Lösungsoptionen zu entwickeln.  Z.B. hatte ich vor Jahren einen großen „Aha-Effekt“ in einem Vortrag eines bekannten Philosophen, der mich beruflich bei betriebswirtschaftlichem Risikomanagement weitergebracht hat. Dabei ging es um die Bedeutung des Begriffs Risiko in Geschichte, Literatur und Sprache. Selbst das Deutsche Rechnungslegungs Standards Committee (DRSC) hatte den Begriff bis 2012 noch falsch definiert, was zu großer Verwirrung in der Praxis geführt hatte. Das DRSC legt Gesetze aus und setzt sie in Standards für Unternehmensführung in der Praxis um.

Wofür würdest Du jemanden mit einem Abschluss z.B. in Kulturanhtropologie einstellen?

Ich könnte mir im größeren Unternehmen (> 250 MA) Geisteswissenschaftler*innen in der Personalabteilung vorstellen. Das kommt allerdings auch auf den Charakter der/des Einzelnen an. Wer gut mit Menschen umgehen kann, ist für den Verkauf gut geeignet. Allerdings muss man sein Produkt wirklich gut kennen und gut sein im Erkennen von Bedarf, um authentisch zu sein.

Mit übergreifenden Kenntnissen über die bisher genannten Bereiche (Compliance, Kommunikation, Verkauf, Personal) kann ich mir den Einsatz in und die Leitung von einer Stabsstelle, einer Geschäftsleitung oder einem Dienstleistungszentrum vorstellen. Diese Stellen haben immer Schnittstellen zu allen Bereichen einer Betriebsorganisation (Verkauf, Produktion, Einkauf, Recht, Finanzen, Informationstechnologie). Die Leitung einer Stabsstelle oder einer ähnlichen Organisation setzt allerdings die Kenntnis der wichtigsten Grundsätze in den betrieblichen Bereichen in jedem Fall voraus.

Am Ende geht es nur ums Wirtschaften: das Decken von Bedürfnissen der Kunden und der Gesellschaft und daraus das Erkennen von Ertrag und Aufwand. Auch Geisteswissenschaftler*innen müssen sich auf diese betrieblichen Grundsätze bekennen!

Im Bereich Finanzen würde ich sie in jedem Fall dazu verpflichten, den neuesten Lagebericht nach HGB § 289c auf Verständlichkeit, Sinn, Effizienz und Effektivität/Integrität aus ihrer Sicht zu prüfen und eine Liste von Optimierungsvorschlägen zu machen. Dabei geht es um das Berichten über und die Konzeptentwicklung für Umwelt-, Arbeitnehmer-, Sozial-, Antiterror- und Antikorruptionsbelange.

Qualifizierte Geisteswissenschaftler*innen können besonders international Brücken bauen, um den Sinn und Erfolg von internationalem Verkauf oder globaler Zusammenarbeit zu erhöhen. Sie sind ausgezeichnet geeignet, segmentierte Kunden- und/oder Mitarbeiter-Befragungen durchzuführen und zu präsentieren. Auf Konferenzen und Kongressen zur Internen Revision zum Beispiel werden Themen zur interkulturellen Kommunikation und Zusammenarbeit immer wieder angesprochen. Kundenansprache, Produktdesign oder Personalführung funktionieren in unterschiedlichen Ländern und Kulturen anders. Deshalb brauchen Unternehmen Menschen, die in flexibler Zusammenarbeit auf interkultureller Ebene ausgebildet sind. Wer in den betrieblichen Bereichen über das Wichtigste hinaus fit ist, ist durchaus für die Geschäftsführung geeignet.

Welche Anforderungen werden an das Profil von Berwerber*innen gestellt? Was ist wichtig: Noten, Praktika, etc.?

Grundsätzlich ist erstmal überhaupt ein Abschluss wichtig. Dazu kommt die Affinität zu wirtschaftlichen Bereichen. Auf jeden Fall sollte man schon mal in Unternehmen oder Non-Profit-Organisationen hineingeschnuppert haben, sei es durch Nebenjobs, Praktika, Vereinstätigkeiten, praktische Seminar- oder Abschlussarbeiten oder ähnliches. Die Note ist heute nicht mehr unbedingt so wichtig. Ein durchschnittlicher Abschluss an einem renommierten Ausbildungsinstitut kann höhere Bedeutung haben, als ein super Abschluss an einer Uni mit laissez-faire-Renommer. Unternehmen schauen heute fast nicht mehr auf die Noten, sondern machen eigene Einstellungstests, um die Kompetenzen der jeweiligen Person einschätzen zu können.

Welchen Rat würdest Du Bewerber*innen für Vorstellungsgespräche geben, wie sie sich gut präsentieren können?

Für ein Vorstellungsgespräch ist es immer wichtig, sich auf mögliche Erwartungen des Gegenübers einzustellen. Ich selbst benutze dafür immer drei Quellen: 1. den letzten Jahresabschluss im Bundesanzeiger, 2. die Website des Unternehmens und 3. kununu.com (eine offene Plattform, in der Mitarbeitende ihr Unternehmen bewerten). Daraus ziehe ich mir meine Informationen und notiere mir Punkte, je nach Stelle, über die ich sprechen möchte, zu denen ich Fragen habe oder auch schon Ideen, wie ich mich einbringen kann. Man sollte sich dabei immer die Frage stellen: „Was habe ich dem Unternehmen zu bieten? Was hat mein Gegenüber davon mich einzustellen?“. Wichtig ist, dass man locker und offen in das Gespräch geht. Man soll ehrliches Interesse zeigen und nicht einfach nur signalisieren, dass man einen Job will. Jeder spricht am liebsten über Dinge, die einen selbst betreffen – und auch Unternehmer sprechen in Bewerbungsgesprächen am liebsten über ihr Unternehmen.

Wie sehen Deine Prognosen für Berufseinsteiger*innen, die aus einer geisteswissenschaftlichen Fachrichtung kommen, aus? Werden alle Taxifahrer*innen?

Nein, mit Sicherheit nicht! Es sei denn, sie wollen es. Der Knackpunkt ist doch der: Früher gab es Nachfrageüberhang. Nach dem Krieg konnte man produzieren, was man wollte, die Nachfrage war da. Heute ist Sättigung auf allen Märkten, insbesondere für den Grundbedarf (Essen, Trinken, Kleidung, etc.). Dies wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus. Deshalb ist heute kundenorientiertes Denken wichtig! “Kunde” meint hier nicht nur Käufer, sondern es kann auch ein Kollege oder eine Kollegin sein. Der Kunde will wissen, was ich für ihn tun kann. Von Geisteswissenschaftler*innen möchte ich keine Theorien oder Grammatik vorgelegt bekommen, sondern ich will, dass sie oder er mir sagt: „Wenn wir es so und so machen, sprechen wir den Kundenbedarf genauer an, um den Verkaufserfolg zu erhöhen oder damit sich Mitarbeiter*innen regelkonformer verhalten.“

Meine Prognose ist: wer eine gute Ausbildung hat und etwas pfiffig ist, wird in Zukunft immer Arbeit haben! Und zwar aus drei Gründen: Globalisierung, demographischer Wandel und Internettechnologie (durch die es – wie wir jetzt schon sehen können – morgen Jobs gibt, von denen wir heute noch nichts wissen). Menschen, die z.B. Kulturanthropologie, Linguistik, Philosophie o.ä. studiert haben, sollten nach meiner Einschätzung selbstbewusst mit ihrem Können umgehen und auch damit, was sie Unternehmen anzubieten haben und wie sie sich einbringen können.

 

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