Von der Geisteswissenschaft zur Lehrkraft? So kann’s funktionieren…

Von der Geisteswissenschaft zur Lehrkraft? So kann’s funktionieren…

Ein Erfahrungsbericht von Rebecca Berg, ehemalige Studentin des University College der Uni Freiburg und heute Teach First Deutschland-Fellow an der Gemeinschaftsschule „Friedrichschule Lahr“. Die Frage, was das denn eigentlich ist, begleitet sie bei der Arbeit mit den Schüler*innen. Noch wichtiger als das ist aber die Frage nach ihrer Motivation, als Nicht-Lehrerin an einer Brennpunkt-Schule zu arbeiten: Sie sucht die kleinen, aber feinen Erfolge.

Was ist eine “Fellow”?

Nicht mal die Einleitung ist geschafft und schon ist da das erste Wort, das es zu erklären gilt, da es nicht allzu geläufig ist. Was ist eine* „Fellow“? Diese Frage bekomme ich immer wieder zu hören und sie hat eine relativ simple Antwort: Eine Fellow ist eine zusätzliche Lehrkraft auf Zeit (2 Jahre), die an einer Schule in einem sogenannten sozialen Brennpunkt die Lehrerinnen und vor allem die Schülerinnen unterstützt. Simpel! Jetzt aber wird es etwas schwieriger, denn wie sieht eine solche Unterstützung genau aus?Sie ist genauso vielfältig wie die einzelnen Schülerinnen mit denen wir als Fellows an den Schulen zusammenarbeiten! Sie reicht von individueller Förderung einzelner Schülerinnen über Projektarbeit mit ganzen Gruppen bis hin zu Alphabetisierungskursen und intensiver zwischenmenschlicher Beziehungsarbeit – das, was dem/der einzelnen Schülerin gerade am meisten hilft um seinen/ihren Lebensweg zu beschreiten und um in der Schule vorwärts zu kommen. Und diese Unterstützung ist eben auch genauso vielfältig wie die einzelnen Fellows, die alle unterschiedliche Vorerfahrungen und Kenntnisse mit an die Schule bringen. Die Bildungswege der Fellows reichen von Philosophie über Informatik zu Gender-Studies oder Kulturwissenschaften und vielem mehr. Zusätzlich erhalten sie eine sehr umfassende pädagogische und praktische Ausbildung vor und während des Schuleinsatzes von Teach First Deutschland. Die Organisation ist Initiator des Programms und entsendet uns Fellows an die Schulen.

Nun ist natürlich die Frage, was dieses Gemisch an Schülerinnen und Fellows für einen Sinn und Zweck hat. Unterstützung der Schülerinnen ist, so stimmt mir hier wahrscheinlich jeder erst einmal zu, gut. Aber die Lehrkräfte unterstützen ihre Schülerinnen ja ohnehin schon. Wieso braucht es also eine zusätzliche Lehrkraft auf Zeit? Wichtig ist hierbei, dass wir als Fellows vor allem an Haupt- oder Gemeinschaftsschulen in sozial schwierigen Umfeldern und Stadtvierteln eingesetzt werden. An diesen Schulen werden eine Anzahl von Schülerinnen unterrichtet, die nicht nur in der Schule um gute Noten zu kämpfen haben oder sich eben „nur“ auf den Unterricht konzentrieren müssen, sondern sich auch zu Hause mit familiären Problemen konfrontiert sehen und oftmals kaum außerschulische Unterstützung erfahren. Sei dies wegen zerrütteten Familienverhältnissen, Verständnisproblemen aufgrund der deutschen Sprache, Fluchterfahrungen, Gewalterfahrung oder sozialer Ausgrenzung. Dies führt dazu, das viele Schülerinnen in den Hintergrund rücken und von den Lehrkräften nicht aufgefangen werden können, da diese einfach ohnehin schon alle Hände voll zu tun haben den Bildungsplan rechtzeitig durchzuboxen, die Schülerinnen auf die Abschlussprüfungen vorzubereiten und runde Tische für „schwierige Fälle“ einzuberufen. Die Devise: möglichst viele Schülerinnen mit in die nächste Klassenstufe bringen, aber Zeit für den/die Einzelnen geben der Unterrichtsplan und die Klassengröße kaum her. Und hier komme ich ins Spiel: Mein Einsatz als Fellow hat zum Ziel, genau dieser Bildungsungerechtigkeit entgegenzuwirken. Es geht darum, Zeit und Muße zu haben, auf jene Schülerinnen aufmerksam zu werden, die nicht mitgenommen werden, weil sie zu sehr in den Hintergrund rücken. Es geht darum, Unterstützung  und Zeit geben zu können – so viel wie eben individuell nötig ist, damit ein selbstbewusster und autonomer Lebensweg eingeschlagen werden kann.

Zurück zur Frage „Was ist das denn?“

Ich hoffe, euch diese Frage bezüglich meiner Berufsbezeichnung Fellow schon beantwortet zu haben. Allerdings fängt die Geschichte, die ich mit dieser Frage habe, schon früher an, da auf die Antwort „Ich studiere Liberal Arts and Sciences.“ stets ein „Was ist denn bitte „Liberal Arts and Sciences“?“ folgte.

2012 habe ich meinen Bachelor im Studiengang „Liberal Arts and Sciences“ angefangen. Dieser Studiengang wird von der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg angeboten, an einer Art Nebenzweig der Uni der sich „University College Freiburg“ nennt. Der Studiengang hat eine Regelstudienzeit von vier Jahren und man studiert auf Englisch. Besonders an diesem Studiengang ist hauptsächlich, dass er seinen Studentinnen im ersten Jahr größtmöglichen Freiraum lässt, verschiedene Felder der akademischen und intellektuellen Arbeit kennenzulernen und diese auch im weiteren Studienverlauf interdisziplinär zu verknüpfen. Die vier Hauptbereiche werden eingeteilt in: earth and environmental science, life science, governance und culture and history. Nach dem ersten Jahr wählt man dann eine dieser Hauptbereiche aus und fokussiert sich die nächsten drei Jahre auf diesen Bereich – weiterhin mit der Freiheit  durch Wahlkurse eigene Interessen außerhalb seines Hauptfaches weiterzuverfolgen, interdisziplinäre Verknüpfungen zwischen den wissenschaftlichen Richtungen herzustellen und/oder sich vertiefend zu spezialisieren.

Ich habe mich damals für den akademischen Bereich „culture and history“ entschieden. Hier habe ich hauptsächlich Kurse im Bereich Philosophie, Ideengeschichte und Geschlechterstudien belegt. Und diese alle interdisziplinär verbinden? Das hat im Studium nur zum Teil geklappt, in meiner Bachelorarbeit haben mir dann doch alle drei Bereiche unglaublich geholfen, meine Fragestellung von vielen verschiedenen Gesichtspunkten aus zu durchleuchten. In dieser Arbeit habe ich mich mit der Konstruktion von Geschlecht in Biologieschulbüchern auseinandersetzt. Also philosophisch betrachtet: Konstruieren wir die Welt um uns herum und wie tun wir dies durch gesellschaftliches und soziales Zusammenleben? Und, wenn wir die Welt konstruieren, der Blick in die Geschlechterstudie: Gehört die Einteilung von Menschen direkt nach ihrer Geburt in eine der zwei Kategorien von „Geschlecht“ eben dieser konstruierten Welt an, anstatt biologischen Ursprungs zu sein? Da die Schule ein Ort des gesellschaftlichen und sozialen Zusammenlebens ist habe ich mir zum Erforschen dieser Frage die Biologieschulbücher vorgenommen. Ein erster Hinweis darauf, dass bald die Schule mein zukünftiger Arbeitsplatz sein sollte? Vielleicht.

Wie genau kam ich nun von diesem schwierig zu erklärendem Studium zu meinem schwierig zu erklärenden Job als Fellow an der Friedrichschule in Lahr?

Das Studium hat insofern damit zu tun, als dass ich Teach First Deutschland bei einer Job-Messe an der Universität kennenlernen durfte. Ich fand die Idee, das Schulsystem mit Fachkräften aus verschiedenen Wissensbereichen zu verstärken einfach genial, da ich die Misere des Schulsystems schon am eigenen Leib erfahren habe. Diese Erfahrungen habe ich allerdings eher durch meine freiwillige Arbeit im Asylheim gesammelt als durch mein Studium.

Im Asylheim habe ich für einige Jahre Deutsch- und Alphabetisierungskurse gegeben und ein kulturelles Austauschprogramm mitgestaltet. Bildungsungerechtigkeit war hier eines der größten Probleme: zu wenig Schulplätze, Schulen ohne DaZ- und Alphabetisierungskurse, kultureller Austausch wird nicht thematisiert und übergangen, die Sprachbarriere führt zu Verständigungsproblemen mit Lehrerinnen und Schülerinnen und macht es den Schülerinnen oftmals kaum möglich den Inhalten des Unterrichts konstant zu folgen. Dazu kommt die physische Abgrenzung von den Wohnorten von vielen Schülerinnen mit Fluchterfahrung: das Asylheim, abgegrenzt durch einen Zaun und Securities. „Einfach“ zur Schule gehen? Kaum möglich! Erst mal muss man Glück haben an einer Schule mit DaZ-Klasse und entsprechend ausgebildeten Lehrkräften aufgenommen zu werden. Dann muss man in den vielen verschiedenen Unterrichtsfächern mitkommen – obwohl man die Sprache noch nicht richtig beherrscht und, wenn man zurück nach „Hause“ kommt, muss man sich mit seiner Lebensrealität im Asylheim, dem Asylprozess und der andauernden Bedrohung einer Abschiebung auseinandersetzen. An dieser Situation wollte ich etwas ändern – und zwar nicht nur ehrenamtlich zwei oder drei Mal die Woche, sondern am liebsten hauptberuflich! Und mit dieser Motivation bin ich letztendlich bei Teach First Deutschland und an der Friedrichschule in Lahr gelandet.

An der Friedrichschule bin ich hauptsächlich im Bereich DaZ und Alphabetisierung eingesetzt. Die Lehrerin mit der ich größtenteils zusammen arbeite ist fantastisch – hoch motiviert, setzt sich für die einzelnen Schülerinnen ein, versucht alle mitzunehmen und nebenbei noch physische oder zwischenmenschliche Konflikte unter den Schülerinnen zu lösen. Doch auch diese engagierte Lehrerin hätte es wohl nicht geschafft, der Schülerin aus dem Irak einen entsprechenden Bildungsweg bieten zu können. Da diese Schülerin weder lesen noch schreiben konnte brauchte sie einen kompletten, sechsmonatigen Alphabetisierungskurs. Und hier komme ich ins Spiel: Diesen Alphabetisierungskurs kann ich durch meine Vorerfahrung mit Bereich DaZ und Alphabetisierung anbieten. Durch die Weiterbildungen von Teach First Deutschland wurde mir das pädagogische Handwerkszeug, welches mir bei meiner ehrenamtlichen Arbeit in Asylheim oft noch fehlte, an die Hand gegeben und mein Studium hat mich das Hinterfragen und das kritische Beleuchten vorhandener gesellschaftlicher Strukturen gelehrt und mich für die Auseinandersetzen mit verschiedenen Kulturen und Lebensrealitäten geschult. Im nächsten Jahr wird die Schülerin nun endlich in die Deutschklasse gehen können. Ein kleiner aber feiner Erfolg. Manch einer mag sagen „Ok, jetzt hat man einer Schülerin geholfen. Macht das den Unterschied?“. Ich würde Antworten: „Ja, genau das macht den Unterschied! Du kannst nicht allen helfen, aber wenn du nirgendwo anfängst, hilfst du niemanden.“

*ich benutze die weibliche Form, da sie die männliche Form der Wörter mit einschließt

Hast du Fragen? Informiere/ melde dich gerne bei: kathrin.justen@teachfirst.de  / www.teachfirst.de

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