Blick über den Tellerrand – interkulturell unterwegs

Blick über den Tellerrand – interkulturell unterwegs

Sich aus dem Vertrauten hinaus in die Welt zu wagen, fördert interkulturelle Kompetenzen. Diese sind sowohl für das Studium und spätere Jobs, als auch für die persönliche Entwicklung sehr hilfreich. In diesem Beitrag zeige ich, wie wertvoll interkulturelle Erfahrungen sein können.

“Wer lebt, sieht viel. Wer reist, sieht mehr“

Das sagt ein arabisches Sprichwort. Reisen und interkultureller Austausch können nicht nur den eigenen Horizont erweitern. Sie sind sowohl auf persönlicher, als auch auf beruflicher Ebene von Vorteil. Bei vielen Stellenausschreibungen sind heute Auslandserfahrungen erwünscht und stellen somit wertvolle Kompetenzen dar. Der angemessene Umgang mit Menschen aus fremden kulturellen Kontexten und die Sensibilität für angemessenes Verhalten werden durch diese Erfahrungen trainiert und im Studium vertieft. Es gibt also viele Gründe, warum es sinnvoll ist, interkulturelle Erfahrungen zu sammeln.

Möglichkeiten für internationale Erfahrungen

Heutzutage gibt es viele unterschiedliche Möglichkeiten, internationale Kontakte zu knüpfen. Schon in der Schule werden Austausch-Projekte angeboten, um den Kontakt mit Schüler*innen aus anderen Ländern zu befördern. Ich persönlich nahm nach dem Abitur an einigen internationalen Workcamps in Frankreich und Spanien teil. Das waren zwei- bis dreiwöchige Freiwilligenprojekte, bei denen ich mit einer Gruppe von ca. zehn Leuten zusammenarbeitete. Die Arbeit war dabei sehr verschieden. Mal putzten wir einen historischen Kanal, mal halfen wir beim Auf- und Abbau eines Jazz-Festivals mit. Im Vordergrund stand aber der Austausch: Da die Gruppe aus Menschen unterschiedlicher Herkunft bestand, war das eine sehr gute Möglichkeit, um nicht nur das Land, in dem das Projekt stattfand, sondern auch die Teilnehmenden und das Leben in ihrer Heimat kennenzulernen.

Im Studium bietet sich ein Auslandssemester an. Ich habe im Bachelorstudium ein Semester im russischen Kasan verbracht und konnte auf diese Weise das Leben und den Unialltag dort kennenlernen, sowie andere Studierende aus Russland oder aus einem anderen Land. Selbstverständlich bieten auch eigene, private Reisen die Möglichkeit, interkulturelle Kompetenzen zu stärken. Je nach Art des Reisens, gelingt dies mehr oder weniger einfach. Couchsurfing ist meiner Meinung nach besonders gut dafür geeignet. Ich kann dabei nicht nur die Personen kennenlernen, bei denen ich übernachte, sondern auch ihre Wohnungen und ihren Alltag.

“Andere Länder, andere Sitten”

Im Studium der Kulturanthropologie lernt man, dass nicht verallgemeinert werden darf und es nicht die Landeskultur o.ä. gibt. Wir sprechen von anderen Kontexten oder Lebenszusammenhängen. Wer die gewohnten Pfade einmal verlässt, wird schnell dafür sensibilisiert, dass es unzählige alternative Muster im sozialen Miteinander gibt. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Begrüßung. Bei meinem ersten Besuch in Frankreich war ich irritiert, als ich häufig mit Küsschen auf die Wange begrüßt wurde. In Deutschland ist dies nun einmal weniger üblich, schon gar nicht unter Fremden. Ich hingegen brachte meine Tandempartnerin aus Japan in Verlegenheit, als ich ihr bei unserem ersten Treffen die Hand gab. Später lernte ich, dass Körperkontakt in Japan – vor allem bei der ersten Begegnung – eher vermieden wird und man sich stattdessen meist verbeugt.

Auch wie Öffentliches und Privates voneinander getrennt wird, folgt nicht stets demselben Muster. In Russland fiel mir des Öfteren auf, dass Menschen sich unterschiedlich verhalten, je nach dem, ob man sich im öffentlichen oder im privaten Raum begegnet. Während Kommiliton*innen, die ich kennenlernte, in der Öffentlichkeit eher distanziert wirkten, waren sie, sobald ich zu ihnen nach Hause eingeladen wurde, ganz lebhaft und emotional.

Sinn und Wirkung dieser Erfahrungen: Sensibilität und Respekt

Generell habe ich ein großes Interesse an Begegnungen und am Entdecken neuer Orte. Je mehr ich solche Erfahrungen sammle, desto mehr stelle ich fest, wie vielfältig die Alltage der Menschen sind und desto mehr möchte ich auch über ihre Lebensweisen und Gewohnheiten lernen. Dieses Interesse ist natürlich auch für das Studium der Kulturanthropologie wichtig. Ich finde es sehr spannend, sich über Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Alltag zu unterhalten. Zum Beispiel über Essgewohnheiten, Musik und Populärkultur, Sprache, oder die Art des Ausgehens. Dadurch erfahre ich nicht nur etwas über mein Gegenüber. Es lässt mich auch über mich selbst nachdenken und den eigenen Alltag hinterfragen.

Durch die Begegnungen mit Menschen aus anderen Kontexten habe ich eine Sensibilität für verschiedene Umgangsformen entwickelt. Ich achte auf das Verhalten meines Gegenübers und versuche, mich darauf einzulassen, wäge je nach Situation ab, ob ich es für mich übernehme, oder ob ich versuche, einen höflichen Begegnungsrahmen zu schaffen, in dem verschiedene Verhaltensweisen nebeneinander ihren Platz haben. Bestimmte Umgangsformen, wie das Begrüßen, merke ich mir, damit ich es bei Bedarf praktizieren kann. Auch hier heißt es „aus Fehlern lernt man“: Ich habe gelernt, dass in Japan Körperkontakt bei der Begrüßung eher vermieden wird. Ebenso habe ich Verständnis dafür, wenn eine Person sich (für mein eigenes kulturelles Umfeld) unangemessen verhält. Das muss nicht unbedingt ein Zeichen für Respektlosigkeit oder Unhöflichkeit sein, es kann auch einfach Unwissenheit sein. Mir ist auch aufgefallen, dass sich durch meine Erfahrungen mein Kommunikationsverhalten verbessert hat. Es fällt mir immer leichter, mich mit den unterschiedlichsten Menschen zu unterhalten.

Berufliche Vorteile und persönliche Entwicklung

Was man konkret aus interkulturellen Begegnungen lernt, kann natürlich sehr vielfältig sein. Ich möchte hier deshalb auch die Erfahrungen von zwei anderen Personen einbringen:

Eine Freundin aus Moskau, die ich bei einem Workcamp in Frankreich kennengelernt habe, teilt meine Erfahrungen: Ihrer Meinung nach sind interkulturelle Kontakte nicht nur wichtig, um Fremdsprachen zu üben, sondern auch bedeutsam für die persönliche Entwicklung. Sie findet, wenn man in einer anderen Sprache spricht, denkt und redet man dadurch auch anders. Außerdem ist sie davon überzeugt, dass viele Arbeitgeber*innen gezielt nach Menschen aus anderen Ländern suchen. Für die Erschließung neuer Märkte brauchen sie Menschen mit anderen Mentalitäten und Denkweisen, um den Markt besser zu verstehen. Internationale Kontakte könnten von daher eine internationale Karriere oder einen Job im Ausland ermöglichen. Auch für meine Freundin haben interkulturelle Erfahrungen somit sowohl einen beruflichen, als auch einen persönlichen Wert.

Ein Freund, der unter anderem durch Erasmus viele internationale Erfahrungen gesammelt hat, hebt ebenfalls die beruflichen Vorteile hervor: „In keinem Vorstellungsgespräch wird man nicht auf verschiedene Sprachkenntnisse und Auslandsaufenthalte angesprochen“. Aber auch im Hinblick auf die persönliche Entwicklung stellt er Veränderungen fest: Er hinterfragt heute viele Themen, die in seinem Alltag „normal“ erscheinen und wenig reflektiert werden. Zum Beispiel der deutsche Arbeitsethos oder die Rolle der Bundesrepublik in der internationalen Politik. Seine Auslandserfahrungen hätten ihm außerdem geholfen, sein Selbstbewusstsein zu verbessern. Sie hätten ihm gezeigt, dass er auch in anderen Kontexten mit Problemen (mit Kollegen, Behörden oder Fremden) umgehen kann.

Einsatz in Studium und Beruf

In Zeiten der Globalisierung arbeiten viele Firmen und Institutionen international und suchen somit Arbeitnehmer*innen, die für interkulturelle Kontexte sensibilisiert sind. Wenn noch konkrete Auslandserfahrung dazu kommt, umso besser. Das „Handwerkszeug“ und praktische Berührungspunkte dafür habe ich im Laufe meines Studiums vor allem durch eigene Feldforschungsprojekte bekommen. Zum Beispiel habe ich die Ernährungspraktiken von Geflüchteten untersucht und dazu einen jungen Mann aus Ghana interviewt. Von vornherein offen dafür zu sein, dass Kultur und soziales Miteinander nicht starr sind, sondern wandelbar und deswegen verschieden sein können, hat mir dabei Sicherheit gegeben. Vor diesem Hintergrund bringen Geisteswissenschaftler*innen für den globalen Arbeitsmarkt ein attraktives Kompetenzpaket mit. Für interkulturelle Einrichtungen vor Ort, aber auch für international tätige Organisationen und Unternehmen.

Es lohnt sich also, über den eigenen Horizont hinauszuschauen und dabei Neues zu lernen, auch über sich selbst. Wichtig ist auch, nicht einfach irgendwelche „Kommunikationsregeln“ auswendig zu lernen, die angeblich in einem Land gelten. Sinnvoller ist es, sich auf eine konkrete Person oder Gruppe einzulassen und zu beobachten, wie Interaktionen stattfinden. Auf diese Weise habe ich viele wertvolle Erfahrungen gesammelt, die mich sowohl beruflich, als auch persönlich weiterbringen.

 

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Fotos: Inessa Pelitschev

 

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