Kompetenztraining Ehrenamt: Ain’t nobody got time for that?!

Kompetenztraining Ehrenamt: Ain’t nobody got time for that?!

Ehrenamt – arbeiten ohne Geld dafür zu bekommen. Das kostet Zeit und Energie, also Dinge die man selten übrig hat. Hier liest du, warum sich ehrenamtliches Engagement trotzdem lohnt.

Entgegen der gängigen Vorurteile haben die meisten Studierenden, die ich kenne, ziemlich viel zu tun und verbringen nur wenig Zeit mit dem studentisch-klischeehaften „Nichts-tun“. Ja, es stimmt, die Präsenzzeit an der Uni ist natürlich geringer als bei einem Vollzeit-Job und ja, es stimmt auch, dass man sich die Arbeitszeit im Studium recht frei einteilen kann. Trotzdem ist der durchschnittliche Alltag Studierender meiner persönlichen Erfahrung nach ganz gut ausgefüllt mit Seminarvorbereitung, Referatsausarbeitung und Gruppentreffen für die Projektarbeit. In den Semesterferien stehen dann die für den Lebenslauf unverzichtbaren Praktika an – zusätzlich zum Schreiben von Hausarbeiten, das für Geisteswissenschaftler*innen oft einen Großteil der vorlesungsfreien Zeit in Anspruch nimmt. Oben drauf kommt in den meisten Fällen mindestens ein Nebenjob, denn – dieser Teil des Klischees trifft zu – ohne Lohnarbeit kommen die meisten Studierenden finanziell nicht über die Runden.

Wer hat den zwischen all diesen Verpflichtungen noch Zeit für ein Ehrenamt?

Ich zum Beispiel (: Ich engagiere mich beim Freiburger Verein FLUSS e.V. für Bildung und Aufklärung zu den Themen sexuelle Orientierung und Geschlechtliche Vielfalt (Mehr Infos zu FLUSS im kurzen Interviewausschnitt unten). Laut Statista haben aber noch weitere 14 Millionen Menschen in Deutschland Zeit für ein Ehrenamt. Auch viele Studierende nehmen sich trotz allem bewusst Zeit dafür. In meiner WG sind vier von fünf Mitbewohner*innen in mindestens ein ehrenamtliches Projekt involviert und auch im Freundes- und Bekanntenkreis höre und sehe ich viel Engagement von Studierenden. Geflüchteten Frauen Fahrradfahren beibringen, Proben mit dem multikulturellen Theaterprojekt, Organisieren umweltpolitischer Aktionen sind nur einige Beispiele für die Vielfalt der Möglichkeiten ehrenamtlicher Betätigungsfelder.

Aber warum eigentlich?

Einige dieser Studierenden motiviert sicher die Aussicht auf einen Bonuspunkt im Lebenslauf, einen möglichen Vorteil, um sich bei der Jobsuche von zukünftigen Mitbewerber*innen abzuheben. Doch wenn ich von mir selbst ausgehe bleiben das Interesse für ein bestimmtes Thema und der Wunsch zu helfen zentrale Beweggründe für ein Ehrenamt. Nach einigen langen Gesprächen an unserem WG-Küchentisch würde ich behaupten, dass es da bei meinen Mitbewohner‘*innen nicht anders aussieht. Aber auch wir, für die die guten Absichten im Vordergrund stehen, profitieren von unserem Engagement. Wir lernen und wachsen an und mit den ehrenamtlichen Aufgaben, erlernen Kompetenzen und gewinnen Lebenserfahrung.

Welche Kompetenzen sind das und wie kann ich sie für meinen Berufseinstieg und meine Karriere nutzen?

Ähnlich wie bei einem Nebenjob steckt auch in einem Ehrenamt viel Potential zur Entwicklung von Persönlichkeit und auf dem Arbeitsmarkt gefragten Fähigkeiten. Ein erstes konkretes Beispiel wäre hier das Zeitmanagement. Ehrenamtliche engagieren sich im Durchschnitt mindestens 5 Stunden pro Woche, je nach Art des Engagements zeitweise aber auch Tage oder Wochen lang am Stück. Diese Aufgabe mit Studium und Alltag unter einen Hut zu bringen erfordert ein gewisses Maß an Planungsfähigkeit und Flexibilität, die einem in jedem Job und im ganzen Leben hilfreich sind.

Was ein Ehrenamt noch auszeichnet sind vor allem die praktischen Erfahrungen, die trotz aller Bemühungen um praxisorientierte Studiengänge an der Uni oft zu kurz kommen: Woher bekommen wir Sponsoren für die Theateraufführung der Kindergruppe? Wie plane ich ein Zeltlager für 40 Kinder oder einen Kennenlern-Abend für ausländische Studierende/Menschen, die neu in der Stadt sind? Welche Genehmigung braucht man eigentlich für einen Infostand in der Fußgängerzone und woher kriegen wir einen neuen Kühlschrank in der Anlaufstelle für Obdachlose?

Auch in solchen Gruppen wird oft diskutiert, dabei geht es aber nicht wie in Uni-Seminaren um abstrakte Theorien, sondern meist um konkrete Entscheidungen. So lernt man eine andere aber ebenso wichtige Art der Diskussionsführung kennen. Außerdem fordert die ehrenamtliche Arbeit lösungsorientiertes Denken und kreative Ideen; akute Probleme müssen im begrenzten Rahmen der Möglichkeit zeitnah gelöst werden. Darüber hinaus bieten ehrenamtliche Projekte die Möglichkeit, auch mal Dinge auszuprobieren. Einen Flyer für die Jahresfeier des Sportvereins designen, obwohl du keine Erfahrung mit Indesign hast? Die Podiumsdiskussion der Politikgruppe moderieren, wo dir doch beim Gedanken an freies Sprechen der Schweiß ausbricht? „Trau dich!“, „Besser als wenn es gar keiner mach!“, „Einfach mal ausprobieren“, bekommt man dann von anderen Ehrenamtlichen oft zu hören – und damit eine große Chance über sich hinaus zu wachsen.

Daran anknüpfend wächst auch die Bereitschaft und Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen. Je nach Projekt bestehen die Gruppen aus Menschen, die sich schon unterschiedlich lange engagieren. Hier lernen Neulinge von den alten Hasen. Bei größeren Institutionen wie zum Beispiel dem Roten Kreuz oder der Feuerwehr gibt es teilweise feste Strukturen mit Seminaren und Lehrgängen, in denen man Schritt für Schritt ausgebildet wird. Nach und nach werden einem immer größere Aufgaben übertragen. Im Unterschied zu einem Nebenjob wird man für die ehrenamtlich übernommene Verantwortung allerdings nicht bezahlt. Trotzdem verlassen sich Menschen auf deine Arbeit und setzen darauf, dass du deine Aufgaben ordentlich und fristgerecht erledigst. Wenn du zu spät zu einem Termin kommst, hast du weder den schlechtesten Platz im Hörsaal, noch kann dich dein Chef kündigen. Aber das Projekt, oder vielmehr ein kleiner Teil davon, hängt an dir. Kommst du nicht, läuft es nicht (oder zumindest schlechter oder anders). Das lehrt Zuverlässigkeit und die ist wiederum überall sehr gefragt.

Ein weiterer Faktor der mir persönlich bei der ehrenamtlichen Arbeit besonders wichtig ist, sind die verschiedenen Menschen, mit denen man in Kontakt kommt. Zwar wird auch an der Universität Wert auf den Austausch mit anderen Studierenden gelegt und das Studium besteht aus weit mehr als Einzelarbeit im stillen Kämmerchen – trotzdem verbringe ich viel Zeit mit Lesen oder zumindest im Kreis von Gleichgesinnten. Mein Ehrenamt ist eine großartige Möglichkeit, die Blase zu verlassen und Menschen aus anderen Kontexten, in ganz anderen Lebenssituationen, kennen zu lernen. Das erweitert meinen Horizont und schafft Verständnis für andere Sicht- und Denkweisen und fördert die Sozialkompetenz. Gute Ergänzungen zu den im Studium erworbenen Soft-Skills.

Einen letzten Aspekt der ehrenamtlichen Arbeit möchte ich noch hervorheben, auch wenn er nicht direkt auf die berufliche Karriere vorbereitet, sondern eher auf das, was neben der Karriere noch so im Leben passiert. Die Arbeitswelt verändert sich: Immer häufiger ist Arbeit heutzutage kein separierter Teil des Lebens, sondern mit allen Lebensbereichen verwoben. Durch Smartphone und Co. sind viele Berufstätige auch nach Feierabend und selbst im Urlaub noch für den Chef erreichbar. Und wenn der Kunde es eilig hat wird schon mal Bereitschaft zur Nachtschicht erwartet. Dabei das Privatleben nicht aus den Augen zu verlieren, kann schwierig sein. Work-Life-Balance heißt das Zauberwort – und genau die kann man auch durch eine ehrenamtliche Tätigkeit schon mal trainieren. Häufig liegen einem die Themen, für die man sich engagiert, sehr am Herzen und gerade dann kann es schwierig sein, auch mal Nein zu sagen und sich nicht zu viel Arbeit aufzuladen. Durch die freiwillige Zusatzarbeit kann man als Studierende*r die eigene Belastungsgrenze ausloten und lernen, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten. Gleichzeitig lernt man viel über das eigene Verhalten zum Beispiel in Stresssituationen – funktioniere ich unter Druck besonders gut oder wirft mich eine Planabweichung komplett aus der Bahn? Dieses Wissen ist im Berufsalltag auf jeden Fall nützlich – wenn auch nicht als Skill im Lebenslauf, dann doch zumindest für das persönliche Wohlbefinden.

Das persönliche Gefühl ist wohl auch ganz allgemein gesprochen der größte Vorteil an einer ehrenamtlichen Tätigkeit. Sich für eine gute Sache einsetzen, einen positiven Beitrag zur Gesellschaft leisten – Engagement fühlt sich gut an. Mit Tierheimhunden Gassi gehen, mit Senior*innen Bingo spielen, eine Klima-Demo organisieren oder Unterschriften für Menschenrechte sammeln – die Möglichkeiten sind unendlich. Überleg dir, wofür dein Herz schlägt und dann: Einfach mal ausprobieren!

 

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