Geisteswissenschaftler*innen gesucht – warum eigentlich?

Geisteswissenschaftler*innen gesucht – warum eigentlich?

Beim Jobeinstieg zählen heute nicht mehr nur gute Zeugnisse. In Personalbüros und Unternehmenskulturen scheint es zu menscheln, immer häufiger geht es um Soft Skills. Doch was sind Soft Skills überhaupt? Und welche bringen Geisteswissenschaftler*innen in Arbeitsfelder mit?

Teamfähigkeit, Zeitmanagement, Anpassungsfähigkeit, Kreativität und Emotionale Intelligenz; das sind die fünf wichtigsten Soft Skills 2020. Die Liste der weichen Faktoren, wie Soft Skills auch genannt werden, ist lang und immer häufiger finden sie in der Arbeitswelt Beachtung. Sie umfassen persönliche, soziale und methodische Kompetenzen. Persönliche Kompetenz meint den Umgang mit sich selbst, soziale Kompetenz den Umgang  mit anderen. Dazu zählen unter anderem Selbstreflexion, Selbstbewusstsein, Selbstkritik, Verlässlichkeit, Belastbarkeit, Teamfähigkeit oder Frustrationstoleranz. Methodenkompetenzen dagegen sind Fähigkeiten wie die Beschaffung und Strukturierung von Informationen, ihre Auswertung, Interpretation und Darstellung. Allgemein sind Handlungen an der gegenständlichen Umwelt gemeint.

Im Gegensatz zu den Soft Skills stehen die Hard Skills. Sie umschließen fachliche Kenntnisse und Qualifikationen sowie objektiv messbare oder belegbare Fähigkeiten. Noten, Zeugnisse, Zertifikate, Sprachkenntnisse oder IT-Knowhow fallen in diesen Bereich. Um am Ende den Job gut machen zu können braucht der Mensch aber beides: fachliche wie persönliche und soziale Kompetenz. Dabei habe ich mich gefragt, was es neben fachlichen Kompetenzen braucht, um einen Job zu bekommen – vielleicht sogar in einem Feld, in dem man nicht unbedingt  Kulturwissenschaftler*innen erwartet.

Je nach Job sind womöglich andere Soft Skills gefragt. Geisteswissenschaftler*innen findet man häufig auch dort, wo man sie gar nicht vermutet, wie beim TriRhena Consulting e.V. Ich wollte wissen, warum Kulturwissenschaftler*innen in der studentischen Unternehmensberatung willkommen sind.

 

Im Interview erklärt Johannes Hunecke, Vorstand von TriRhena Consulting e.V., der studentischen Unternehmensberatung der Uni Freiburg, warum er Geisteswissenschaftler*innen gerne einstellt und welche Erwartungen daran geknüpft sind.

 

 

“Das  Zwischenmenschliche ist eine unglaublich wichtige Komponente.”

 

Johannes, was ist TriRhena Consulting?

TriRhena Consulting e.V. ist eine studentische Initiative der Universität Freiburg, in der Studierende die Unternehmen im Dreiländereck bei verschiedensten Herausforderungen beraten. Das bedeutet, dass wir die unternehmerische Praxis mit akademisch-theoretischem Wissen verbinden und so eine Brücke zwischen Unternehmen und Studierenden bauen. Studierende können theoretisch Erlerntes in interdisziplinärer Projektarbeit anwenden und sich Kompetenzen aneignen, die man nicht in Hörsälen erlernen kann. Wir sind ein sehr interdisziplinärer Verein: Unsere Mitglieder kommen von den verschiedensten Fakultäten der Freiburger Universität und Hochschulen.

Was ist deine Rolle als Vorstand bei TriRhena Consulting?

Ich bin seit nahezu zwei Semestern Vorstand bei TriRhena Consulting. Meine Aufgabe als erster Vorsitzender ist die formelle Leitung des Vereins, die Leitung des Vorstands und die Repräsentation unseres Vereins nach außen. Das beinhaltet die Kontaktpflege zu unseren Kuratoren und insbesondere Kooperationspartnern. Die Aufgabe der Netzwerkpflege und dessen Erhalt unterliegt mir und meinem Team „Unternehmenskontakte“. Andere Vorstände leiten die Teams Human Ressources, Marketing sowie Finanzen & Recht oder Qualitätsmanagement. Unsere Vereinsstruktur ist damit ähnlich wie die von Unternehmen der „realen Welt“.

Wie kann ich bei euch mitmachen? Gibt es einen Bewerbungsprozess?

Wir rekrutieren an der Uni zweimal im Semester, betreiben Social Media Marketing und stellen uns in Vorlesungen vor. An sogenannten Bewerbertagen schauen wir uns entsprechende Bewerbende an. Unsere Bewerbertage gliedern sich in ein Bewerbungsgespräch und eine Gruppenarbeit und eine anschließende Traineephase, die ein Semester lang dauert und in der ein externes Projekt für ein echtes Start-Up bearbeitet wird. In diesem Prozess legen wir Wert auf eine erfolgreiche Zusammenarbeit, Soft Skills und die Weiterentwicklung jedes einzelnen Trainees. Das ist eine ganz entscheidende Komponente, damit das Miteinander funktioniert. Das hat auch damit zu tun, dass wir für jedes Projekt eine reale GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) gründen und beim Finanzamt anmelden. Um erfolgreich zu gründen, müssen wir uns auf unsere Mitglieder verlassen können.

Welches Potenzial sollten die Trainees mitbringen?

Bei Trainees sollte definitiv Interesse an betriebswirtschaftlichen Fragestellungen vorhanden sein. Die Fachrichtung ist, wie schon gesagt, hier eher zweitrangig. Unsere Projekte sind sehr vielfältig und dafür muss man die Bereitschaft haben, sich immer wieder neu einzuarbeiten, aber auch an sich selbst und aneinander wachsen zu wollen, um sich weiterzuentwickeln. Natürlich sind Vorerfahrungen wie Praktika super, aber das ist kein Aufnahmekriterium Bei uns kann sich jeder bewerben, egal ob im ersten Semester des Studiums oder schon im Master. Ich bin damals im 2. Semester eingestiegen.

Dann legt ihr mehr Wert auf die Soft Skills als auf Erfahrung und Können?

Ohne Frage sind bei uns Soft Skills das entscheidende Kriterium, da wir meistens in Teams arbeiten und das Zwischenmenschliche eine unglaublich wichtige Komponente ist. Hier können Personen noch so hoch qualifiziert sein, wenn die Soft Skills nicht passen oder fehlen, überlegen wir gut, ob die Person zu uns passt. Unabhängig von Fähigkeiten oder Noten. Was die Hard Skills angeht, bin ich der Ansicht, dass fast alles erlernbar ist, wenn man einen „Growth-Mindset“ verfolgt. Wir setzen stark auf interne Weiterbildung, z.B. wird bereits erlerntes Wissen von älteren Vereinsmitgliedern immer weitergegeben, etwa durch Workshops. Aber wir holen auch Wissen von außen durch externe Partner. Zum Beispiel hat die Scheer-GmbH, ein Prozessspezialist, letztes Semester mit uns einen Workshop zu Prozessmanagement gemacht. So können unsere Mitglieder von externem Wissen profitieren und früh Kontakte knüpfen. Die Unternehmen können unsere Consultants kennen lernen und gleichzeitig  einen Draht zur Universität bekommen.

Welche Soft Skills sind euch besonders wichtig?

Umkehrschluss: welche sind nicht wichtig? Ich bin der Ansicht, dass am Ende das Gesamtpaket stimmen muss. Wir gleichen uns durch unterschiedliche Stärken aus und brauchen dafür eine gute Teamfähigkeit. Dabei sind auch Zielstrebigkeit und Detailtreue wichtig, aber ohne sich zu verzetteln. Qualitätsbewusstsein, also das Streben nach Exzellenz, schriftliche wie mündliche Wortgewandtheit, und situative Kreativität, also der Umgang mit Stresssituationen, sind auf jeden Fall extrem wichtig. Das testen wir auch in der Traineephase, angefangen bei der schriftlichen Bewerbung, dem Auswahlgespräch, der Gruppenphase und der Projektarbeit mit Abschlusspräsentation. Hier befragen wir ebenso die Kunden, also die Start-Ups, wie die Interaktion mit unseren Trainees war. Ich persönlich habe aus meiner Traineephase und eigenen Projekten unglaublich viel mit ins Studium genommen. Sich präzise auszudrücken und qualitätsbewusst zu arbeiten, sind Kompetenzen, die entscheidend für ein erfolgreiches Studium sind.

Du bist schon eine Weile im Verein dabei. Hat sich der Anspruch an die Kompetenzen der Trainees und Mitglieder verändert?

Ich kann für meine Zeit sprechen und mich auf Erzählungen anderer berufen. In jeder Recruiting-Phase überlegen wir uns, welche Maßstäbe wir an den neuen Jahrgang setzen. Unser Qualitätsanspruch ist derselbe, um den Kunden am Ende auch zufrieden stellen zu können. Dabei orientieren wir uns an aktuellen externen Situationen, wie zurzeit die Corona-Krise. Corona hat unser Portfolio komplett umgekrempelt und wir mussten schnell überlegen, welche Themen nun gefragt und entscheidend sind. Unsere Kriterien an Bewerbende sind aber grundsätzlich gleichgeblieben, zumindest seit ich dabei bin.

Als Unternehmensberatung habt ihr eine starke wirtschaftliche Ausrichtung. Was macht Geisteswissenschaftler*innen für euch attraktiv?

Wir zeichnen uns durch Heterogenität und Vielfalt der Teams aus. Aus diesem Grund können wir Leistungen anbieten und Ergebnisse erzielen, die vollkommen neu gedacht sind und im Vergleich zu kommerziellen Beratungen mit neuem Blick an den Auftrag heran gehen. Um das zu ermöglichen brauchen wir Studierende vieler Fachrichtungen, um einen möglichst unvoreingenommenen Blick an die Themen zu entwickeln. Zum Beispiel haben wir für eine große Krankenkasse eine Instagram-Strategie entwickelt. Hätten wir klassischerweise BWLer und VWLer dafür eingesetzt, dann hätten wir auch die Lösung einer BWL-Gruppe erhalten. Nehmen wir aber einen Informatiker dazu, einen Sozialwissenschaftler oder Studierende verschiedener Semester vom Bachelor bis zum Promovierenden, dann decken wir viele verschiedene Facetten ab. Für ein interaktives Projekt, das ganz verschiedene Leute ansprechen soll, ist das entscheidend. Bei Geisteswissenschaftlern ist toll, dass sie sich in komplexe Fragestellungen und Handlungspraktiken hineindenken können und konzeptuelles Wissen haben.

Gibt es einen allgemeinen Rat, den du Geisteswissenschaftler*innen oder generell Student*innen im echten Bewerbungsgespräch geben kannst?

(Lacht) Ich bin ja selbst noch Student. Insofern würde ich die Frage umdrehen und sagen, was ich in ein reales Bewerbungsgespräch mitnehmen würde. Ein Punkt ist definitiv zu berücksichtigen, nämlich dass der Recruiter, der vor einem sitzt, unglaublich viele Bewerbungsgespräche am Tag führt. Hier heißt es: herausstechen und sich fragen, was einen als Person interessant macht für den Job, um den es konkret geht. Das fängt bereits beim Bewerbungsschreiben an, das sich dementsprechend abhebt. Das Bewerbungsgespräch wiederum ist die beste Bühne, um die eigenen Soft Skills zu präsentieren. Ich bin der Meinung, dass man sich nicht maximal in den Vordergrund drängen muss, eher nach dem Motto, Kompetenz ja, aber nicht mit Ellenbogen.

 

Fazit

Neben Noten und Zeugnissen zählen im Jobmarkt also auch soziale Kompetenzen. Am Ende sind sie sogar entscheidend. Jeder Job erfordert eine Expertise, die erlernt werden muss. Sie ist die Grundlage der meisten Bewerbungen. Bei einem direkten Auswahlverfahren werden aber vermutlich diejenigen gewinnen, die am besten ins Team passen. Hinzu kommt, dass Soft Skills positive Eigenschaften sind, die uns auch persönlich weiterbringen. Ganz ohne einander können Soft und Hard Skills aber wohl nicht sein, das Gesamtpaket muss stimmen.

 

Johannes Hunecke, 23, studiert im 6. Semester Bildungswissenschaften und -management an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Er ist im fünften Semester Mitglied bei TriRhena Consulting e.V. und seit zwei Semestern als Vorstand dabei. 

 

Titelbild: Tropfen auf Federn. Quelle: Pixabay

Portrait: Johannes Hunecke, TriRhena Consulting e.V.

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