What the funk are you studying?!
Street-art in Paris

What the funk are you studying?!

“Ich bin ja jetzt in meinem sechsten Semester Kulturanthropologie und…” “Kulturanthro? Hä, was?” “Anthropologie, ja.”

Wie müde ich doch immer wieder werden kann, nach ständigem Beantworten gleicher Fragen, wenn es wieder mal um mein Studium geht. Dabei ist das Fach gar nicht zum müde werden. Im Gegenteil, hier spielt auf vielerlei Arten die Musik.

Ich studiere Kulturanthropologie.

Wie viele meiner Kommiliton*innen schlage ich mich damit herum, allen Personen, denen ich dies erzähle, kurz darauf erklären zu müssen, was das denn eigentlich bedeutet. Als Kulturanthropolog*in lernt man schnell sich präventiv darauf vorzubereiten, in der nächsten Situation schneller und besser zu antworten. In die Lage gelangt man so häufig, dass man wie indoktriniert wurde, die Antwort gleich liefern zu müssen. Während Jurist*innen oder Mediziner*innen nach potentiellen Fachgebieten gefragt werden, bleiben wir Geisteswissenschaftler*innen für immer verdammt, in Erklärungsnot zu geraten. Weil die Frage selbst für mich im sechsten Semester des Bachelors mit die schwierigste des Studiums zu sein scheint. Das liegt aber nicht daran, dass unsere Forschung nichtig, unsere Berufsperspektive nonexistent oder unsere Herangehensweise für Diskurse nicht fördernd ist –ganz im Gegenteil.

Noch Fragen?

Die Frage ist oftmals nicht einfach zu beantworten, da indirekt die Erwartungshaltung des Gegenübers extrem hoch liegt, sowie die eigene Liebe zu Kulturanthropologie dazu drängt, das Fach bestmöglich, aber vor allem auch klar verständlich zu vermitteln. Da liegt gerade das Problem: Wie gelingt es mir, diese dekonstruierende Alltagswissenschaft in konstruktive Worte zu fassen? Angenommen ich nehme den ersten Anlauf und erzähle meinem Gegenüber, Kulturanthropologie sei ein Fach, “das aus der Wechselwirkung von Innen-und Außenwahrnehmung resultiert” (Kaschuba,2003:18). Ich bin ganz ehrlich, wäre ich dieses Gegenüber, viel mehr als ‘Aha’ würde in meinem Kopf nach dieser Erläuterung auch nicht stehen. Weitere Erläuterung? Unser Kulturbegriff ist ein semiotischer, hiermit meint Geertz nach Max Weber, dass der Mensch in ein selbst gesponnenes Bedeutungsgewebe verstrickt ist. Und dieses Gewebe selbst ist Kultur (sinng. Kaschuba, 2012:123). Diese Phrasen hat man nach dem ersten Semester verinnerlicht. Noch Fragen? Vermutlich. Dieser Blogbeitrag will die Frage diskutieren: What the funk are you studying? Ich nehme einen zweiten Anlauf, um die Wissenschaft verständlich zu machen und habe dafür einen Musikstil im Gepäck. In der Frage befindet sich also nicht nur eine Zensur, sondern gleichermaßen eine Metapher, die ich für unser Fach wähle.

Wo spielt die Musik?

Was macht den Musikstil Funk aus? Grundsätzlich der Gedanke, jedes Instrument gleichwertig dem Gesang Rhythmus tragend in den Vordergrund stellen zu können. So brummt der Bass die Melodie, während das Schlagzeug fast minimalistisch bleibt. Und was hat das mit Kulturanthropologie zu tun? Nun ja, das machen wir in unserer Forschung  auch. Ich stelle mir das Forschen vor, wie ein Musikstück. Forsche ich zu einem Thema, höre ich jedem/jeder Akteur*in zu, stelle deren Aussagen in den Vordergrund, gleichermaßen, gleichgewichtet. Ich höre zu, wie den Instrumenten des Funks. Es gilt nicht, die Wahrheit in den Aussagen herauszufinden, sondern den Menschen, die sich zu etwas äußern, zuzuhören. Außerdem verwenden wir für den Rhythmus unserer Forschung nicht die in anderen Fächern häufig genutzte Methodik der Statistik: Unser Rhythmusinstrument ist die Empirie, also das Ins-Feld-gehen, dabei sein, teilnehmen. Und dadurch können wir Bedeutungen suchen und finden, sowie einen Diskurs oder eine Debatte schaffen. Klingt doch erstmal ziemlich plausibel. Vor allem aber auch relevant. Diskurse schaffend zu sein ist der (Noten-) Schlüssel der Kulturanthropologie.

In unserer Wissenschaft gibt es zahlreiche Gegenstandsbereiche, welche mir Felder eröffnen, in denen ich Menschen beobachte und sie interviewe. Was genau ist ein sogenannter Gegenstandsbereich, wie kann er aussehen, wie lässt er sich definieren und eingrenzen? Im Laufe meines B.A.-Studiums habe ich lediglich einen Einblick in die Vielfalt der Themenfelder bekommen. In jeden Bereich hineinblicken zu können scheint mir jedoch schier unmöglich: Was früher (in der Volkskunde) das Beleuchten eines vermeintlichen regionalen „Volkes“ und die Untersuchung derer Lebensweise war, ist heute die Untersuchung vieler Gegenstandsbereiche. Wir haben also eine Entwicklung hinter uns. Wir mussten unsere Art  Musik zu machen umstrukturieren. Anstatt nur eine Band auf der Bühne zu beobachten, entschlossen wir uns, auch einmal auf anderen Bühnen vorbeizuschauen. So befasste ich mich bisher beispielsweise mit Fragen wie: Inwiefern zeichnen sich innerpolitisch Prozesse der Ausgrenzung ab und welche Rolle spielen hierbei Begrifflichkeiten der Leitkultur? Ich fragte mal nach einer möglichen Transformation des alltäglichen Lebens eines Elternteils durch den Auszug der Kinder, mal nach Selbstverständlichkeiten, Routinen und Zeitwahrnehmungen in der Nachtschichtarbeit einer Krankenschwester. Auch fragte ich in einem Seminar nach medialer Nachvollziehbarkeit von wahren Begebenheiten sowie Verschwörungsmythen rund um das „Stargate Project“ der CIA. Hip und funky genug? Es gibt unendliche Gegenstandsbereiche, wichtig ist jedoch immer der Bezug auf die Kultur.

Reflexive Beats

Gehen wir noch einmal zurück zu den Erläuterungen des Faches, welche Studienanfänger*innen Kopfschmerzen bereiten mögen: Kulturanthropologie identifiziert sich durch sich selbst, durch das Innen-und-Außen des Fachverständnisses. Nachvollziehbare metaphorische Kopfschmerzen? Der Charakter unseres Faches lebt vom thematischen Austausch zwischen Wissenschaft und Gesellschaft und verkörpert (Problem-) Felder der Alltags- und Lebenswelt (vgl. Kaschuba 2003:18). So rückt auf der Bühne der Forschung des/der Kulturanthropolog*in das Scheinwerferlicht mal auf diesen, mal auf jenen Aspekt. Mal auf den/die Gitarrist*in, mal auf den/die Bassist*in, wichtig allerdings: auch auf den Scheinwerfer selbst. Als forschende Person befindet sich der/die Kulturanthropolog*in immer in einer reflexiven Rolle, philosophisch betrachtet ist hier das ‚Denken des Gedachten‘, weiter das ‚Erforschen des Erforschten‘ gemeint. Die forschende Person ist selbst als Akteur*in zu verstehen, die ebenso wie jede*r andere in ein selbstgesponnenes Bedeutungsgewebe von Kultur verstrickt ist. In Trance des melodischen und rhythmischen Beats der immer mitschwingenden Fragestellungen möglicher Forschungen, die ich persönlich im Laufe des Studiums alltäglich in allerlei Situationen wahrnehme, ist Kultur also überall. Gleichzeitig ist sie nur dort, wo das Tun auf das Deuten trifft, eben dort wo beispielsweise ich auf der Suche des täglichen Verstehens bin.

Unser Scheinwerferlicht kann auf vielerlei Art seinen Einsatz finden. Die teilnehmende Beobachtung ist nur eine vieler methodischer Untersuchungsmöglichkeiten eines Forschungsgegenstandes. Neben ihr stehen die Methoden des Interviews – welches mit der teilnehmenden Beobachtung in Zusammenklang existieren kann –, die archivalische Forschung, Diskurs-, Ding- und Medienanalyse sowie die visuelle Anthropologie. Ein Blick in die Vergangenheit und vor allem auf die Entstehung des Faches zeigt uns mit welcher Kritik die teilnehmende Beobachtung sich wieder und wieder auseinandersetzen muss. Die Kulturanthropologie befindet sich im Diskurs durch Verbesserungsvorschläge und das immer wieder kehrende eingestehen, dass eine unberührte Haltung  gegenüber dem Feld nicht möglich ist. Da ich immer, wenn ich ein Forschungsfeld betrete, schon ein geringes aber existierendes Vorwissen habe, beeinflusst dies auch meine Arbeit. Der durch Einfluss geprägte Blick auf Forschungsfelder bestimmt immer auch die Deutung. Kein Grund, das alles pessimistisch zu sehen, denn Selbstreflexion kann genauso funky sein, wie der Gegenstandsbereich.

 

 

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