Bologna lässt grüßen: Sieben lange Jahre zum B.A.-Abschluss

Bologna lässt grüßen: Sieben lange Jahre zum B.A.-Abschluss

Wer mitten im Studium die Hochschule wechseln will, sollte sich das gut überlegen. Ich habe mich auf das Bolognaversprechen verlassen und es hat mich einige Semester gekostet. Ein persönlicher Rückblick auf folgenschwere Entscheidungen. 

Ein erster Anfang

Als ich im April 2013 zum ersten Mal einen Hörsaal betrat, hatte ich einen einfachen Plan: Ich würde ein dreijähriges Bachelorstudium machen, dann ein Masterstudium anschließen und schließlich im Alter von 25 Jahren die Arbeitswelt erobern. Heute, sechs Jahre später, bin ich immer noch bei Schritt 1.

Es gibt viele Gründe, warum mein Bachelorstudium letztendlich nicht so geradlinig verlief, wie ich es mir vorgestellt hatte. Die erste Entwicklung, mit der ich nicht gerechnet hatte, war meine wachsende Unzufriedenheit über meine Fächerwahl. Ich hatte Germanistik als Hauptfach belegt und aus Gründen, die mir bis heute noch nicht richtig klar sind, habe ich mich damit unendlich schwergetan. Aus fehlendem Enthusiasmus wurden mittelmäßige Leistungen und ein generelles Gefühl, nicht gut genug zu sein. Ich hatte zunehmend Angst vor den Anforderungen des geplanten Masterstudiums und stellte mich enttäuscht der Tatsache, dass mein akademischer Werdegang wohl „nur“ mit einem B.A. enden würde.

Mit der Aussicht auf das verfrühte Ende meines Studentenlebens und motiviert von meiner Unzufriedenheit mit meinem Hauptfach entschloss ich mich während meines vierten Semesters kurzerhand dazu, einen Hochschulwechsel vorzunehmen. Ich wollte in eine andere Stadt und neu anfangen, jetzt das tun, was ich eigentlich für das Masterstudium geplant hatte. Wenn ich heute auf diese Entscheidung zurückblicke, kann ich vor allem eines sagen: Ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einließ.

Irrwege durchs ECTS-System

Ich ging wie selbstverständlich davon aus, dass der Wechsel reibungslos verlaufen würde. Mit der Einführung des European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS) im Zuge der Bologna-Reform wurde doch dafür gesorgt, dass Studierende sich problemlos zwischen Universitäten bewegen können, ohne ihre erbrachten Leistungen zu verlieren. Hochschulwechsel leicht gemacht! Oder etwa nicht?

Zunächst sah alles einfach aus. Ich ließ mir eine beglaubigte Leistungsübersicht von meiner Uni ausstellen, exmatrikulierte mich und sicherte mir einen WG-Platz in meiner neuen Wahlheimat. Dort hatte ich bereits mit verschiedenen Mitarbeiter*innen der Uni Kontakt aufgenommen und meinen geplanten Wechsel besprochen. So weit, so gut – bis ich die Anträge auf Anerkennung meiner Leistungen einreichte. Mir konnte nur ein Bruchteil angerechnet werden, was sich aber erst herausstellte, als es keinen Weg mehr zurück gab. Ehe ich mich versah, saß ich im fünften Hochschulsemester in Vorlesungen und Seminaren, die ich alle schon besucht hatte – der einzige Unterschied: Ich war zwei Jahre älter und 250 km weiter östlich.

Mein Sommersemester 2015 war ein nicht enden wollendes Déjà-vu. Im September packte ich schließlich all mein Hab und Gut wieder in Kisten und fuhr nach Hause. Ich hatte mich für das kommende halbe Jahr beurlauben lassen. „Ich nehme mir nur eine kurze Auszeit“, habe ich zu allen gesagt, wusste aber, dass ich nie zurückkommen würde. Ich hatte einen Fehler gemacht. Das ungeliebte Germanistikstudium hatte sich um einige Semester verlängert und nun fühlte ich mich darin gefangen. Ich hatte schon zu viel Zeit investiert, um den Traum vom Studienabschluss aufzugeben, und war gleichzeitig noch so weit davon entfernt, dass es unerreichbar schien. Ich war wie gelähmt. Aus einem Urlaubssemester wurden zwei.

Ein Jahr später: ein letzter Versuch. Dieses Mal sicherheitshalber an einer Uni in der Nähe von zuhause. Vielleicht würde mir woanders ja mehr angerechnet werden, sodass ich in zwei, drei Semestern meinen Bachelor hätte. Gewappnet mit meinen eklektischen Leistungsübersichten von zwei verschiedenen Universitäten stieg ich an einem warmen Septembertag 2016 in den ICE nach Freiburg. Eine Stunde später saß ich in einem Büro im Deutschen Seminar der Albert-Ludwigs-Universität. Man las sich meine Leistungsübersichten durch und informierte mich mit nüchternem Tonfall darüber, dass nur zwei oder drei meiner Veranstaltungen anrechenbar wären, mehr nicht. Das war noch weniger als bei meinem ersten Wechsel, obwohl ich mittlerweile mehr Veranstaltungen besucht hatte. Mein Studium würde quasi wieder von vorne beginnen: fünf weitere Semester Germanistik. Ich nickte höflich und verabschiedete mich. Mir war klar, dass mein Traum vom Studium gerade geplatzt war. Auf der einen Seite fühlte ich mich erleichtert, das ungeliebte Studienfach hinter mir lassen zu können, auf der anderen Seite stand die Panik vor meiner unsicheren Zukunft.

Mut zum Neustart

Letztendlich ging danach alles ganz schnell. Auf der Zugfahrt nach Hause beschloss ich, mich gegen alle Logik für ein neues Studienfach einzuschreiben. Ich wurde getrieben von dem Bedürfnis, mir selbst und allen, die mich kannten, zu beweisen, dass ich ein Studium schaffen konnte. Ich wollte nicht akzeptieren müssen, dass die letzten dreieinhalb Jahre, in denen ich ein Bachelorstudium hätte abschließen können, vielleicht reine Zeitverschwendung gewesen waren.

Einen knappen Monat später saß ich in der Vorlesung „Einführung in die Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie“. Am Ende des Semesters hatte ich eine solche Angst vor einem erneuten Versagen, einem Wiederholen meiner Geschichte, dass mein Körper sich in Form eines grippalen Infekts auflehnte und ich die Klausur zu dieser Vorlesung nicht mitschreiben konnte. Ein paar Wochen später holte ich sie nach und bekam zu meiner großen Überraschung eine 1,0. Das war ein Wendepunkt für mich. Die guten Noten hielten auch in den kommenden Semestern an und mit ihnen kam ein für mich völlig neues Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zurück. Heute ist mein Selbstwertgefühl weniger an Leistungen geknüpft, aber in dieser Anfangszeit haben mir die Einsen vor dem Komma vor allem eins signalisiert: Hier bin ich richtig. Endlich.

Meine Mutter sagt gerne, dass ich ohne meine diversen Umwege nicht dort gelandet wäre, wo ich heute bin, und dass es deshalb so hat sein sollen. In gewisser Weise hat sie Recht. Wäre ich zum Beispiel direkt nach dem Abi nach Freiburg gekommen, hätte ich viele von den Menschen nie getroffen, die heute so wichtig in meinem Leben sind. Mir fällt es dennoch manchmal schwer, die Jahre vor Freiburg nicht als verlorene Zeit zu bewerten. Hätte ich gewusst, was mich die unvorsichtige Wahl eines Studienfachs und der erste Hochschulwechsel kosten würden, hätte ich vieles anders gemacht. 

Heute weiß ich es besser. Aber das füllt die Lücken in meinem Lebenslauf nicht, die ich demnächst in Vorstellungsgesprächen erklären muss. Es ändert nichts an der Tatsache, dass ich jetzt weder Zeit noch Geld für ein Masterstudium habe. Es ändert nichts an dem Gefühl, aufholen zu wollen. Ich bin vielleicht noch nicht ganz an dem Punkt, an dem ich das Vergangene akzeptieren und wertungsfrei betrachten kann. Aber ich arbeite daran und ich will dir mitgeben, was ich in den letzten Jahren gelernt habe: Umwege kosten Zeit, können dir aber auch viel beibringen. Dein Weg ist dein Weg. Er macht dich zu der Person, die du bist.

 

 

Foto: CC by Al Seeger auf Pixabay

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