Es ist legitim, nicht zu wissen, was man werden will

Es ist legitim, nicht zu wissen, was man werden will

In diesem Beitrag möchte ich meine Gedanken dazu teilen, warum es in Ordnung ist, am Ende des Bachelor Studiums noch nicht genau zu wissen, was man arbeiten möchte. 

Früher in der Grundschule wussten alle meine Mitschüler*innen, was sie später werden wollen: Zimmermann, Architekt, Kaminbauer und so weiter. Ich persönlich hatte nicht wirklich eine Ahnung, was ich später mal beruflich machen wollte. Also habe ich immer Feuerwehrmann gesagt, damit ich nicht allzu doof dastand. Heute studiere ich Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie (KAEE) im 6. Semester im Bachelor und habe immer noch keine wirklich gefestigte Vorstellung von dem, was ich später einmal beruflich machen will – was meiner Meinung nach aber völlig in Ordnung ist.

1. Der Blick rückt von starren Berufsbildern zu den eigenen Fähigkeiten

Die Freiheit beim Studium eines geisteswissenschaftlichen Fachs ist eben, dass am Ende des Studiums nicht ein maßgeschneiderter Beruf wartet, sondern eine ganze Palette an Tätigkeiten, die man später ausführen kann. Natürlich gibt es für jedes Fach typische Berufe oder Arbeitsplätze, aber man ist nicht auf ein Berufsfeld angewiesen, was später im Berufsalltag womöglich überhaupt gar keinen Spaß macht. Informatikstudent*innen haben wahrscheinlich wenige Alternativen, als sich mit irgendwelchen Quellcodes und Systemen herumzuschlagen.

Bevor ich zu meinem jetzigen Studiengang gekommen bin, habe ich mich an der Politikwissenschaft versucht. Auch ein Fach, das Student*innen nicht auf einen bestimmten Arbeitsbereich trimmt. Das ist natürlich Segen und Fluch zugleich, da die Auswahlmöglichkeiten für Arbeitsplätze letztendlich schier unendlich sind. Dadurch werden aber auch grundlegende Fragen, die sich eigentlich jede*r stellen sollte, umso bedeutender, wie: Was macht mir wirklich Spaß? Wofür brenne ich wirklich? Kann ich mir vorstellen, in diesem Bereich den Rest meines Lebens zu arbeiten? Für das Studium der KAEE habe ich mich schließlich deswegen entschieden, weil mir die hier angewandten Methoden eher zusagen und mich die Thematik des Fachs überzeugt hat. Die hier erworbenen Fähigkeiten lassen sich in den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen nutzen.

2. Arbeit darf kritisch hinterfragt werden

Es scheint eine Maxime der heutigen Zeit zu sein, dass Uniabsolvent*innen sich schon während des Studiums selbst als Humankapital denken. Wie selbstverständlich wird erwartet, dass sie von Beginn an einen Plan für ihre Arbeitsbiografie haben. Dabei werden gerade in sozialwissenschaftlichen Fächern Konzepte von Arbeit immer wieder kritisch hinterfragt.

Beispielsweise haben Ende der 1990er Jahre die Soziologen Hans J. Pongratz und G. Günter Voß (2004) mit ihrem Arbeitskraftunternehmer die These ins Feld geschickt, dass betriebliche Strategien zur Selbstorganisation von Arbeit einen neuen Typus von Arbeitskraft erfordern würde, der mit dem eigenen Leistungspotenzial unternehmerisch umzugehen wisse. Den Typus des Arbeitskraftunternehmers zeichnet Pongratz und Voß zufolge aus, dass die Abstimmung der individuellen Leistungsmöglichkeiten auf wechselnde betriebliche Erfordernisse immer mehr von den Erwerbstätigen selbst übernommen wird, wofür zuvor das Managements zuständig war (vgl. Pongratz/Voß 2004). Möchte ich dieses Spiel ohne weiteres mitspielen? Auch die aktuelle Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) stellt die Bewertung von Arbeit und eine überhöhte Arbeitsethik meiner Meinung nach berechtigt zur Diskussion.

Bevor ich beantworte, was ich werden will, nehme ich mir am Ende meines Bachelorstudiums die Freiheit heraus, zunächst danach zu fragen, was Arbeit für mich bedeutet – und das betrachte ich als einen wertvollen Gewinn für meine persönliche Entwicklung.

3. Ein Bachelor Studium darf der ersten Orientierung dienen

Ich meine, es ist völlig in Ordnung, ein Fach zu studieren, ohne sich direkt von Anfang an Gedanken darüber zu machen, welche berufliche Laufbahn dann kommt. Es gibt heutzutage mehr als genug Möglichkeiten, notfalls nochmal umzuschulen oder sich anderweitig weiterzubilden und so ein Stückchen näher an den Traumjob zu kommen. Ein gutes Angebot zur parallelen Weiterbildung bietet zum Beispiel der BOK Bereich der Universität Freiburg. Hier kann man, meistens während der Semesterferien, unterschiedliche Kurse belegen, die Kompetenzen vermitteln, die ergänzend zum Studium von Nutzen sein können. Darüber hinaus helfen natürlich auch Praktika dabei, Einblicke in verschiedene mögliche Berufsfelder zu gewinnen. Letzteres finde ich persönlich sehr hilfreich, da man direkt mit der Praxis in Berührung kommt und eine genauere Vorstellung davon bekommt, wie die im Studium angeeigneten Kompetenzen später im Berufsfeld von Vorteil sein können.

Steht man, so wie ich, bereits am Ende des Bachelor Studiums und hat immer noch keine Ahnung, welches Berufsfeld für einen selbst geeignet ist, muss man nicht gleich verzweifeln. Die meisten Universitäten haben zahlreiche Beratungsangebote für abgehende Studierende, die bei der Entscheidung für einen späteren Beruf helfen können (wie beispielsweise das Alumninetzwerk der Universität Freiburg oder das Hochschulteam der Agentur für Arbeit). Es gibt aber natürlich auch noch die Option, im Anschluss ein Master Studium zu machen, was zusätzliche Chancen bei der Berufswahl eröffnet.

Ich denke, man sollte und darf die 5 Semester Bachelor Studium zur Orientierung nutzen, damit man vor allem nach der Bachelor Arbeit weiß, in welche Richtung man gehen möchte. In meinem Fall ist die Unentschlossenheit für eine spätere berufliche Laufbahn eher mit einer Angst verbunden, bestimmte Türen hinter mir zu schließen. Es gibt eine derartige Vielfalt an beruflichen Laufbahnen, die mich alle ein bisschen interessieren, dass ich es jetzt noch schwierig finde, mich für einen konkreten Weg zu entscheiden. Deswegen kommt mir mein Studium entgegen. Ich habe das Gefühl, dass ich vieles ausprobieren kann.

Nach dem Motto „Der Weg ist das Ziel“ nutze ich das Bachelor Studium als eine Orientierungsphase, die erste Weichen für die Zukunft stellt. Ich verschaffe mir einen Überblick über die verschiedenen Möglichkeiten, die mir nach dem Studium offenstehen. Ich persönlich bin der Meinung, dass es nicht den einen Weg gibt, der jedem oder jeder nach dem Studium geebnet wird. Es ist vielmehr das Ausprobieren und Ausloten, was für dich als Person im späteren Leben wichtig ist und wie man das erreicht, was man will. Wo liegen meine Stärken und Interessen? Wie kann ich mich während des Studiums eventuell einem Berufsbereich nähern, der für mich in Frage kommt? 

 

Literatur:

Pongratz, Hans J. und G. Günter Voß (2004): Arbeitskraftunternehmer. Erwerbsorientierungen in entgrenzten Arbeitsformen. Herausgegeben von der Hans-Böckler-Stiftung, Düsseldorf.

 

Bild: Urheber Mario Storch bei flickr (Link zum Bild); vom Autor leicht verändert

 

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