How NOT to study Kulturanthropologie: Eine dialektische Anleitung zum Unglücklichsein

How NOT to study Kulturanthropologie: Eine dialektische Anleitung zum Unglücklichsein

In diesem Beitrag möchte ich dir mit einem Augenzwinkern zeigen, wie Kulturanthropolog*innen NICHT studieren sollten.

Wenn du bereits Kulturanthropologie studierst, dann wirst du beim Lesen herausfinden, wie viele wichtige Aspekte deines Studiums dir vielleicht gar nicht bewusst sind, weil sie schon längst zu deinem Studienalltag gehören. Und falls du damit liebäugelst, ein kulturanthropologisches Studium zu beginnen, dann kannst du hier Beispiele dafür finden, wie es sehr wahrscheinlich NICHT werden wird.

25-Punkte-Anleitung für ein unglückliches geisteswissenschaftliches Studium:

  1. Gehe davon aus, dass Noten ein faires und realitätsabbildendes Messinstrument deiner Intelligenz sind.
  2. Selbstreflexion ist überbewertet. Lass es sein.
  3. Auf die Frage „Warum studierst du dieses Kultur-dings?“ antwortest du am besten: „Um reich und berühmt zu werden“.
  4. Sowieso wird dir diese Frage nach deinem Studiengang nicht oft gestellt werden. Es handelt sich ja nicht um ein Studium der Quantenmechanik, bei der man immer allen erklären muss, was man da eigentlich studiert und erforscht. Kulturanthropologie kennt schließlich jede*r.
  5. Vergleiche dich dauernd mit anderen Studierenden oder noch besser deinen Dozierenden. (Zum Weiterlesen: Get Lost in Perfection)
  6. Unterschätze deinen persönlichen Lernfortschritt. Du wirst mit deinem Abschlusszeugnis in der Hand noch genau der gleiche Mensch sein wie zu Beginn deines Studiums. Ga-ran-tiert!
  7. Bleibe bei dem, was du sicher weißt. Stelle keine Fragen. Vermeide Diskussionen, denn sie könnten dich verwirren.
  8. Falls es doch zu Diskussionen kommen sollte: Stütze dich auf Vorurteile und Stereotype, denn damit kannst du sicher gehen, dass du die Meinung einer Mehrheit vertrittst und somit nah an der Wahrheit argumentierst.
  9. Sowieso dreht sich das Studium der Kulturanthropologie darum, zielstrebig die ultimative Wahrheit herauszufinden. Dies sollte immer dein höchstes Ziel sein.
  10. Belege deine Kurse streng nach Studienverlaufsplan und versuche alle Ablenkungen zu minimieren, vor allem deinen Freundeskreis, Hobbies, Ehrenämter und Nebenjobs.
  11. Tausche dich nicht mit Studierenden deines Faches aus – oder noch schlimmer mit Studierenden anderer Fächer. Das bringt nur unnötige neue Ansichten und könnte im schlimmsten Fall sogar deinen Horizont erweitern.
  12. Dazu gehört natürlich auch, dass du keinesfalls Mitschriften, Protokolle oder andere von dir geschriebene Texte, Ideen oder Tipps an deine Mitstudierenden weitergeben und andere auch nicht danach fragen solltest. Ein Austausch ist nicht erwünscht. Das Studium ist eine persönliche Einzelangelegenheit, Ellbogen raus!
  13. Mach einen großen Bogen um die Fachschaft. Da gibt es nur unsympathische Langeweiler*innen, die sich gegen den Rest verschworen haben.
  14. Übertreibe es nicht mit dem Lesen. Falls dir ein Text der zu lesenden Literatur auf der ersten Seite nicht zusagt, dann lese ihn gar nicht erst zu Ende, es lohnt sich nicht. Lange Texte kannst du ab der 20. Seite weglegen.
  15. Falls du dich erschöpft oder überfordert fühlst: Beiß dich durch! Geisteswissenschaftler*innen haben keine Hilfe nötig und machen alles allein mit sich selbst aus.
  16. Passe dich deinem Kulturanthropologiestudium an. Du wirst in den ersten Semestern sicher festgestellt haben, dass alle Kulturanthropolog*innen fast die gleichen Nebenfächer, die gleichen Hobbies, die gleichen Lebensläufe und die gleiche spezifische Kleidung tragen. Mach auch du dies zu deiner Identität.
  17. Es ist nicht nötig, regelmäßig deine E-Mails zu checken.
  18. Es ist nur ein Gerücht, dass Hausarbeiten in Nächten oder über Wochen geschrieben werden, so etwas passiert eigentlich nie. Was sollen lange Literaturrecherchen auch bringen? Sich vertieft in ein Thema einzuarbeiten – das braucht man später im Berufsleben nie mehr. Also nimm einfach die vorgegebene Literatur aus dem Seminar und füge noch ein zwei Sätze aus Wikipedia hinzu und dann nichts wie weg damit.
  19. Es bringt nichts, das Thema einer Hausarbeit in den Sprechstunden mit deinen Dozierenden zu besprechen.
  20. Abgabefristen für Hausarbeiten und Termine für Prüfungsanmeldungen sollten dir nur als grobe Orientierung dienen und können getrost ignoriert werden.
  21. Es ist sehr wichtig und äußerst notwendig, dass du deine Hausarbeiten so schwer lesbar wie möglich schreibst. Beachte: Sätze unter 1.500 Zeichen sind in der Wissenschaft zu kurz und jedes Wort kann auch durch ein Fremdwort ersetzt werden.
  22. Falls du krank bist, deine Katze gerade gestorben ist, deine Beziehung am Ende ist oder deine Eltern im Krankenhaus sind – geh trotzdem zur Uni! Die PowerPoint-Präsentationen und Diskussionen um Kontingenz werden dich garantiert von diesen kleinen Alltagsproblemchen ablenken.
  23. Trage dich auf keinen Fall in die Anwesenheitslisten ein. Das Ganze dient der Uni bei einem streng geheimen Forschungsprojekt über den Vergleich postmoderner Handschriften (und da möchtest du ja wohl sicher nicht mitmachen und analysiert werden).
  24. Natürlich wirst du mit deinem Studiengang Kulturanthropologie bei anderen Studierenden ein ehrfürchtiges „Oh cool!“ hervorrufen, sobald du dein Studienfach nennst, so ähnlich wie es Mediziner*innen oder Raumfahrtinformatiker*innen geht. Falls doch mal jemand nachfragen sollte, ist der beste erste Schritt eine ausführliche Erläuterung der Bedeutung des Begriffs „Vielnamenfach“.
  25. Stelle nichts infrage.

Ich hoffe mein Beitrag hat dir ein Schmunzeln ins Gesicht gezaubert, denn das war mein Ziel. Bei den (meist) ernsthaften Themen im Studium und der Auseinandersetzung damit darf meiner Meinung nach der Humor nicht verloren gehen und etwas Selbstironie schadet nicht.

Why?

Vielleicht hat dich der Beitrag aber auch zum Nachdenken gebracht? Dann bist du ja in der Kulturanthropologie ganz richtig „gelandet“ 🙂 Ich wollte mit diesem kurzen ironischen Blog-Beitrag aufzeigen bei welchen Themen Kulturanthropolog*innen an Grenzen stoßen können, aber auch welche Stärken das Studieren dieses Faches mit sich bringt. Außerdem war mir wichtig zu betonen, wie der Unialltag uns manchmal mit Vorschriften belasten kann und dass das Vergleichen untereinander (oft) nicht hilfreich ist. Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist meiner Meinung nach, dass ein Studium der Geisteswissenschaften einerseits zwar erst mal „nur für mich selbst“ ist (meine persönliche Entwicklung bereichert, mein Denken anregt, meine Perspektiven auf die Welt erweitert), andererseits aber Austausch, Gemeinschaft und Kommunikation grundlegende Inhalte darstellen und nicht vergessen werden dürfen, wenn man über Ziele dieser Studienrichtung spricht.

Wie weiter?

Ich habe diese „How-Not-To“-Punkte aus meinen Bachelor-Studiengang-Erfahrungen hier in Freiburg zusammengetragen. Bestimmt fallen dir noch viele weitere ironische Grundsätze für das Kulturanthropologie-Studium ein. Schreibe sie einfach unten in die Kommentare, ich freue mich über deine Ergänzungen!

 

Bildquelle: „Question Everything (Nullius in verba) Take nobody’s word for it“ by Dunk (Flickr, CC BY 2.0), bearbeitet von der Autorin (WHY?). https://www.flickr.com/photos/dullhunk/202872717

 

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