“Mein Erasmus-Semester war nicht unbedingt eine super gute Erfahrung, gut allerdings war es, die Erfahrung gemacht zu haben.”

“Mein Erasmus-Semester war nicht unbedingt eine super gute Erfahrung, gut allerdings war es, die Erfahrung gemacht zu haben.”

Johannes berichtet von seinem Erasmus-Semester an der Sapienza Universität in Rom. Seinen Bachelor in Philosophie und Europäische Ethnologie macht Johannes an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg.

Wie bereichernd, weitend ein längerer Auslandsaufenthalt sein kann, werden wahrscheinlich nur jene nachempfinden, die selbst schon einmal solcherweise erlebt haben. Eine eigentümliche Erfahrung ist so ein Vorstoß ins Unbekannte. Man lenkt seinen Weg aus der Enge des Gewohnten hinaus in noch frisches Neu. Mit dem Ortswechsel, der Distanz zum Bisherigen,  geht gerade in jungen Jahren manchmal das seltsame Gefühl von Befreitheit einher, sich nicht mehr an der eigenen, auch Anderen bekannte, Vergangenheit gemessen erklären zu müssen, sondern sich unmittelbar ›neu‹ ausprobieren zu dürfen, derjenige zu sein, der zu werden man eigentlich gewollt hatte – ich selbst. In einer anderen Kultur in verschiedener Weise zu Sprache zu kommen, sich auf das Land und seine Leute einzulassen und offen auf Anderes zu zugehen, Freundschaften zu schließen, sich selbst kennenzulernen, all dazu lädt ein Aufenthalt in einem anderen Land ein.

So war zumindest meine Erfahrung, als ich während meiner Gymnasialzeit für ein halbes Jahr eine Schule auf einer kleinen Insel namens Salt Spring Island an der kanadischen Westküste besucht habe. Diese knapp sieben Monate waren für mich eine höchst einflussreiche und bewusst erlebte Zeit. Und eine übliche Weise, Eindruck von solchen Aufenthalten zu verschaffen, sind resümierende Erfahrungsberichte, beispielsweise in online Zeitungen oder Zeitschriften oder auch in Form von eigens dafür geschriebenen Web-Blogs. Nicht wenige von diesen zeichnen dabei ein blumiges Bild, wie auch ich es will, wenn ich mit bunten Worten in meine Erinnerungen an Kanada ausschweifen möchte. – Doch das hier ist kein solcher Bericht. Um es gleich schon einmal auf den Punkt zu bringen: Ich würde es so nicht noch einmal machen; könnte ich, würde ich es gern anders machen. Mein Erasmussemester war nicht unbedingt eine super gute Erfahrung, gut allerdings war es, die Erfahrung gemacht zu haben.

Im Folgenden also will ich nun nicht ausmalen, was alles geglückt ist oder über die Schönheit alter italienischer Architektur, von den antiken Ruinen und gewaltigen Bauten schwärmen, geschweige denn vom guten Essen, von Wein, Kaffee und den vielen, blau gehimmelten Sonnenstunden nebst Zitruspflanzen und Oleander in Terrakotta-Töpfen, von Vespern, die mäßig schmale Gassen durchkurven oder gar von  ›la dolce vita‹, ›il dolce far niente‹ oder wilden Erasmus-Partys. Auch werde ich hier weniger über meinen Studieninhalte und die Universität selbst sprechen. Vielmehr möchte ich mit ein paar Einblicken zu bedenken geben, was man auf den ersten Einfall hin nicht unbedingt mit der Stadt verbinden würde. Wer sich überlegt, ebenfalls in Rom einen Erasmusaufenthalt zu verbringen, dem mag dieser Beitrag vielleicht eine willkommene Abwechslung sein, indem er ein etwas nüchterneres Bild zeichnet, als es die Titelblätter mancher Urlaubsmagazine zeigen.

Man verstehe mich nicht falsch. Ich möchte keinesfalls von einem Erasmus-Semester oder einem Aufenthalt in Rom abraten. Wer sich dazu entschließen sollte, kann, ganz sicher, herrliche Erlebnisse und Eindrücke machen. Auf Grund meiner bisherigen Auslandserfahrung bin ich der Idee und dem Umstand, in anderen Ländern leben und lernen zu können, durchaus dankbar und wohlwollend gegenüber aufgeschlossen; auch ist Rom eine reizvolle Stadt. Doch gibt sich die Erfahrung jener römischen Reizfülle anders, wenn man nicht für nur eine Woche mit der Besichtigung des eindrucksvollen Stadtzentrums bei gelato oder pasta und pizza zubringt. Rom ist eine Metropole. Allein, wenn man auf der deutschen Wikipedia-Seite nach ›größte‹ sucht, finden sich zahlreiche Superlative auf internationaler Ebene. So übersteigt Rom flächenmäßig das in dieser Hinsicht oft als exemplarisch groß angeführte Paris um ein Weites. Wer also in Rom ein Semester lang studieren möchte, muss sich darüber im Klaren sein, was einen erwarten könnte und was man sich selbst von dem Aufenthalt und seiner Zeit an jenem Ort verspricht.

Städtisches Wohnen, studieren und leben

Nach Rom wollte ich vor allem aus Gründen des Studiums. Mein bisheriger Schwerpunkt ist die Beschäftigung mit antiker griechischer Philosophie. Weil aber in Freiburg das Philosophische Seminar sehr klein und dieser Forschungsschwerpunkt mit nur einer Professur weniger als schmal aufgestellt ist, habe ich mich bei meiner Wahl eines Studienortes im europäischen Ausland besonders daran und an der fachlichen Expertise meiner Dozierenden orientiert. In Rom gibt es gleich mehrere Lehrstühle nur für diesen Forschungsbereich. Dabei wollte ich mein Studieninteresse mit meinem langjährigen Wunsch verbinden, die italienische Sprache zu erlernen. Und da Freiburg besonders viele Kooperationen mit italienischen Universitäten hatte, gewann Rom zunehmend an Attraktivität.

Studiert habe ich an der Sapienza – Università di Roma, welche nicht nur Italiens, sondern gleich Europas größte Universität ist und als sogenannte Massenuniversität über hunderttausend Studierende zählt – eine gewaltige Universität mit einem eigenen weitläufigen Campusgelände, der Città Universitaria. Ihr Philosophisches Seminar jedoch ist der Universität in das Anwesen der Villa Mirafiori ausgelagert. Jene liegt weiter außerhalb des berühmten Stadtkerns und wird umgrünt von einer mit alten, bewachsenen Steinmauern umfriedeten und baumbestandenen Parkanlage, gleich einem philosophischen Garten gedankenversunkenen Lustwandelns. Ein kleines Café steht dort, beblühmt von Wolken fliederfarbenen Bougainvillea, bunte Vögel schwirren zwischen Palmenblättern, ein kleiner Teich plätschert hin und wieder.

Diese womöglich idyllisch anmutende Darstellung lässt allerdings aus, dass jenes Kleinod umgeben wird von mehrspurigen, in den Stoßzeiten teils laut befahrenen Straßen schlechten Zustandes. Tatsächlich also wird die Szenerie beständig vom unentwegten Tosen des Verkehrs oder von scharfem Gelärm umliegender Baustellen durchtönt, den das Grün und die Mauern des Anwesens nur leidlich abzumildern vermögen. Je weiter man sich vom Stadtzentrum und den atmosphärischen Hochpunkten entfernt, desto mehr weichen die altehrwürdigen Bauten gewöhnlicheren Wohnblöcken, Parks verschwinden hinter hohen Mauern und an den Gehwegen stehen zwar zahlreich, aber stets überfüllt verschiedene Müllcontainer, deren Hinweise zum richtigen Recycling mehr Deko als Weisung sind. Denn Müll wird in der Millionenstadt, meiner Erfahrung nach, so gut wie nirgends getrennt, weder im Privaten, noch im Öffentlichen – aber reichlich produziert. Überhaupt sind viele der Bürgersteige weniger sauber als in Deutschland. So wird der eilige Gang in und durch die Stadt zum Slalomlauf, bei dem das Ausweichen der zahlreichen Hinterlassenschaften unzähliger Vierbeiner besondere Aufmerksamkeit verlangt. Gerade an warmen Tagen entwickeln sich mancherorts atemberaubende olfaktorische Kakofonien.Das Anwesen der Villa Mirafoiri lag nicht weit von solcherlei Straßenzügen, in welchen auch ich wohnte. Die WG, in der ich ein Zimmer gefunden hatte, lag schlappe zehn Fußminuten von der Villa entfernt, was für die Millionenstadt geradezu luxuriöse Entfernungsverhältnisse sind. Dort wohnte ich also mit fünf anderen zusammen; einige davon waren ebenfalls Erasmusstudierende, mal aus Spanien, mal aus den Niederlanden oder Frankreich, aber auch italienische Studierende oder berufstätige Erwachsene waren dabei.

Stadt statt Städtchen

Wie sich bis hierher womöglich schon andeuten mag, war ich etwas naiv in der Wahl meines Studienortes, hatte ich doch nie zuvor Rom besucht und mich stattdessen auf das Hörensagen und die szenischen Schilderungen begeisterter Urlauber beschränkt. Zwar wusste ich, dass Rom eine Stadt anderen Ausmaßes als Freiburg ist, einen gewissen Kontrast hatte ich durchaus erwartet und gewollt. Von der tatsächlichen Reizfülle allerdings war ich überwältigt.

Ich komme aus einem kleinen Dorf in der Nähe Lübecks, welches weniger als 500 Einwohner zählt, und nun studiere ich im beschaulichen Städtchen Freiburg. Ich bin daher von Haus aus an ruhige Landstriche gewohnt. Ständig gemauerte, geflieste, betonierte Wände, Tore, Türen, Mauern und Zäune zu sehen, einer richtigen Aussicht beraubt zu sein, – das fühlte sich an, als ob man ständig ein Brett vor dem Kopf hätte, als verlöre ich Weitsicht, weil ich gegen das Gemenge und Gelärm mich weitgehend sinnlich abschottete. Und all überall sind Autos und Motorroller, parkend, surrend, klappernd, hupend, quietschend bremsend, beschleunigend, puffend, knatternd, dröhnend. Das erste, was ich bei meiner Rückkehr in Freiburg überrascht wahrgenommen habe, war süßer Blumenduft und klare, frische Nachtluft in einer leise schlafenden Stadt, als ich auf meinem Heimweg am Stadtpark entlang schlenderte – und das, obwohl mir das vermeintlich laute Freiburg jedes Mal nach einem Ausflug in die Natur gestunken hatte. Gerade diese großspurigen und vor allem die langen Wege und ständig befahrenen, weiten Straßenzüge waren es, die mich in Rom mehr und mehr in die schützenden, schirmenden Räumlichkeiten meines Zuhauses oder in die Bibliothek der Villa trieben. Und wer wie ich hübsche Szenerie in drängenden Menschenmassen nicht so ganz genießen kann und beim Gang in Museen oder Ausstellungen nicht dauernd mit Personenströmen drängeln möchte, oder wer nicht, um im Park joggen zu gehen, erst einmal eine Viertelstunde an vierspurigen Fahrbahnen entlang trotten möchte, – der bleibt eher mal bei guter Lektüre im Zimmer oder wagt sich sonntags früh morgens raus, wenn der Abend schläft und die Stadt noch im Aufwachen begriffen ist.

Den Verkehr in Rom empfand ich deshalb so auszehrend, weil er einen so unentwegt begleitet. Ständig ist etwas los auf den Fahrbahnen und Bürgersteigen, in den Straßen und auf den Plätzen. Dabei sind die Verkehrsregeln mehr unverbindliche Vorschläge als ernstzunehmendes Regelwerk. Die Fahrten mit dem öffentlichen Nahverkehr, sprich Metro oder Bussen, sind unter anderem durch mehrmaliges Umsteigen an stark frequentierten Haltestellen, mithin in Stoßzeiten durch allseitigen, engsten Körperkontakt mit Fremden sowie durch permanentes Scheppern und Klappern gekennzeichnet. Und für eine gewisse Zeit mag dieses geschäftige Treiben durchaus seinen Reiz haben. Lässt man die Haltestellen hinter sich, gelangt man ins aufgeweckte Treiben des Tag- und Nachtlebens einer Stadt, in der immer etwas passiert, und manchmal scheint es, als passiere gerade deshalb eigentlich nichts. Hin und wieder abends im Stadtteil Trastevere zu flanieren, hat eigentümlichen, cineastischen Charme: Man läuft durch Straßen, die gesäumt sind von Hauswänden, an denen kleine Tische stehen, mit rot-weiß-karierten Stoff bedeckt, in Weingläsern und Besteck glänzt fleckig warmes Laternenlicht, in glasigen Augen leuchtet Kerzenschein, Brot liegt in kleinen Körben dar, irgendwo spielt Musik, die Leute lachen, es wird gespeist und gespaßt. Doch das alltägliche Leben, Studieren und Wohnen gestaltet sich, wie ich finde, nicht immer ganz so touristisch ausgelassen.

Naiv war ich auch in anderer Hinsicht. Mit dem Erlernen der italienischen Sprache hatte ich gerade einmal ein halbes Jahr vor Antritt der Reise begonnen. Zwar in vielerlei Weise, in einem Semester-Sprachkurs, Privatunterricht und mit dem Besuch einer Sprachschule in Bologna. Ich wollte mir, mit Blick auf die anspruchsvollen Studieninhalte, vor allem einen passiven Wortschatz aneignen, der auf die Beschäftigung mit philosophischen Inhalten zugeschnitten war. Meine Erfahrung ist, dass sich das Erasmus-Halbjahr jedoch weniger zum Erlernen einer noch beinah gänzlich ungeübten als vielmehr zum Festigen einer bereits erprobten Sprache eignet. Wer aber tatsächlich der Sprache wegen ein solches Auslandssemester anstrebt, der tut gut daran, sich fundiert vorzubereiten, sich die Grundgrammatik und einen aktiven Alltags-Wortschatz anzueignen. Denn die Sprachkurse der Sapienza haben weniger die Vermittlung der Grammatik zum Ziel als vielmehr das Sprechen der Sprache. Wer sich damit beruhigen kann, im Gespräch gegebenenfalls unterstützend auf die englische Sprache ausweichen zu können, dem sei gesagt, dass erstaunlicherweise eher wenige meiner Kommilitonen Englisch wirklich sprachen oder verstanden, mit Ausnahme der Teilnehmer an englischsprachigen Master-Seminaren. Um aber mit Anderen längerfristig und tiefgehender in Kontakt zu kommen, bedarf es bekanntlich mehr als gefälligem, oberflächlichen Smalltalk; und möchte man das, so sollte sich wohl einer gewissen Eloquenz befleißigt werden, mit der man sich erst dazu befähigt, sich verständlich zu machen und persönliche Gespräche zu führen.

Was ich also anders machen würde?

Meine Zeit in Rom war durchaus keine reine Zeitverschwendung. Doch ich hätte sicherlich mehr daraus machen können, wenn ich mir ein klareres Bild von meinen Ansprüchen und Erwartungen sowie von dem, was mich tatsächlich vor Ort erwartet, gemacht hätte. Das nächste Mal würde ich mich vorher sprachlich länger geübt haben wollen oder ich würde stattdessen einen englischsprachigen Studienort wählen, um mein Arbeiten und wissenschaftliches Schreiben in englischer Sprache weiter auszubauen. Ich würde den angepeilten Wohn- und Studienort, sofern noch unbekannt, zuvor eine Zeit lang erkunden und dann – anstatt zu viele Kompromisse einzugehen – eher mit dem Auslandsaufenthalt (via Erasmus) warten und gegebenenfalls erst im Masterstudiengang zwei Semester lang einen solchen absolvieren und mir dabei mehr Zeit zu lassen. Letztlich kann ich sagen, dass mich in Rom zu leben und zu studieren vielerweise bereichert hat und ich die schönen und guten sowie die wichtigen Erfahrungen nicht missen möchte. Und was ist schon ein halbes Jahr in einer Stadt, die drei Jahrtausende Geschichte atmet? Nach diesem halben Jahr erst bin ich eigentlich soweit, bald wieder meinen Weg nach Rom zu lenken, und dann, weil ich ein wenig besser weiß, was mich erwartet.

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