Vienna Calling: Vorurteile und Wirklichkeit meines Auslandssemesters

Vienna Calling: Vorurteile und Wirklichkeit meines Auslandssemesters

„Wien? Das ist doch kein Ausland!“ Wie oft ich das schon gehört habe. Es ist meistens die Reaktion darauf, wenn ich von meinem Auslandssemester erzähle. Irgendwie erwartet das Gegenüber etwas Anderes, vermeintlich Außergewöhnliches oder Exotisches und sieht mich fast enttäuscht an, wenn ich von Österreichs Hauptstadt berichte.

Wieso das Nachbarland, in dem nicht einmal eine andere Sprache gesprochen wird? Abgesehen vom Dialekt natürlich, der von vielen so belächelt wird. Ja, wieso Wien? – Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, wo ich da anfangen soll.

Von Pragmatismus und Bauchgefühl

Ich wusste ziemlich schnell, dass die Kulturanthropologie meine Leidenschaft ist. Das Studium bietet mir alles, was ich brauche: die Möglichkeit kritisches Denken zu erproben, kulturelle Zusammenhänge und Alltagswelten deutend zu verstehen und Fragestellungen zu entwickeln, die sich auch „großen“ gesellschaftlichen Problematiken und Phänomenen zuwenden können. Für mein Auslandssemester war also klar: Ich wollte Kulturanthropologie dort – wo auch immer das sein sollte – möglichst weiterstudieren. Die Entscheidung ins Ausland zu gehen, fiel bei mir aber doch sehr spontan. Vor Weihnachten sprach ich auf dem Flur des Instituts kurz mit der Koordinatorin des Erasmus-Programms. Im neuen Jahr setzten wir uns dann nochmal zusammen, und besprachen meine Möglichkeiten – die aufgrund meiner fehlenden Sprachkompetenzen und den Anforderungen der meisten Austauschunis begrenzt waren. Was da übrig blieb, und mir am meisten zusagte, war Wien. Es war also keine Liebe auf den ersten Blick, sondern eher eine pragmatische Entscheidung. Ich wollte im Ausland studieren und Wien kam mir da gelegen. Damals hatte ich noch keine Ahnung, was mir die Stadt und meine Zeit dort später bedeuten würde.

Burggarten, Wien / Laura Marie Steinhaus

Keine Sprachtests = keine Verständigungsprobleme?

Fünf Monate später kam ich früh morgens mit dem Nachtzug in Wien an. Zum Frühstück gab es Kaisersemmel“ – für mich als Norddeutsche schon recht seltsam. Und obwohl ich mir vorgestellt hatte, dass Wien ein nicht allzu ungewohntes Umfeld für mich sein würde, war es doch schlicht und ergreifend anders. Mülleimer waren hier Mistkübel, die Straßenbahn eine Bim und die Tüte ein Sackerl. Ich brauchte Wochen bis ich mich traute, an der Kasse – ich korrigiere: Kassa – Grüß Gott zu sagen, ohne mich in Grund und Boden zu schämen, weil ich immer dachte, alle wüssten, dass ich nicht von hier bin. Ich zahlte bald nicht mehr mit Karte, sondern mit Bankomat. Zum Abschied gabs kein „Tschüss“ mehr, sondern ein fröhliches „Baba“. Ich sagte nicht mehr „cool“, sondern sowas wie „ur leiwand“. Und wenn etwas nicht passte, sagte ich, „das geht sich nicht aus“.

Immer wieder fragten mich Leute aus der Heimat, wie ich mit „den Wienern” klar kommen würde, mit ihrer unfreundlichen Art. Mit solchen Vorurteilen wurde ich in meiner Zeit dort oft beladen. Ich meinerseits war immer „die pünktliche Deutsche”, die Ordnung zu halten wusste. Ich wurde in politische Diskussionen verwickelt, wurde gefragt, wieso „meine“ Merkel Deutschland so gegen die Wand fahren würde. Ich war unfreiwillig Zeugin einer Kundgebung der FPÖ und Straches Hetz-Reden. Was ich damit sagen will: Österreich ist nicht der Abklatsch von Deutschland oder was immer manche Leute sich darunter vorstellen mögen. Es ist ein Land mit eigenen politischen Spannungen, zivilbürgerlichem Engagement und architektonischen Meisterwerken sowie einer beeindruckenden Landschaft. Wien ist auch die Ruhe in Kaffeehäusern und das Treiben am Gürtel, das Flanieren in Schönbrunn und das Geschrei auf dem Naschmarkt. Romantisierte Fiakerfahrten und stickige Luft in der U6. Tänzelnde Pferde der Spanischen Hofreitschule und Drogen am Donaukanal. Klassische Prunkbauten am Ring und sozialer Gemeindebau wie der Karl-Marx-Hof. Und wer nicht weiß, was das alles ist: auf nach Wien!

Wien / Laura Marie Steinhaus

Gegen das Narrativ

Ihr seht, mein Herz schlägt für die österreichische Hauptstadt. Aus einer gar nicht so durchdachten Entscheidung wurde ein Glücksgriff. Welchen Einfluss die Ähnlichkeit des Instituts und die Fachausrichtung auf mein Studium haben würden, verstand ich aber erst, als ich an der Uni meine Kurse belegte. Die nicht vorhandene – oder sehr geringe – Sprachbarriere ermöglichte es mir, mich an den Kursen und den Diskussionen so zu beteiligen wie an meiner Heimatuniversität. Ich lernte neue Fachströmungen kennen, durfte Vorträge von deutschsprachigen Vertreter*innen der Kulturanthropologie hören, von denen ich teilweise schon gelesen hatte, und konnte meine Feldforschung selbstsicher antreten. Am Wiener Institut konnte ich meinem Interesse an Stadtforschung nachgehen, las neue Texte und verfestigte bereits gelernte Konzepte. Ich studierte wirklich Kulturanthropologie, nicht nur ein ähnliches Fach, sondern das, was mich so begeistert. Dem Erasmus-Programm wird oft nachgesagt, dass Studierende es nur nutzen würden, um in einem anderen Land zu feiern und eine gute Zeit zu haben, das Studium sei meistens hinten angestellt. Für mich war es dabei eher etwas Ganzheitliches. Ich lebte ein halbes Jahr in einem anderen Land, durfte durch Wien vieles über mein Studium, aber auch mich selbst lernen.

Im Auslandssemesters an einer deutschsprachigen Universität zu studieren, erscheint vielen als der „einfache Weg“, der, der nicht ganz ernst zu nehmen ist. Vorschnell wird daraus geschlossen, es gäbe keinen wirklichen Erfahrungswert – keine Fremdheitserfahrung, keine Herausforderung. Das habe ich schon so oft gehört. Dabei muss ich immer in mich hineinlächeln und denken: Ihr habt ja keine Ahnung. Ich halte zwar meistens Abstand von überspitzten Aussagen, aber es wäre nicht zu viel gesagt, wenn ich euch verrate, dass der Aufenthalt in Wien mich verändert hat. Ich denke fast wehmütig an die Zeit zurück, an alles, was ich lernen und erleben durfte. Und daran, wie spontan und zufällig die Entscheidung für Wien eigentlich gefallen ist.

Dass ich wirklich von meinem Auslandssemester in Wien begeistert bin, schreibe ich nicht nur, man kann es auch hören: 

 

Beitragsbild: Laura Marie Steinhaus

 

 

Schreibe einen Kommentar