Die Schattenseiten der Diskurse über Geschlecht, Gender und ihre Forschung

Die Schattenseiten der Diskurse über Geschlecht, Gender und ihre Forschung

Diskussionen über die Themen Geschlecht beziehungsweise Gender und ihre Forschung sind in der Kulturanthropologie selbstverständlich. Oder besser: Sie sollten es sein. Denn die Gender Studies stehen immer häufiger unter Beschuss – mit folgenschweren Konsequenzen für Studierende und Wissenschaftstreibende.

Dabei bieten entgegengesetzte Meinungen zu einem Thema und die damit verbundene Diskussion das Potenzial, über den eigenen Tellerrand zu schauen. Geschlechterthemen scheinen dabei jedoch einen sensiblen Nerv zu treffen. Denn einige Individuen wie auch Kollektive fühlen sich veranlasst, gegen die Gender Studies in den Kampf zu ziehen. Die Art des gegenwärtigen Diskurses ist nicht konstruktiv, sondern destruktiv ausgerichtet und zielt auf die Stummschaltung von Vertreter_Innen der Geschlechterforschung ab. Die Machtkämpfe werden in Hörsälen und vor Gericht ausgetragen.

Der Kampf gegen die Geschlechterforschung

Der Verein Deutsche Sprache (Vds) fordert Schüler_Innen und Student_Innen dazu auf, gegen Lehrpersonen, die eine gegenderte Sprache voraussetzen, gerichtlich vorzugehen und bietet hierfür sogar finanzielle Unterstützung an. Den Aufruf „Schluss mit Gender-Unfug!“ des Vereins haben im Übrigen 107 Individuen mit weiblicher Geschlechtskennung unterzeichnet und 363 mit männlicher, also rund dreimal so viele, darunter zahlreiche Vertreter aus Adel, Kirche und Wirtschaft. Die Liste ist auf der Webseite des Vereins einsehbar.

Deutlich weitreichender dürfte die Einflussnahme des Vatikans auf die Thematik sein. In einer seiner kritischen Stellungnahmen bezeichnet das Zentrum der römisch-katholischen Kirche die Gender Studies als eine ideologische Kolonialisierung, die die Grundlagen des Familienkonzepts überflüssig macht. In diesem Sinne macht der Vatikan den Gender Studies als Bildungsauftrag eine klare Kampfansage und bezeichnet sie als:

„Ideologie, […] die gemeinhin Gender genannt wird und die den Unterschied und die natürliche Aufeinander-Verwiesenheit von Mann und Frau leugnet.“ (Versaldi 2019)

Nicht weniger radikal hat es der Internetblog Sciencefiles auf die Gender Studies abgesehen. Zwischen einem kruden Mix aus ARD-Bashing und Corona-Verschwörungen wird den Gender Studies jegliche Form von Wissenschaftlichkeit abgesprochen. Sciencefiles zufolge hängen sich die Gender Studies an sogenannte “Wirtsfächer” an, darunter auch die Kulturwissenschaft, um dadurch fehlende Wissenschaftlichkeit “vorzugaukeln”. Und alles nur, um politische Einflussnahme und eine sozialstrukturelle Umstrukturierung durchzusetzen – natürlich auf Kosten der Steuerzahler_Innen. Vor namentlichen Denotationen und Diskreditierungen von Wissenschaftler_Innen, die sich mit dem Themenfeld beschäftigen, wird dabei nicht zurückgeschreckt.

Eine folgenschwere Kontroverse

Die Folgen dieser Art der Antihaltung sind nicht zu unterschätzen. Ganz im Sinne des Vatikanischen Bildungsauftrages wurde 2018 das Masterstudienfach Geschlechterforschung in Ungarn aus den Universitäten verbannt. Die wissenschaftlichen Karrieren der Absolvent_Innen und der Lehrenden bleiben hierbei auf der Strecke.

Die Europäische Ethnologin und Philosophin Dr. Marion Näser-Lather, die am Zentrum für Gender Studies und Feministische Zukunftsforschung der Uni Marburg forscht, führte in Hinblick auf Sciencefiles eine Fallstudie zu Argumentationen des Antifeminismus und Anti-‚Genderismus’ durch. Darüber hinaus charakterisierte sie den Blog als rechtspopulistisch. In diesem Zuge erhielt Näser-Lather von den Mitwirkenden des Blogs eine Unterlassungsklage, wodurch sie ihre wissenschaftliche Arbeit vor Gericht verteidigen musste. Auch wenn die Klage gescheitert ist, hat sie dennoch rufschädigende Auswirkungen und kann sich negativ auf die Karriere der Wissenschaftlerin auswirken.

Warum die Geschlechterforschung weitergehen muss

Das Ziel der Geschlechterforschung ist es nicht, der Gesellschaft eine unwillkürliche alternative Sprache aufzuzwingen, wie vom Verein Deutsche Sprache behauptet wird. Stattdessen wird unter anderem darauf hingewiesen, dass Geschlecht durch Sprache produziert wird. Schon Judith Butler stellt im Zusammenhang von Sprache und Geschlecht fest, dass manche

„Kontexte mit bestimmten Sprechakten in einer Weise zusammenhängen, die nur schwer zu erschüttern ist.“ (Butler 2006, S. 84)

Darüber hinaus wird auf gesellschaftliche Machtverhältnisse aufmerksam gemacht, die den Geschlechterdifferenzen zugrundeliegen. Simone de Beauvoir, eine Vorreiterin der heutigen Gender-Studies, äußerte sich Mitte des 20. Jahrhundert über diese gesellschaftlichen Machtverhältnisse folgendermaßen:

„[…] Der geschichtliche Überblick hat gezeigt, daß die Männer immer alle konkretere Macht in den Händen hatten. Seit den frühen Zeiten des Patriacharts haben sie es für nützlich befunden, die Frau in einem Zustand von Abhängigkeit zu halten.“ (de Beauvoir 2018, S. 190)

Nun hat sich seit der Zeit von Beauvoir einiges an den Machtverhältnissen geändert, was unter anderem der Geschlechterforschung zu verdanken ist. Allerdings sind Machtverhältnisse aufgrund von Geschlechterdifferenzen immer noch in unserer Gesellschaft verankert, weswegen die Geschlechterforschung und der Diskurs darüber nicht enden dürfen. Insbesondere geht es dabei darum, neben offensichtlichen auch subtile Strukturen herauszustellen, die weiterhin asymmetrische Machtverhältnisse (re-)produzieren.

Darüber hinaus betreibt die Geschlechterforschung eine Dekonstruktion der Heteronormativität. Mit der Vorannahme, dass Heteronormativität als Norm gilt, beschäftigen sich die Gender Studies mit dem, was sich quer zur Norm befindet. So gesehen gibt sie denen, deren Identität, sexuelles Begehren oder auch Lebensvorstellungen entgegen der Norm stehen, eine wissenschaftlich begründete Daseinsberechtigung. Eine Daseinsberechtigung, die der gesellschaftlichen Vielfalt und der Vielfalt von Lebensentwürfen eine weitere Grundlage bietet. Der Geschlechterforschung ihre Daseinsberechtigung abzusprechen bedeutet gleichzeitig auch, Gruppen, die sich abseits der heteronormativen Norm befinden, nicht anzuerkennen.

Zum Weiterlesen:

 

Quellen:

  • de Beauvoir, Simone (2018) [18. Aufl.]: Das andere Geschlecht. Sitte und Sexus der Frau. Reinbek bei Hamburg.
  • Butler, Judith (2006): Hass spricht. Zur Politik des Performativen. Frankfurt am Main.
  • Versaldi, Giuseppe (2019): Kongregation für das Katholische Bildungswesen. Als Mann und Frau schuf er sie. Vatikanstadt.

 

Bild: Svenja Brendler

 

 

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