Hannah Arendt –  Ein wegweisendes Vorbild in den Kulturwissenschaften

Hannah Arendt – Ein wegweisendes Vorbild in den Kulturwissenschaften

Die deutsch-jüdisch-amerikanische politische Theoretikerin Hannah Arendt (1906–1975) war eine begnadete Denkerin und eine vorbildliche Persönlichkeit. Von ihrem Mut erzählen ihre Schriften und ihr Leben. Seit vielen Jahren ist Hannah Arendt für mich eine Quelle der Inspiration, die einerseits Halt(ung) schenkt und andererseits Freiheit verspricht.

„Die Philosophie hatte Arendt auf einen Weg des Denkens über Politik und die soziale Welt gebracht“, der es „in einem ganz praktischen Sinne […] für uns noch heute ist; denn er steht sowohl der Demagogie ideologischen Denkens entgegen wie dem sektiererischen Glauben ‚theoretischer Intellektueller‘ […].“ (Brightman 1995: 19)

Arendts Schriften zu Partizipation, Pluralität[1] und politische Öffentlichkeit als Grundvoraussetzungen für ein friedliches gesellschaftliches Miteinander spielen in unserem Fach eine wichtige Rolle und können uns gerade heute ermutigen. „In Zeiten historischer Krisen“, schreibt Arendt, „hört in politischen Angelegenheiten das Denken auf, eine marginale Sache zu sein, weil diejenigen, die die Fähigkeit zum kritischen Denken besitzen, nicht, wie alle anderen Nicht-denkenden mitgerissen werden.“ (Arendt 1985: 140) Mit dieser Haltung schenkt Arendt Menschen aus aller Welt Orientierung und Hoffnung.

(Selbst-)Denken und Analysieren

Zeitlebens setzte sich Arendt mit dem Denken als einem Prozess auseinander, durch welchen „wir uns in eine andere Welt hineinbewegen.“ (Arendt 2016: 133) In diesem Raum des Denkens und Nachdenkens außerhalb der Raum- und Zeitachse, in dem Alter, Geschlecht und Zugehörigkeit keine Rolle spielen, schuf Hannah Arendt zeitlos anwendbare Analysen und Theorien zu Politik und Gesellschaft.

„Im Akt des Denkens – ob er sich nun auf Angelegenheiten des Herzens, die Straßenkriminalität, Studentenrevolten oder Black-Power-Bewegung richtet – überquert besonders Arendt immer wieder, hin und zurück, jene Kluft, die normalerweise die Erfahrung des Alltagslebens von seiner Betrachtung trennt. Das Wesentliche an dieser Art des Denkens ist seine Fähigkeit, die Welt in ein schärferes Licht zu rücken, und nicht nur unsere Erfahrung der Welt, sondern die Welt selbst; sie frei zu machen von Aberglauben, Gefühl und Theorie, welche nur der Drapierung dient.“ (Brightman 1995: 17)

Indem Hannah Arendt die Welt zu entmystifizieren verstand, konnte sie sie ergründen. Ihre Erkenntnisse über Totalitarismus zum einen und Demokratie zum anderen sind in ihren zwei Hauptwerken nachzulesen: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951) und Vita Activa (1958, unter dem englischen Titel The Human Condition). In ihrem 1963 erschienen und kontrovers diskutierten Buch Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen zeigt Arendt in radikaler Weise auf, welche zerstörerischen Folgen gerade das Nicht-Denken hervorbringt.

Hannah Arendts Liebe zur Welt

Hannah Arendt dachte, schrieb, urteilte und handelte in jener für sie selbstverständlichen Art und Weise, die sich aus dem amour mundi, aus ihrer Liebe zur Welt speiste. „Der Wille – in seiner funktionalen Wirksamkeit gesehen als etwas Verbindendes – läßt sich auch als Liebe definieren, denn Liebe ist […] die erfolgreichste Bindekraft.“ (Arendt 1979: 100)

Sie fühlte sich nicht nur der Welt verbunden, sondern ihr auch verpflichtet. Das macht Hannah Arendt zu einem inspirierenden Vorbild für viele politisch Aktive, aber auch für Schriftsteller*innen, Journalist*innen und Künstler*innen. Für mich bildet diese Liebe zur Welt jene Brücke, die uns über das Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz hinaus zu den größeren Zusammenhängen führt.

Freiheit, Pluralität und Natalität

Was mich persönlich an Arendts Werk beeindruckt, ist die besondere Freiheit, beziehungsweise Unbeschränktheit ihres Denkens und die präzise, wie poetische Meisterhaftigkeit ihres Schreibens. Ihre Sprache wurde geprägt durch viele deutschsprachige Gedichte und die altgriechische Lyrik, die sie schon im jugendlichen Alter im Original zu lesen verstand. All das steht im Einklang mit ihrem Sinn für das Gemeinwohl. Bei allen individuellen Bestrebungen und des Für-sich-selbst-Denkens geht es Arendt darum, sich stets auf die anderen bezogen zu wissen. Sie spricht vom common-sense, angelehnt an Kants sensus communis.

Arendts Denkräume erwachsen aus den Quintessenzen ihrer Vorbilder, darunter vor allem Philosophen der Antike sowie Kant und Herder. „Bildung sollte“, ihr zufolge, „zur Entwicklung von Individuen führen, die zwar autonom, aber sich auch ihres Platzes in der ‚Kette der Individuen‘, einer Tradition, bewußt“ sind. (Young-Bruehl 2015: 149) Daraus lese ich: Jede und jeder von uns ist einzigartig und wir sind grundsätzlich mit einem freien Willen ausgestattet, wir sollten durch Bildung in die Lage versetzt werden, unser Handeln zu reflektieren und hinsichtlich seiner gesellschaftlichen Folgen kritisch zu hinterfragen. Dadurch kann Pluralität überhaupt erst entstehen. Der von Arendt geprägte Begriff der Natalität verweist auf das Potenzial der Menschheit, die Welt zu verändern, und öffnet Wege für gesellschaftlichen Wandel.

[…] diese geheimnisvolle menschliche Gabe, die Fähigkeit, etwas Neues anzufangen, hat offenkundig etwas damit zu tun, dass jeder von uns durch die Geburt als Neuankömmling in die Welt trat. Mit anderen Worten: Wir können etwas beginnen, weil wir Anfänge und damit Anfänger sind.“ (Arendt 2018: 37)

 

Hannah Arendt (links) und Mary McCarthy (rechts).

 

Freundschaften und Mitstreiter*innen

Tiefe zwischenmenschliche Beziehungen waren Hannah Arendt sowohl privat als auch bei ihrer Arbeit sehr wichtig. Sie konnte auf die Unterstützung ihres Freundeskreises zählen; auf ihren Mann Heinrich Blücher, Karl Jaspers und ihre engste Freundin, die amerikanische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Mary McCarthy. Sich in langen Gesprächen mit vertrauten Menschen auszutauschen, war essentiell für sie. So schreibt Arendt an Jaspers in einem Brief:

„Daß man sich […] spontan alles sagen durfte, ungefiltert und ungeschminkt, und bei allen Differenzen in Einzelheiten doch immer die Verwandtschaft der Denkungsart spürte, wurde das tragende Fundament des Vertrauens.“ (Köhler/Saner 1985: 17)

Den Aspekt des gemeinsamen Austauschs halte ich für sehr wichtig, denn als Einzelne können wir kaum etwas bewegen. Es ist also sicherlich hilfreich, sich bereits in Studienzeiten ein unterstützendes Netzwerk von Mitstreitenden zu schaffen.

Versuchen, zu verstehen

Unsere heutige Welt ist komplex und angesichts der aktuell hitzig geführten Diskurse zu Themen wie Migration, Identität, Wahrheit beziehungsweise Lügen in Politik und Medien sind wir besonders gefordert, offen und kritisch hinzusehen, zuzuhören und sinnstiftende Bezüge herzustellen. Von uns Kulturwissenschaftler*innen kann aufgrund der besonderen Fachgeschichte erwartet werden, die Geschehnisse um uns herum besonders kritisch zu hinterfragen und verantwortungsvoll über unsere Beobachtungen zu berichten; in leicht zugänglichen Artikeln, auf der Straße, in der Universität, im Freundeskreis, aber auch in Milieus, die wir spontan nicht berühren.

Wer also Arendts Beispiel folgt, weitet den eigenen geistigen Horizont und bleibt kritisch gegenüber äußeren Einflüssen; die Medien betreffend sowieso, aber auch in Bezug auf gängige Lehrmeinungen. Letztere wandeln und erneuern sich gerade in unserem Fach in fruchtbarer Weise; man bedenke all die Turns der letzten Jahrzehnte.

Lasst uns erzählen

Wenn wir mit Hannah Arendt versuchen, zu verstehen[2], eröffnen sich uns eventuell Möglichkeiten, etwas Helles[3] im wirren Dickicht verhärteter Fronten zu entdecken. Im Vorwort zu: Im Vertrauen (Brightman 1995), Briefwechsel zwischen Hannah Arendt und ihrer Freundin Mary McCarthy, findet sich folgender Hinweis:

„Die Erlösung kommt […] wenn der Reisende es wagt, von den […] Dingen zu erzählen, die er gesehen hat.“ (Brightman 1995: 20)

 

Fußnoten:

[1] „Sie [Arendt] übernimmt den amerikanischen Begriff der Pluralität und die Ansicht, dass Politik vom Streit geprägt sei. Das heißt nicht nur, dass ich die andere Meinung toleriere, sondern, dass ich sie brauche, weil sie eine Bereicherung ist.“ Grunenberg, Antonia: Hannah Arendt, Denken ohne Geländer (NTV 2006).

[2] „Ich selber wirken? Nein, ich will verstehen.“ (Arendt im Interview mit Gaus 1964)

[3] „Wo Jaspers hinkommt […] und spricht, da wird es hell.“ (Arendt im Interview mit Gaus 1964)

 

Literatur:

Arendt, Hannah (1979): Vom Leben des Geistes II. Das Wollen. München.
– (1985): Das Urteilen.
– (2016): Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I. München, Berlin, Zürich.
– (2018): Die Freiheit, frei zu sein. München

Brightman, Carol (1995): Hannah Arendt – Mary McCarthy. Im Vertrauen. Briefwechsel 1949–1975. München, Zürich.

Köhler, Lotte/Saner, Hans (1985): Hannah Arendt – Karl Jaspers, Briefwechsel 1926–1969. München.

Young-Bruehl, Elisabeth (2015): Hannah Arendt. Leben, Werk und Zeit. Frankfurt am Main.

 

Weitere Quellen (letzter Abruf am 01.08.2019):

“Hannah Arendt – Die Pflicht zum Ungehorsam”, Dokumentation von Ada Ushpiz, 2015. Zu sehen auf YouTube.

“Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus”, das legendäre Interview aus dem Jahr 1964 in voller Länge, ebenfalls auf YouTube.

“Hannah Arendt: Denken ohne Geländer”, Mitschnitt einer Veranstaltung der Körber Stiftung im Rahmen der Hamburger Stiftungstage 2013. Gespräche mit Dr. Antonia Grunenberg, Gründerin und langjährige Leiterin des Hannah Arendt-Zentrums an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg; außerdem Lesung ausgewählter Texte Hannah Arendts. Auch bei YouTube.

 

Bildnachweise:

Bild 1: Graffiti von Patrik Wolters (BeneR1) im Team mit Kevin Lasner (koarts) an Hannah Arendts Geburtshaus. Quelle: Wikimedia Commons.

Bild 2: Hannah Arendt (links) und Mary McCarthy (rechts)
Quelle: Wikimedia Commons.

 

 

Schreibe einen Kommentar