Judith Butler: revolutionäre Gender-Denkerin

Judith Butler: revolutionäre Gender-Denkerin

Judith Butler ist eine bekannte und weiträumig respektierte Denkerin unserer Zeit, deren Werke zwar hohe Aktualität besitzen, jedoch auch sehr kontrovers diskutiert werden. Im Rahmen eines Seminars zur Geschlechtergeschichte wurden mir ihre Theorien erstmals nahegebracht und persönlich empfand ich diese als ausgesprochen interessant.

Die Perspektive der Forscherin erschien mir durchaus revolutionär wenn auch kompliziert und mit großem Potenzial für Kontroversen. Als Philosophin ist ihre Forschung stark theoretisch geprägt, die behandelten Themenfelder entstammen inhaltlich aber auch der Politik und den Sozial- und Kulturwissenschaften. Darüber hinaus betreffen sie im weiteren Sinne auch naturwissenschaftliche Aspekte.

Werdegang

Geboren wurde Butler 1956 in Cleveland Ohio, als Tochter einer Ökonomin und eines Zahnarztes. Das Studium der Philosophie schloss sie 1984 mit der Erlangung des Doktortitels an der Yale University ab. Derzeit ist sie Maxine Elliot Professor in the Department of Comparative Literature and the Program of Critical Theory at the University of California, Berkeley. Zuvor hatte sie eine Professur der Philosophie an der John-Hopkins University in Baltimore inne.

Außerhalb ihrer Arbeitszeit in Berkley engagiert sie sich in Menschenrechtsorganisationen wie dem Center for Constitutional Rights in New York und dem Jewish Voice for Peace[1]. Ihre Arbeit brachte ihr zahlreiche Preise und Auszeichnungen ein, wie etwa den Andrew Mellon Award für GeisteswissenschaftlerInnen, den Theodor-Adorno-Preis der Stadt Frankfurt für ihre Tätigkeit als Feministin oder den Brudner Prize der Yale University für ihr Lebenswerk zum Thema Homosexualität. Sie tritt darüber hinaus weltweit als Gastrednerin an renommierten Universitäten auf.[2] Privat lebt sie mit der Politikwissenschaftlerin Wendy Brown in Kalifornien.

Weniger kontrovers aufgenommene Themen ihrer Publikationen sind Moralphilosophie, Kriegspolitik und der Nahostkonflikt.[3] Als Kind jüdischer Eltern setzt sie sich darüber hinaus auch mit dem Judentum auseinander, wie etwa 2013 in ihrem Werk „Parting Ways. Jewishness and the Critique of Zionism.“ In diesem Kontext kritisiert sie auch den Staat Israel und dessen politisches Vorgehen im Rahmen des Nahostkonflikts.

Wissenschaftlicher Beitrag

Bekannt ist Judith Butler maßgeblich für ihre feministischen Theorien im Bereich der Problematisierung natürlicher Geschlechterdifferenz.[4] Ihr bekanntestes Werk in diesem Feld trägt den Titel „Gender Trouble“ und erschien 1990. Im philosophisch-wissenschaftlichen Kontext sind ihre Werke auch deshalb von Interesse, da sie stets auf ältere Forschungen namhafter Denker Bezug nehmen, wie etwa von Foucault, Nietzsche, Althusser oder Freud, wobei die Autorin deren Thesen durchaus auch kritisch betrachtet. Als Neuerung wahrgenommen wurde hierbei ihre Annahme, dass der biologische Körper erst über einen sprachlichen Diskurs erzeugt wird. Geschlecht ist also nicht ein naturhaft vorausgesetzter Aspekt eines Körpers, sondern das Ergebnis von gesellschaftlichen Machtmechanismen, welche diese Zuschreibung konstruieren. Eine klare Unterscheidung zwischen biologischem Geschlecht und Gender kritisiert sie dementsprechend.[5]

Einer der Hauptkritikpunkte an ihrer Theorie bezieht sich auf die Materialität des Körpers.[6] Argumentiert wird hier mittels scheinbar äußerlich klar ersichtlichen Unterscheidungsmerkmalen zwischen Geschlechtern, etwa Körperbau und Muskelmasse, Menstruation, Körperbehaarung oder die dafür verantwortliche Genetik, also die Ausprägung der Chromosomen.[7] KritikerInnen ihrer Theorie verweisen darauf, dass Unterscheidungsmerkmale, welche bereits bei der Geburt offensichtlich sind, nicht konstruiert sein können. Butler stört sich bei der Betrachtung derartiger Unterschiede an der Tatsache, dass die bisherige wissenschaftliche Lehrmeinung eine Alternativlosigkeit geschaffen habe. Sie bemängelt, dass das Verhältnis zwischen äußeren Merkmalen und ihrem jeweilig zugehörigen Geschlecht als eine scheinbar unhinterfragbare Norm im kollektiven Gedächtnis verankert sei.[8] Gegenbeispiele sind allerdings zu finden und stellen somit eine klare Trennung der Geschlechter allein aufgrund äußerlich erkennbarer Aspekte in Frage. Genannt werden etwa Frauen, die den Stress und die Schmerzen einer oder mehrerer Schwangerschaften und Geburten erleben, oder Sportlerinnen, deren Kraft die eines Durchschnittsmannes übersteigt.[9] Beide Personengruppen werden dennoch allgemein dem körperlich schwachen, weiblichen Geschlecht zugeordnet. Ihre Kritik zielt darauf ab, dass solche Personen von der Gesellschaft letztlich als Unmöglichkeit wahrgenommen werden und ihnen die Legitimität abgesprochen wird, was sich wiederum in Diskriminierung, Ausgrenzung oder gar gewaltsamen Eingriffen zur Richtigstellung von abweichenden Merkmalen äußern kann.[10] AnhängerInnen ihrer Lehre verweisen darauf, dass sich Butler letztendlich mit der Frage beschäftigt, „welches Leben in unserer Gesellschaft wie viel Wert hat und wie viel Schutz erfährt“[11].

Kritische Stimmen

KritikerInnen ihrer Thesen finden sich ebenfalls: So vermeide Butler beispielsweise eine Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen, also etwa konkreten biologischen Themen. Bemängelt wird dies insofern, als dass die moderne Forschung auf diesem Gebiet bereits seit langem akzeptiert hat, dass nicht greifbare, nicht äußerlich erkennbare Merkmale dennoch in die Theorie einfließen können, bis ihre Existenz nachweisbar ist.[12] Diese relativ oft geäußerte Kritik wird von BefürworterInnen als Aggression interpretiert:

„Fast immer werden Butlers Aussagen verfälscht, um ihre Positionen zu diskreditieren und ihre Person zu diffamieren. All das gehört zu den weitverbreiteten Taktiken, Feministinnen mundtot zu machen und das feministische Anliegen per se als Lappalie darzustellen.“ – Lisa Friedrich, Reporterin der Zeit [13]

Größeres mediales Interesse fand auch Butlers Disput mit der Publizistin Alice Schwarzer. Dieser entwickelte sich allerdings nicht direkt um Butlers Theorie zu Geschlechtern, sondern anlässlich der Übergriffe muslimischer Männer auf Frauen. Butler vertritt hierbei die Haltung, dass es als rassistisch betrachtet werden muss, den Islam als solchen zu kritisieren. Die Burka, welche von Schwarzer als Symbol der Unterdrückung betrachtet wird, untersucht Butler auf die positive Assoziation durch die Trägerinnen.[14] Die Kritik ihrer GegnerInnen wie etwa Schwarzer zielt in diesem Kontext auch darauf ab, dass Butlers Rhetorik, welche Minderheiten dienen soll, die Bedürfnisse und das Wohl der Mehrheit vernachlässige.[15] Dies schade dem Ansehen des Feminismus eher als dass es ihm nütze und schrecke Skeptiker in einer Weise ab, die Polemikern wie namentlich Donald Trump zu Gute kämen.

Persönlich betrachte ich die Herangehensweise der Forscherin, scheinbar unanfechtbares Allgemeinwissen anzuzweifeln, als vorbildhaft. Unabhängig davon, ob man ihr letztlich inhaltlich zustimmt oder nicht, regt ihre Arbeit doch zur Reflexion hinsichtlich der Entstehung von Rollenbildern und Zuschreibungen von Geschlechtermerkmalen an.

 

Verwendete und zu empfehlende Literatur:

Bublitz, Hannelore (2002): Judith Butler zur Einführung. Hamburg.

Meißner, Hanna (2012): Butler. Stuttgart.

Villa, Paula-Irene (2003): Judith Butler. Frankfurt am Main.

 

Verwendete und interessante Zeitungsbeiträge:

https://www.deutschlandfunkkultur.de/alice-schwarzer-contra-judith-butler-ueberfaelliger-streit.1013.de.html?dram:article_id=394048 (eingesehen 04.06.2019)

https://www.zeit.de/2017/34/judith-butler-philosophin-kontrolle-feminismus-interview (eingesehen 04.06.2019)

https://www.zeit.de/kultur/2016-06/judith-butler-philosophin-professorin-berkeley-10nach8 (eingesehen 04.06.2019)

 

Endnoten:

[1] https://vcresearch.berkeley.edu/faculty/judith-butler

[2] Ebd.

[3] https://www.zeit.de/2017/34/judith-butler-philosophin-kontrolle-feminismus-interview

[4] Meißner (2012), S. 7.

[5] Bublitz (2002), S. 19.

[6] Villa (2003), S. 79.

[7] Ebd.

[8] Ebd., S. 86.

[9] Ebd.

[10] Ebd., S. 87.

[11] https://www.zeit.de/kultur/2016-06/judith-butler-philosophin-professorin-berkeley-10nach8/seite-2

[12] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/geisteswissenschaften/die-umstrittene-natur-der-sache-judith-butler-wird-60-14086548-p2.html

[13] https://www.zeit.de/kultur/2016-06/judith-butler-philosophin-professorin-berkeley-10nach8

[14] https://www.deutschlandfunkkultur.de/alice-schwarzer-contra-judith-butler-ueberfaelliger-streit.1013.de.html?dram:article_id=394048

[15] https://www.deutschlandfunkkultur.de/alice-schwarzer-contra-judith-butler-ueberfaelliger-streit.1013.de.html?dram:article_id=394048

 

Bildquelle:

Name des Bildes: „Judith Butler cropped” von Jreberlein (Wikimedia Commons, CC BY 2.5).
Einsehbar unter: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Judith_Butler.jpg

 

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