Von Bourdieu zum Buchsbaum

Von Bourdieu zum Buchsbaum

Nach einem Studium der Sozialwissenschaften landet Dennis beim Gärtner. Was lief falsch?

Hecke schneiden, Rasen mähen, Bäume einpflanzen. Dies sind einige der typischen Aufgaben, denen Dennis (26) momentan täglich nachgeht. Auch in die Planung und Gestaltung von Gärten wird er seit kurzem vermehrt eingebunden, denn die Ausbildung zum Gärtner mit der Fachrichtung Landschafts- und Gartenbau beinhaltet mehr als nur einen guten Umgang mit Gartengeräten. Dennis hat viel Spaß bei seiner Arbeit, aber als er vor einigen Jahren sein Abitur machte, hätte er nie gedacht, dass er einmal hier landet.

Bloß kein Jura oder BWL“

Wie viele seiner Freunde ging auch Dennis nach dem Abi erstmal für ein Jahr ins Ausland. Da er auch noch nicht wirklich wusste, was er in Zukunft machen wollte, erschien ihm ein Aufenthalt in Australien als gute Übergangslösung. Wieder in Deutschland stellte er fest, dass er mit seiner Zukunftsplanung noch immer nicht viel weiter war. Da er keine Lust auf Arbeiten hatte, fiel die Wahl auf Studieren. Auch hier wusste Dennis lediglich, was er nicht wollte. „Ich hatte keine Lust auf die Naturwissenschaften, auch die Sprachen interessierten mich nicht wirklich. Am allerwenigsten hatte ich aber Bock auf Jura und BWL.“ So stieß er auf den Studiengang der Sozialwissenschaften. Dieses Studium war interdisziplinär aufgebaut und beinhaltete unter anderem die Soziologie, Kulturanthropologie und Politikwissenschaften. „Das hörte sich alles sehr spannend und abwechslungsreich an. Außerdem gefiel mir, dass ich dort aus einer breit gefächerten Auswahl an Veranstaltungen genau diejenigen besuchen konnte, die mich auch wirklich interessierten.“ So begann Dennis voller Vorfreude sein Studium an der Uni Göttingen.

Die große Ernüchterung

Sieben Semester später: Dennis hat mit viel Mühe und wenig Motivation seinen B.A.-Abschluss erreicht. Glücklich ist er damit nicht. „Bereits im Laufe des Studiums stellte sich bei mir eine große Ernüchterung ein. Es war zwar teilweise wirklich sehr spannend, sich mit einzelnen Theorien und Wissenschaftlern auseinanderzusetzen, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass mich Bourdieu, Foucault oder die Akteur-Netzwerk-Theorie auf einen bestimmten Beruf vorbereiten.“ Die Einsicht, dass dieser Studiengang möglicherweise doch nicht die richtige Wahl sei, kam ihm jedoch erst in den letzten Semestern. „Da ich von den Anforderungen her einigermaßen gut mitkam, beschloss ich, das Studium auch abzuschließen, damit nicht alles umsonst gewesen wäre.“ Nach dem Abschluss war Dennis dann ohne Plan. Weil er definitiv nicht weiter studieren wollte und auch keinen guten Job oder zumindest ein Praktikum in Aussicht hatte, zog er notgedrungen wieder zu seinen Eltern.

Das lief falsch

Rückblickend habe er schon einiges falsch gemacht. „Ich hätte beispielsweise bereits vor Beginn des Studiums mit Studierenden und AbsolventInnen des Faches sprechen sollen. Stattdessen habe ich mich nur auf die Beschreibung des Studiengangs auf der Uni-Homepage verlassen.“ Des Weiteren versäumte Dennis es, sich im Laufe des Studiums Gedanken um seine Zukunft zu machen. Bis auf ein kurzes Pflichtpraktikum im Rathaus hatte er keine weiteren praktischen Erfahrungen gesammelt. Außerdem gab es von der Uni aus viele Veranstaltungen zu möglichen Berufsfeldern für SozialwissenschaftlerInnen. Nach seinen Pflichtkursen hatte Dennis jedoch mehr Lust in der Sonne zu liegen als sich um seine Zukunft zu kümmern. „Die Bestrafung für meine Faulheit und Ignoranz folgte mit meinem Abschlusszeugnis: Neben einer verhältnismäßig schlechten Note war mir klar, dass ich jetzt erstmal wieder bei meinen Eltern wohnen werde.“

Und nun?

Vier Monate später: Dennis ist gerade zum zweiten Mal aus dem Haus seiner Eltern ausgezogen und wohnt mit einigen seiner ehemaligen Mitschüler in einer WG. Als er zu seinen Eltern zog, machten ihm diese gleich klar, dass er in irgendeiner Form arbeiten muss. So begann er in einer Gärtnerei zu jobben. Wider Erwarten machte ihm diese Arbeit sehr viel Freude, sodass er sich dazu entschied, dort auch eine Ausbildung zu beginnen. „Ich war hier sofort glücklich und bin es auch immer noch. Die Arbeit ist zwar hart, aber macht wirklich Spaß. Hier habe ich das Gefühl etwas zu erreichen und sehe am Endes des Tages immer, was ich alles geleistet habe. Außerdem bin ich oft draußen und habe so viel Bewegung, dass weiterer Sport überflüssig ist. Zudem ist es schön wieder in der Heimat zu leben. “ Seine Zeit an der Uni bereut Dennis trotzdem nicht. Er hat in dieser Zeit viele Freunde gefunden und eine Menge Spaß gehabt. „Das Uni-Leben ist natürlich cool. Gerade in den Sozialwissenschaften hat man neben dem Studium viel Zeit für andere Dinge. Man muss bloß das Richtige damit anzufangen wissen.“ Dennis lacht: „Buchsbäume umpflanzen ist aber auch nicht schlecht.“

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