„Was will Mercedes-Benz mit ‘ner Kulturanthropologin?“

„Was will Mercedes-Benz mit ‘ner Kulturanthropologin?“

Nach ihrem Masterabschluss in Kulturanthropologie/Volkskunde an der Uni Mainz war für Merit Dörner (27) klar: Ab ins Ausland! Wie ist nach ihrer Reise quer durch Südamerika der Quereinstieg bei Mercedes-Benz in Maastricht gelungen?

Es ist Montagabend, als ich meine Freundin und ehemalige Kommilitonin Merit anrufe. Ein Auslandsgespräch, denn neben Fernweh hat sie Anfang des Jahres der erste feste Job nach Maastricht in den Niederlanden gebracht. In dem Land, das für seine Hollandräder bekannt ist, arbeitet Merit jedoch für einen Vierräder-Spezialisten; beim Mercedes-Benz Customer Assistance Center. „Unser Studium hatte einfach nichts mit Autos zu tun“, amüsieren wir uns an dem Abend. Und doch wird beim gemeinsamen Reflektieren über die Studienzeit und das Jahr danach klar, wie sie als frisch gebackene Kulturanthropologin bei einem der weltweit größten Automobilkonzernen landen konnte.

„Einfach mal querbeet Bewerbungen raushauen.“

Nach ihrem Masterabschluss beschloss Merit ihren lange gehegten Traum einer Südamerikareise zu realisieren: Vier Monate reiste sie mal alleine, mal mit anderen Backpackern vom Karneval in Rio nach Nicaragua, Costa Rica, Panama und schließlich Kuba. Zurück in Deutschland ließ sie das Fernweh nicht los: Sie erweiterte die Suche nach Stellenausschreibungen auf die Niederlande und entdeckte über einen Newsletter, dass Mercedes-Benz in Maastricht MitarbeiterInnen für die sogenannten Customer Services Representatives suchte. „Ich wusste nicht hundert Prozent, was das für eine Stelle ist, nur, dass es in Richtung Kommunikation und Kontakt mit Kunden geht. Und dann dachte ich, das kannst du eigentlich nicht unversucht lassen und hab halbblind mal eine Bewerbung rausgehauen.“, erinnert sie sich. Diese „Einfach mal machen!“-Einstellung zahlte sich aus: Prompt folgte ein Bewerbungsgespräch via Skype und die Einladung zum Assessment-Center. Hier wurden einen Tag lang schriftliche und mündliche Aufgaben gestellt, bei denen es, wie Merit feststellt, hauptsächlich um die „soft skills, also wie man miteinander kommuniziert und im Team arbeitet“ ging. Wenige Tage später wurde ihr ein Job im Customer-Service-Center, der Kundenkontaktstelle für alle Anfragen, Beschwerden und Pannenfälle von Mercedes-Benz in Europa, angeboten.

„Was wollen die mit einer Kulturanthropologin?“

Merit sagte den Job zu und arbeitet nun seit März 2018 in einem internationalen Team. Mittlerweile wurde sie ins sogenannte „IcomH“-Team – International Complaints Handling – befördert. Heißt: Sie bearbeitet internationale Kundenanfragen, vermittelt zwischen Kunden und Händlern bzw. Werkstätten, übersetzt und leitet Beschwerden und Problemstellungen jeglicher Art an die zuständigen Stellen weiter. Das kulturwissenschaftliche Studium hilft ihr dabei manchmal ganz offensichtlich, manchmal unterschwellig weiter:

„Wir machen quasi das ganze Beschwerdemanagement, mehrsprachig und interkulturell. Das ist sehr spannend, wenn man Kulturanthropologie studiert hat und ein bisschen diese interkulturelle Sensibilität mitbringt. Zum Beispiel bei Terminabsprachen: Wenn ein Spanier sagt wir machen das schnell, heißt das nicht dasselbe, wie wenn ein Deutscher das sagt. Diese kulturellen Unterschiede merkt man auch im Umgang miteinander: Wenn ein Japaner sagt, wir machen das, ist das nicht unbedingt die gleiche Zusage wie von einem Franzosen.“

Interkulturelle Kompetenz, also ein gewisses Feingefühl für kulturelle Differenz, hilft Merit in ihrem Berufsalltag. Ein vergleichsweise offensichtlicher Vorteil für eine Kulturanthropologin, die für ihre Bachelor- und Masterarbeit interkulturell geforscht hat. Doch ein geisteswissenschaftliches Studium fördert und stärkt vor allem auch soziale Kompetenzen:

„Bei uns ist es eben sehr wichtig, dass man eine schnelle Auffassungsgabe hat. Du kriegst eine E-Mail oder einen Anruf weitergeleitet und musst schnell verstehen, worum es eigentlich geht und wie du weiter verfährst. Unter Umständen musst du das Ganze übersetzen und dann mit Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen kommunizieren. Das sind alles diese soft skills, die wir aus dem Studium mitnehmen; sich Sachen selber anzueignen und nicht nur sprachlich zu übersetzen, sondern auch für sich zu übersetzen, was bedeutet das und was muss ich damit machen?

Die Fähigkeit, selbstständig zu arbeiten, komplexe Sachverhalte erschließen, herunterbrechen und anschließend vermitteln zu können, bildet den Kern jedes guten Referats, jeder Haus- und Abschlussarbeit. Wie diese wissenschaftlichen Arbeiten im Detail bewertet werden, ist für die meisten Jobs später absolut zweitrangig. So auch bei Merit:

„Das ‚gewisse Etwas‘ ist wichtiger als die Abschlussnote.“

Ausschlaggebend ist für die meisten Arbeitgeber*innen nicht das Abschlusszeugnis, sondern die Selbstprofilierung: Praktika, Nebenjobs, soziales Engagement oder – wie in Merits Fall – Sprachkenntnisse und Auslandserfahrungen heben einen von anderen Bewerber*innen ab:

„Ich habe schon beim Bewerbungsgespräch gemerkt, dass gar nicht auf Noten oder mein Nebenfach eingegangen wurde. Aber sie waren sehr interessiert daran, dass ich alleine durch Mittelamerika gereist bin. Das zeigt ja, dass du dich neuen Dingen annehmen kannst, dass du dich neuen Situationen und Leuten stellst. Und dass du jemand bist, die gut und schnell in Kontakt mit anderen Menschen treten kann und mit Stresssituationen umgehen kann.“

Merit plädiert daher tendenziell gegen das gezielte Einhalten der Regelstudienzeit und möchte Studierende wie Absolvent*innen dazu ermutigen, während und nach dem Studium weiter über den Tellerrand zu schauen:

„Was man sich leider sehr oft anhören muss, sind Sachen wie: Bist du sicher, dass du nochmal ins Ausland willst? Musst du diese Sprache jetzt noch lernen? Willst du nicht lieber mal fertig werden? Aber das ist das, was mir mit am meisten gebracht hat. Du solltest das, was du im und rund ums Studium persönlich verwirklichen willst, unbedingt machen. Ich wurde im Bewerbungsgespräch und danach nur darin bestätigt, dass das absolut das Richtige war.“

Hast Du Fragen an Merit? Melde Dich gerne bei ihr: meritdoerner@gmx.net

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  1. Ich verfolge die Blogartikel mit und bin begeistert wie gut der Blog angenommen wird und wie hoch die Qualität der Beiträge ist. Chapeau! Das hat sich gelohnt!

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